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Neues in Ubuntu 15.04 "Vivid Vervet"

Kein Affenzirkus

Anders als ursprünglich von Canonical geplant, entpuppt sich Ubuntu 15.04 als überwiegend konservatives Release. Frischen Wind gibt es vor allem bei Kubuntu mit KDE 5.

Pünktlich wie ein Uhrwerk erblicken jährlich im April und im Oktober neue Ubuntu-Versionen das Licht der Welt [1]. Am 23. April erschien Ubuntu 15.04 mit Kernel 3.19 sowie demselben Unity-Desktop 7 wie bereits der Vorgänger. Auch unter Ubuntu 15.04 mischt das Unity-Startmenü noch Anwendungen mit Verkaufsangeboten aus (abschaltbaren) Online-Datenquellen. Neben der Standard-Ausgabe mit Unity gibt es acht offizielle Versionen mit den Benutzeroberflächen KDE Plasma 5.2 (Abbildung 1), Gnome 3.14, LXDE 0.5.0, XFCE 4.10.10 sowie – erstmals – auch mit dem Gnome-2-Fork Mate 1.8 (Abbildung 2).

Der neue Spross Ubuntu Mate [2] kommt Anhängern des klassischen Gnome-2-Desktops entgegen; Kubuntu dagegen gibt sich innovativ: Es setzt auf die brandneue Version 5 der Plasma-Shell. Der Gnome-Desktop liegt in Version 3.14 bei (Abbildung 3). Im Vergleich zur Vorgängerversion 3.12 aus Ubuntu 14.10 änderten sich aber nur Feinheiten. Für schwachbrüstige Rechner gibt es weiterhin Lubuntu mit dem LXDE-Desktop [3] sowie Xubuntu mit XFCE [4].

Abbildung 1: Kubuntu 15.04 wagt den Sprung auf KDE Plasma 5, das dem Anwender überraschend wenig Umgewöhnung abverlangt. Im Moment laufen neben wenigen bereits portierten KDE-Anwendungen problemlos auch Programme aus KDE SC 4.
Abbildung 2: Der in Ubuntu erstmals offiziell unterstützte Mate-Desktop konserviert Gnome 2. Neben dem Gnome-2-Startmenü aus dem letzten Jahrzehnt (links) stehen auch das aufgepeppte Mint-Startmenü (Mitte) und ein Dock à la OS X (unten) bereit.
Abbildung 3: Wie gehabt hält sich auch Gnome 3.14 unter Ubuntu 15.04 dezent im Hintergrund, bis der Anwender mit der Windows-Taste das vollflächige Startmenü "Aktivitäten" öffnet.

Die genannten Desktop-Varianten stehen allesamt als sogenannte "Flavours" [5] zur Verfügung. Dabei handelt es sich um Installationsabbilder mit einem vorinstallierten Desktop plus kleinen Anpassungen, zum Beispiel einem der Desktop-Optik folgenden Startbildschirm. Zusammen mit Edubuntu für Schulen, dem MythTV-Videorekordersystem Mythbuntu und dem chinesischen Kylin gibt es Ubuntu nun also in neun Geschmacksrichtungen. Alle Desktop-Umgebungen lassen sich über die Meta-Pakete kubuntu-desktop, ubuntu-gnome-desktop, mate-desktop-environment, xfce4 und lxde in ein laufendes System jedes Flavours nachrüsten.

Altes und Neues

Am Installationsprozess änderte sich nichts Nennenswertes: Der Installer schlägt weiter Varianten für die Festplattenaufteilung vor und bietet ein intuitives grafisches Werkzeug für das manuelle Partitionieren. Eine Aktualisierung von Version 14.10 auf 15.04 klappte im Test reibungslos.

Ursprünglich verfolgte Canonical mit Ubuntu 15.04 viel weitreichendere Pläne: Mit der nächsten Version 8 des Unity-Desktops und dem Display-Server Mir [6] als Ersatz für das angestaubte X-Window-System (siehe Kasten "Mir vs. X-Window-System") sollte sich Ubuntu ebenso für kleine Smartphone-Bildschirme eignen wie für klassische Desktop-PCs. Allerdings ging Canonicals ambitionierter Zeitplan nicht auf: Es gelang den Entwicklern nicht, den neuen Display-Server termingerecht fertigzustellen. Deshalb nutzt Ubuntu 15.04 weiterhin Unity 7 mit nur marginalen Änderungen gegenüber Ubuntu 14.10.

Unabhängig von Canonicals Plänen gilt aber für Ubuntu: Der Linux-Anwender muss sich keinen halbgaren Kompromiss zwischen Maus- und Touchscreen-Bedienung aufdrängen lassen. Dafür bürgt schon die neue Ubuntu-Geschmacksrichtung Ubuntu Mate und deren klassischer Desktop mit Leisten und Startmenü.

Mir vs. X-Window-System

Jahrzehntelang leistete das X-Window-System als Basis für grafische Oberflächen auf unixoiden Betriebssystemen gute Dienste. Erst seit dem Aufkommen von Desktop-Effekten wie weich ein- und ausblendenden oder wie Pudding wackelnden Fenstern knirscht es im Getriebe: Unter X-Window läuft der Fenstermanager als separates Programm und spricht die Grafikkarte nur über die X-Zwischenschicht an.

Das kostet bei Animationen, also Bildfolgen im Millisekunden-Bereich, kostbare Zeit. Vereinigt man beide Komponenten in einem, wie in den beiden neu konzipierten Display-Servern Mir und Wayland, laufen Animationen flüssiger ab und kosten weniger Rechenleistung. Auf langsameren Geräten reduziert das die Gefahr des Ruckelns. Zugleich bietet eine Umstellung die Chance, Funktionen zu entsorgen, die ohnehin niemand mehr benutzt, wie eine Schriftdarstellung ohne Kantenglättung oder überflüssige Zeichenfunktionen nach dem Geschmack der frühen 90er-Jahre.

Die von den meisten Programmen genutzten Toolkits wie Qt und GTK unterstützen Wayland bereits oder arbeiten zumindest daran. Die Anwendungsprogramme selbst müssten die Entwickler also nicht entsprechend anpassen. Als erfolgversprechendster X-Window-Nachfolger gilt das Wayland-Projekt. Canonical jedoch attestiert Wayland [6] mangelhafte Tauglichkeit als Handy-Oberfläche und hob deswegen die Alternative Mir [7] aus der Taufe.

Während der gute, alte X-Server also noch für ein oder zwei Ubuntu-Versionen seinen Dienst versehen wird, schnitten die Entwickler bereits jetzt beim System zum Starten von Hintergrunddiensten alte Zöpfe ab: Hier versieht ab sofort nicht mehr die Ubuntu-Eigenentwicklung Upstart [8] ihren Dienst, sondern das inzwischen auch von den meisten anderen Distributionen genutzte Systemd [9]. Desktop-Anwender bekommen davon in der Regel aber nichts mit. Administrieren Sie jedoch das System auf der Kommandozeile, müssen Sie sich umstellen (siehe Kasten "Systemd und Upstart").

Systemd und Upstart

Der Ubuntu-Sonderweg beim Start von Systemdiensten war einst Teil der Canonical-Vision eines auch auf Mobilgeräten zügig bootenden Systems: Anders als das klassische SysV-Init startete Upstart die Dienste nicht nacheinander, sondern auf Basis sorgfältig definierter Abhängigkeiten soweit wie möglich parallel.

Upstart bescherte Ubuntu aber eine ganze Reihe von Bugs, die die Entwickler ohne Rückgriff aus Lösungen aus anderen Distributionen ausbügeln mussten. Inzwischen hat sich die Welt weiter gedreht: Mit Systemd avanciert unter Linux ein neues Init-System zum Standard, das ebenfalls den parallelen Start von Diensten beherrscht. Da auch Debian, die Basis für Ubuntu, sich zum Umstieg durchgerungen hat, lag es für Canonical nahe, hier nachzuziehen.

Der Wechsel zu Systemd hat in der Linux-Welt allerdings die Gemüter erhitzt: Viele Anwender liefen Sturm; es kam sogar zur Systemd-freien Debian-Abspaltung Devuan, deren Zukunft allerdings noch ungewiss erscheint. Wegen der definierbaren Abhängigkeiten unter den Diensten weinen viele dem klassischen, als Shellskript umgesetzten SysV-Init allerdings keine Träne nach: So bewirkt unter Systemd zum Beispiel der Start des NFS-Diensts automatisch ein Aktivieren der Netzverbindung, und der Dienst startet erst, wenn diese steht.

Wie schon Upstart setzt Systemd zum Starten der Dienste nicht mehr auf Shellskripte. Die Syntax der Dienste-Definitionen ("Unit-Files") weicht von jener der Upstart-Job-Definitionen ab, ist jedoch leicht verständlich. Dienste fahren nun auf den Befehl systemctl start Dienst hoch. Daneben existieren die Kommandos stop, status, enable sowie disable. Im Moment funktioniert der Upstart-typische Aufruf service Dienst start|stop|status noch und fungiert als Wrapper für den passenden Systemctl-Aufruf.

Systemd schreibt Meldungen der von ihm verwalteten Dienste selbst mit, statt sie wie bisher an den Syslog-Dienst weiterzureichen. Dass Systemctl seine Protokolle nicht in Textdateien ablegt, sondern in Binaries, hat ihm viel Kritik eingebracht: Die Logs lassen sich nun nicht mehr direkt via less oder in einem Texteditor betrachten, sondern nur noch im mitgelieferten Tool journalctl.

Dafür bringt Journalctl nützliche Filteroptionen mit, die das Durchkämmen ellenlanger Logs erleichtern: journalctl -b zeigt die Einträge ab dem letzten Systemstart, journalctl --since -5m jene der letzten fünf Minuten. journalctl -u ssh liefert nur die Ausgaben des Dienstes SSH. journalctl -f gibt laufend neue Einträge auf der Konsole aus wie früher tail -f /var/log/messages.

Einheits-Desktop

Statt wie ursprünglich geplant Unity 8 einzuführen, drehten die Entwickler beim gegenüber dem Vorgänger praktisch unveränderten Desktop lediglich an einem Detail: Die Menüs von Programmen erscheinen nun standardmäßig nicht mehr in der oberen Desktop-Leiste, sondern nisten sich in der Fensterleiste ein, sobald der Mauszeiger diese berührt. Das ließ sich bereits in Ubuntu 14.10 schon in den Systemeinstellungen wählen, funktionierte jedoch nicht reibungslos: Bisweilen klappte das Menü trotz Mauskontakt ein. Diesen nervigen Fehler beseitigten die Entwickler jetzt (Abbildung 4).

Abbildung 4: Unter Ubuntu 15.04 funktionieren erstmals beide Optionen für die Menüanzeige – In der Menüleiste und In der Titelleiste des Fensters – zuverlässig.

Die neue Platzierung dürfte Anwender anderer Systeme oder Distributionen weniger vor den Kopf stoßen als die nur OS-X-Nutzern vertraute Platzierung in der Desktop-Leiste, die auch längere Mauswege erfordert. In jedem Fall spart der Unity-Desktop ein paar Prozent Bildschirmhöhe zugunsten des eigentlichen Anwendungsfensters ein. Ob man dies auf flachen 16:10-Bildschirmen als Vorteil empfindet oder es als Nachteil betrachtet, dass das Menü erst nach Mausaktivierung erscheint, bleibt eine Frage des Geschmacks und der Monitorgröße.

Das sogenannte Head-Up-Display (Abbildung 5), ein sowohl maus- als auch touchscreentauglicher Ersatz des klassischen Startmenüs, bringt eine Portion Intelligenz mit: Es passt die Reihenfolge der angezeigten Programme den Vorlieben des Benutzers an. Durch Tippen von zwei bis drei Buchstaben finden Sie so schnell Programme oder Dokumente auf der Festplatte.

Abbildung 5: Beschränken Sie die Quellen, die der Startmenü-Ersatz Dash durchsucht, dann lässt es sich mit der viel gescholtenen Funktion auf allen Gerätetypen zügig und entspannt arbeiten.

Unity-Anwendern bleiben bei der Konfiguration nur wenige Freiheiten: Statt des Standard-Brauns liefern die Entwickler noch ein helleres und ein kontrastreiches Thema mit. Die Größe der Starter-Icons dürfen Sie konfigurieren und den ganzen Starter bis zum nächsten Mauskontakt ausblenden – viel mehr aber nicht. Zum Beispiel lassen sich die Icons rechts in der oberen Leiste nicht verändern, ohne Unity neu zu kompilieren. Es ist daher anzunehmen, dass der Unity-Desktop trotz frischer Ideen nicht alle Benutzer zufriedenstellt. Zum Glück gibt es die zuvor erwähnten Flavours.

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