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© Leung Cho Pan, 123RF

Neues in Bitwig 1.1

Geregelte Verhältnisse

Die digitale Audio-Workstation Bitwig bringt in der aktuellen Version 1.1 eine ganze Reihe bedeutender Verbesserungen mit – wir stellen Ihnen die wichtigsten davon vor.

Im November letzten Jahres veröffentlichte Bitwig Version 1.1 ihres kommerziellen Audio/MIDI-Sequenzer Bitwig Studio [1] und kurz darauf das Update 1.1.1. Die rasante Update-Politik ist nicht das einzige, was die Software trotz ihrer proprietären Lizenz ein bisschen wie ein wohlgepflegtes Linux-Projekt aussehen lässt.

Besonderes Augenmerk richteten die Entwickler nämlich auf die frei lizenzierte Controller-Schnittstelle, die sie einer Generalüberholung unterzogen. Das erlaubt es versierten Anwendern, in Javascript eigene Voreinstellungen für Keyboards, Controller-Oberflächen und ähnliche Hardware zu schreiben.

Kurz und knapp

Zu Bitwig Studio 1.0 erschien bereits in LU 06/2014 [2] ein ausführlicher Artikel, weswegen wir das Programm hier nur kurz vorstellen und uns dann auf die Neuerungen konzentrieren.

Die digitale Audio-Workstation (DAW) Bitwig Studio erlaubt es Ihnen, Klänge auf beliebig vielen Spuren aufzunehmen und Tracks mit Instrumenten-Plugins zu erzeugen sowie mit Effekten zu bearbeiten. Die Unterschiede zu seit Langem frei verfügbaren DAW-Lösungen für Linux liegen vor allem in einem sehr speziellen Bedienkonzept (Abbildung 1), das besonders für die Komposition neuer Stücke und für Live-Auftritte clevere Methoden bietet, die Alternativen wie Ardour [3] oder Qtractor [4] nicht mitbringen. Eine Gegenüberstellung von Ardour und Bitwig finden Sie im Kasten "Bitwig vs. Ardour".

Abbildung 1: Die Clip-Matrix von Bitwig ist ein hypnotisches Stück Musiksoftware, mit dem Sie viele Stunden intuitiv und reibungslos die eigenwilligsten Ideen ausprobieren. Die klassischen Tonspuren laufen parallel dazu im gleichen Projekt.

Bitwig vs. Ardour

In Sachen Design zeigt sich nur Ardour 3 Bitwig in etwa ebenbürtig. Die aktuelle Version kommt auch als einzige freie Linux-DAW dem Funktionsumfang des kommerziellen Konkurrenten nahe. Was Automation und Modulationsmöglichkeiten von Parametern angeht, reicht die Software aber nicht an Bitwig heran. Dafür unterstützt Ardour aber mehr und teilweise bessere Plugins im LV2-Format, das Bitwig bis vor Kurzem nicht kannte.

Dank der aktuellen Entwicklerversion des Plugin-Hostprogramms Carla [5] ist es jetzt aber möglich, diese auch in Bitwig zu verwenden. Dazu bietet Carla ein spezielles VST-Modul namens Carla Rack, das sich in Bitwig wie jeder andere Effekt einbinden lässt und das seinerseits alle unter Linux verfügbaren Plugin-Formate unterstützt. Unter den rund 300 Effekten und Synthesizern, die die Software jetzt unterstützt, finden sich hochentwickelte Module wie Calf Monosynth, eine ganze Reihe virtueller Gitarrenverstärker von Guitarix sowie viele kleine Helferlein. Im Test reagierte die grafische Oberfläche von Calf noch etwas träge, ansonsten funktioniert die Technik aber tadellos.

Ardour bietet auch die Möglichkeit, eine Unterstützung für VST-Module im Windows-DLL-Format einzukompilieren. Damit stehen dann einige beliebte Effekte und Klangerzeuger auch unter Linux bereit, die sich in Bitwig nur unter Windows verwenden lassen. Darüber hinaus stellt Ardour wesentlich mehr Möglichkeiten für den Umgang mit reinen Audio-Aufnahmen bereit. Was Bitwig auf diesem Gebiet mitbringt, geht allenfalls als simpel durch. Den einzigen Vorsprung vor Ardour in dieser Hinsicht stellen ein intuitiv bedienbares Timestretching und eine sehr nützliche Loop-Funktion für Audio/MIDI dar.

Anders als Ardour oder Tracktion benutzt Bitwig spezielle Editor-Fenster zum Bearbeiten von Audio und MIDI (Abbildung 2). Einerseits entspricht das Bearbeiten des Materials in einer Spur eher der intuitiven musikalischen Logik eines Stücks, andererseits lassen sich in einen speziellen Editor mehr Möglichkeiten integrieren. Bitwigs Editor bietet bei geringerem Lernaufwand eine genauso eingängige Bedienung wie der von Ardour und offeriert darüber hinaus einige Spezialfunktionen, die man sich eigentlich für jeden MIDI-Editor wünschen würde. Als sehr nützlich erweist sich zum Beispiel die Möglichkeit, beim Bearbeiten einer Spur eine beliebige andere als Hintergrund einzublenden.

Abbildung 2: Oben der einfache MIDI-Editor von Ardour, der direkt in der Spur arbeitet, darunter der separate MIDI-Editor von Bitwig 1.1.1 mit einer praktischen Spezialansicht, die nur im Stück verwendete Noten anzeigt.

Außerdem bietet das Programm Möglichkeiten für das Automatisieren und Modulieren von Klangerzeugern und Effekten, die nicht nur unter Linux ihresgleichen suchen. So lässt sich beispielsweise die Musik in einer Audio-Spur als Wellenfunktion auf den Parameter eines Effektgeräts anwenden – und zwar an einer beliebigen Stelle des jeweiligen Projekts.

Bitwig Studio basiert zum Teil auf Java, womit es sich leicht auf alle gängigen Plattformen portieren lässt. Derzeit stellt die Softwareschmiede Versionen für Linux, Mac OS und Windows zum Download bereit. Allerdings handelt es sich dabei nicht um reine Java-Applikationen, die sich nur auf die Kompatibilität des jeweiligen JRE verlassen: Die Kernfunktionen programmierten die Entwickler nativ für Linux, was man dem Programm deutlich anmerkt. Nach einem relativ langwierigen Startvorgang fühlt es sich wie jede andere native Linux-Software an.

Die Entwickler von Bitwig zeigten im Interview zum ersten Beta-Release nicht nur großes Interesse für Linux, sondern auch entsprechende Kompetenz insbesondere hinsichtlich dessen speziellen Audio-Systems. Auch die gleichermaßen hübsch und gut bedienbar gestaltete Oberfläche passt sich nahtlos in Linux ein. Als Dateiwähler verwendet Bitwig Gtk; Probleme mit dem Fenstermanagement, wie bei manchen anderen Crossplatform-Programmen, tauchen nicht auf.

Mehr Verständnis

Schon bei der Installation zeigt sich Bitwig Linux-affin. Das 64-Bit-Debian-Paket lässt sich auf einem neu eingespielten Kubuntu 14.04.1 mit Dpkg tadellos installieren. Auch Nutzer von OpenSuse und Fedora melden erfolgreiche Installationen des DEB-Paketes. Allerdings gilt es, dieses zuvor mit dem Tool Alien zu einem RPM-Paket zu konvertieren. Im Test scheiterte die Installation eines derart generierten Pakets unter OpenSuse 13.2 jedoch an fehlenden Abhängigkeiten, die sich auch nicht manuell korrigieren ließen.

Da die gesamte Authentifizierung der Lizenz ausschließlich beim ersten Start des Programms stattfindet, stellen Anpassungen am Installationspaket auch kein Lizenzproblem dar. Wenn Bitwig, auf welchem Weg auch immer, in /opt/bitwig-studio/ installiert ist, lässt es sich entsprechend starten und freischalten. Die Lizenz für Bitwig 1.0 aktiviert nach einem Login beim Programmstart auch das Update 1.1.

Allerdings funktionierte nach einer Neuinstallation des Betriebssystems die Offline-Aktivierung nicht mehr. Zudem zeigt sich die Authentifizierung der Session durch einen Login in den Bitwig-Account nicht besonders stabil. Er scheint nach einiger Zeit von Bitwigs Webserver einen Timeout zu bekommen, durch den das Programm in den Demo-Modus zurückfällt. Wer ein schon vorher benutztes Bitwig neu installiert, sollte deswegen beim Support nach einem neuen Ticket für die Offline-Registrierung fragen. Grundsätzlich ist es auch möglich, bereits vorgenommene Registrierungen zu löschen, um eine neue anzulegen. Ein für die Offline-Arbeit registriertes Bitwig lässt nicht mehr erkennen, dass es sich um kopiergeschützte Software handelt; auch Updates verlaufen reibungslos.

Das größte Problem, das Bitwig mit dem Linux-Audio-System hatte, besteht immer noch: Nach dem Start der aktuellen Version mit laufendem Jack-Audio-Server als Schnittstelle nimmt Bitwig keine MIDI-Signale mehr von einem angeschlossenen Keyboard entgegen. Das einfache, aber bewährte Behringer-UMX-Keyboard erkennt die Software zwar durchaus und bindet es als generischen Controller ein, aber weder Klangerzeuger noch Parameterregler reagieren in Bitwig auf die Signale des UMX.

Allerdings verschwindet dieses Problem, wenn Sie auf den Einsatz des in Jack eingebauten MIDI-Systems verzichten. Starten Sie Jack ohne die Optionen -Xseq oder -Xraw, funktioniert das Keyboard im Test tadellos. Da viele fortschrittliche Musikprogramme den Jack-MIDI-Server aber inzwischen exklusiv nutzen, erscheint das nicht als zufriedenstellende Lösung.

Gleichzeitig bringt Bitwig 1.1 aber auch einige wirkliche Verbesserungen für MIDI unter Linux: Außer den Hardware-Ports, wie sie zum Beispiel per USB angeschlossene Keyboards erzeugen, erkennt die Software jetzt auch die virtuelle MIDI-Schnittstelle von Alsa. Dazu gilt es, vor dem Start von Bitwig das Virmidi-Kernel-Modul zu laden:

$ sudo modprobe snd-virmidi snd_index=1

Der Befehl erzeugt automatisch vier neue Schnittstellen mit jeweils 16 Kanälen, die sich anschließend in Bitwig als Ein- oder Ausgang für MIDI-Daten auswählen lassen. Eingänge nutzen Sie, indem Sie unter Menü | Options ein neues generisches Keyboard anlegen, dem sich eine der Virmidi-Schnittstellen zuordnen lässt. Zur Auswahl von Ausgängen fügen Sie in eine Spur das Spezial-Plugin Hardware Instrument ein. Es zeigt die Virmidi-Kanäle in der Liste seiner Ausgänge an (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Ausgang eines Hardware-Device-Plugins, verdrahtet mit dem Eingang von Rosegarden über Alsas virtuelle MIDI-Schnittstelle Virmidi.

Allerdings lässt sich auch diese Technik nur dann nutzen, wenn Sie Jack ohne dessen eigenes MIDI-System starten. Da fortschrittliche Linux-Synthesizer wie Calf oder Yoshimi exklusiv auf Jack-MIDI setzen, bleiben sie deshalb trotz dieser Fortschritte für Bitwig-Nutzer außen vor.

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