Editorial 05/2015

Oops, they did it again

Inzwischen geht es Microsoft offenbar so schlecht, dass der Konzern selbst vor unfairen Mittel nicht mehr zurückschreckt, um die freie Konkurrenz auszubooten. Dazu zieht man in Redmond das mit Windows 8 geschickt lancierte Secure-Boot-Karnickel wieder aus dem Hut. So nicht, meint Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

dass bei Microsoft mit dem kommenden Windows 10 ein kompletter Paradigmenwechsel ansteht, dürfte inzwischen wohl jeder mitbekommen haben. Buchstäblich nicht umsonst verteilt der Konzern demnächst Updates auf sein neues Betriebssystem gratis an jeden, der zumindest ein Windows 7 nutzt, und sei es raubkopiert [1]: Microsoft schwenkt vom Betriebssystem als Produkt um auf Windows als Plattform, und das kann wiederum nur bedeuten, dass es auf dieser Plattform SaaS verkaufen will, Software als zahlungspflichtigen Service also. Nicht nur die Freiverteilung eines bislang eifersüchtig gehüteten Betriebssystems macht klar, dass Microsoft in diesem Paradigmen-Shift vor allem eine Überlebensfrage sieht. Auch an anderen Fronten lässt Redmond jetzt jede Zurückhaltung fallen: Das Stichwort lautet hier Secure Boot.

Sie erinnern sich sicher: Dieser UEFI-Bestandteil soll das das Booten auf vorher signierte Bootloader beschränken und so Schadsoftware oder andere unerwünschte Programme am Starten hindern. Als Microsoft mit den Hardware-Spezifikationen für Rechner, die sich mit dem Windows-8-Logo schmücken wollten, Secure Boot zwingend vorschrieb, stellte sich die dringende Frage, ob mit "unerwünschter Software" nicht etwa andere Betriebssysteme als Windows gemeint seien – Linux, zum Beispiel.

Entsprechender Kritik versuchte das Unternehmen seinerzeit den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem es in die Spezifikationen schrieb, Secure Boot müsse sich bei Geräten, die das Windows-8-Logo trügen, zwingend durch den Nutzer abschalten lassen. Schon damals wiesen Kritiker darauf hin, dass es sich dabei um eine hinterhältige Finte handeln könnte: Einmal eingeführt, könne Microsoft ja später immer noch Secure Boot zwingend vorschreiben und so nachträglich andere Betriebssysteme über die Hardware-Hersteller quasi "ab Werk" ausbooten.

Und tatsächlich: Mit Windows 10 will Microsoft offenbar genau das versuchen. Wie Mitte März auf der Entwicklerveranstaltung WinHEC 2015 in Shenzen präsentierte Folien [2] zeigen, verlangt Microsofts Qualifikationsprogramm für das Windows-10-Pickerl als Voraussetzung zwar immer noch ein aktiviertes Secure Boot, lässt aber die zwingende Forderung nach der Abschaltmöglichkeit für den User fallen [3]. Das könnten die Hardware-Hersteller "optional" integrieren. Dieses Prozedere hält Microsoft offenbar für geschickt eingefädelt – so kann man schließlich dem OEM die Schuld zuschieben, wenn sich auf dessen zugenagelter Hardware keine anderen Betriebssysteme mehr booten lassen.

Hält man in Redmond die Benutzer tatsächlich für derart gedächtnisschwach und unterbelichtet? Meines Erachtens demonstriert dieses hinterhältige Vorgehen eher, wie verzweifelt die Granden bei Microsoft inzwischen die Marktlage einschätzen und wie sehr freie Software und deren Ableger wie Android den einst unangefochtenen Software-Platzhirsch inzwischen in Bedrängnis gebracht haben. Letzte Ausfahrt Windows 10? Das kann Microsoft halten, wie es will, aber bitte ohne Dolchstöße in Richtung anderer Betriebssysteme.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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