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Editorial 02/2015

Zahlenspiele

Zum Beginn des neuen Jahres verortet mancher Kommentator Linux unter aussterbenden Gattungen oder zählt es zumindest zu den gefährdeten Arten. Alles Quatsch, rechnet Chefredakteur Jörg Luther vor.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mit schöner Regelmäßigkeit überschlugen sich in den vergangenen Jahren vor allem US-Computermedien darin, zu Jahresbeginn das "Jahr des Linux-Desktops" auszurufen. 2015 allerdings sucht man entsprechende Schlagzeilen vergeblich, und wenn Linux schon vorkommt, dann als Cloud- und Virtualisierungsplattform. Eine der traditionsreichsten US-Computerzeitschriften, die seit 1957 existierende Datamation, stellte Ende 2014 gar die unheilschwangere Frage "Warum gibt es immer weniger Linux-Distributionen?" und verglich deren Verschwinden mit dem rätselhaften Bienensterben [1].

Zugegeben, manchmal könnte man durchaus auf die Idee kommen, es existierte fast nur noch Ubuntu samt Ablegern, ein wenig Debian hie, und da vielleicht mal ein bisschen Fedora. Aber ist das wirklich so? Zu den verlässlichsten Quellen in Sachen Distributionen gehört schon seit 2001 die Website Distrowatch.com [2], die Informationen rund um jedes Release sammelt, die enthaltene Software kartiert und ein Ranking der Beliebtheit vornimmt [3].

Was sagt nun also Distrowatch in Sachen Linux-Distributionen? Bemüht man die ausgefeilte Suchseite des Distributionskatalogs [4], dann ergibt sich allerdings ein überraschendes Bild. Die Site hat stattliche 750 Distributionen kommen und nicht weniger als 428 davon wieder gehen gesehen – nur eine von drei aus der Taufe gehobenen Linux-Zusammenstellungen überlebt also langfristig. Trotzdem stehen heute gut 260 Distributionen zur Auswahl, davon 166 explizit für den Desktop.

Anders, als man denken könnte, handelt es sich bei Ubuntu und Co. allerdings weder um die wichtigste noch um die einflussreichste Distributionslinie. Vielmehr stammt nicht weniger als die Hälfte aller heute existierenden Distributionen auf direktem Weg von Debian ab – nicht zuletzt Ubuntu selbst. Letzteres muss sich, bei aller Popularität, samt allen seinen Ablegern weit abgeschlagen mit dem zweiten Platz begnügen, findet sich aber immerhin im Stammbaum jeder vierten Distribution. Die Fedora-Familie zählt noch knapp zwei Dutzend Mitglieder; Slackware, Red Hat, Arch Linux und Gentoo verdienen mit jeweils um die 10 Ableger zumindest eine ehrenvolle Erwähnung. Das restliche Achtel des Distributionsspektrums verteilt sich auf Exemplare, die keinem der klassischen Stammbäume entspringen und auf eigenen Wurzeln basieren.

Wie dieser kleine Zensus verdeutlicht, handelt es sich bei den Distributionen also keineswegs um eine aussterbende Gattung, im Gegenteil: Auf der Warteliste von Distrowatch stehen nicht weniger als 264 Exemplare, die aus Zeitgründen noch nicht erfasst werden konnten, darunter Schmankerl wie ArkOS, Chapeau, DMDc oder Maui, die wir Ihnen hier im Heft schon ausführlich vorgestellt haben.

Auch sonst sieht es für Linux und Open Source im eben angebrochenen neuen Jahr nicht schlecht aus: Die EU will in Ihrer künftigen IT-Strategie freie Software bevorzugen und sicherstellen, dass Open Source sich unter den gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen einsetzen lässt wie proprietäre Software [5]. Außerdem hat das Europäische Parlament eine Million Euro für ein Projekt ausgelobt, um freie Software angemessenen Security-Audits zu unterziehen und gegebenenfalls zu verbessern [6]. Google überlegt laut, künftig in allen seinen Produkten ODF 1.2 voll zu unterstützen, allen voran in Drive und ChromeOS [7]. Langer Rede kurzer Sinn: 2015 verspricht rundum, wieder ein erfreuliches Jahr für Open Source im Allgemeinen und Linux im Besonderen zu werden – gehen wir es also in aller Seelenruhe an.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] "We're losing distros, and, as with the bees, no one knows why.": http://www.datamation.com/open-source/why-is-the-number-of-linux-distros-declining.html

[2] Distrowatch: http://distrowatch.com

[3] Distrowatch-Ranking: http://distrowatch.com/dwres.php?resource=popularity

[4] Distrowatch-Suche: http://distrowatch.com/search.php

[5] OSS-Strategie der Europäischen Kommission: https://joinup.ec.europa.eu/sites/default/files/ckeditor_files/files/09_Pierre_Damas_Open_ICT_Procurement_3_Dec_2014.pdf

[6] "EU to fund Free Software code review": http://fsfe.org/news/2014/news-20141219-01.html

[7] "OpenDocument Format Plugfest event highlights how government pressure is driving open standards adoption": http://www.computerworlduk.com/in-depth/applications/3590196/is-google-coming-back-to-the-open-community-on-document-formats/

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