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LaTeX-Editor RTextdoc im Praxistest

Etikettenschwindel

Ein LaTeX-Editor verspricht Komfort bei der Eingabe des komplexen Markups. RTextdoc jedoch leistet sich im Test einige große Schnitzer.

Wer sich an LaTeX nicht so recht herantraut, der tut gut daran, seine Texte zuerst mit einem speziellen Editor zu schreiben – einem Programm wie RTextdoc [1]. Das verspricht neben der Kontrolle der Syntax viele Komfortfunktionen, die es ermöglichen sollen, mit wenigen Mausklicks korrekt formatierte Dokumente zu erstellen.

Das der GPL unterliegende RTextdoc ist in Java geschrieben und setzt eine entsprechende Laufzeitumgebung voraus (siehe Kasten "Installation"). Dafür läuft es sowohl unter Linux als auch unter Mac OS X und Windows. Für zusätzliche Flexibilität sorgt die Erweiterbarkeit über Plugins. Technisch basiert die Software auf dem ebenfalls in Java implementierten Editor RText [2], der schon viele der erwähnten Eigenschaften mitbringt.

Ein Blick auf die Liste der Funktionen zeigt, warum es sich lohnt, dieses Programm näher anzusehen: Die Software unterstützt mehr als 20 Sprachen, samt Rechtschreibkorrektur und einer eingebauten Grammatikprüfung via LanguageTool [3]. Auch einfache Zeichnungen erstellen Sie direkt in der Applikation, die Syntax von LaTeX und anderen Markup-Sprachen hebt die Software in den Quelltexten hervor. Lesezeichen und das Falten bestimmter Abschnitte beherrscht RTextdoc ebenso wie das Nummerieren von Zeilen und den Test auf paarweise Klammern. Zu guter Letzt unterstützt es neben Verweisen und Bibtex-Referenzen auch Quelltexte in anderen Programmiersprachen. Für mathematische Formeln gibt es einen WYSIWYG-Modus, Menüs und Makros lassen sich durch zusätzliche Funktionen ergänzen.

Installation

Die Entwickler werben mit einer einfachen Installation – tatsächlich genügt es, das Archiv mit der aktuellen Version zu entpacken, zum Beispiel unter /opt/, und das Programm anschließend mit dem beigefügten Skript rtextdoc.sh zu starten.

Allerdings gelingt dies nicht immer, manchmal hängt sich der Editor beim Starten auf. Darauf angesprochen, präsentierten die Entwickler nach drei Tagen einen Workaround: das Löschen des Ordners .rtextdoc/ im Home-Verzeichnis. Aber selbst dann passiert es, dass der Editor nicht startet. Testen Sie in diesem Fall, ob Sie ihn von der Kommandozeile aus starten können:

§ java -jar /RTextdoc-Pfad/rtextdoc.jar

Falls Sie den Vorläufer RText installiert haben, darf dieser nicht in der Variablen $CLASSPATH vorhanden sein – setzen Sie diese gegebenenfalls durch unset CLASSPATH zurück. Unter Ubuntu benötigen Sie unbedingt eine ausreichend neue Java-Runtime, mindestens Version 1.7. Sie testen dies durch die Eingabe von java -version in einem Terminal.

RTextdoc benötigt mehr als 220 MByte Festplattenplatz und startet als Java-Programm relativ langsam – jedoch nicht zögerlicher, als andere IDEs ähnlicher Komplexität.

GPL mit Zahlemann

Die Sache hat allerdings einen Haken: Viele der Möglichkeiten stehen nur in einer kostenpflichtigen, aktivierten Version bereit (siehe Tabelle "Ein Programm, zwei Versionen"). Das Freischalten kostet für Privatpersonen 20 US-Dollar. Tatsächlich lässt die GPL dieses Verfahren bei freier Software ausdrücklich zu, sofern die Quelltexte des Programms zugänglich bleiben.

Das gilt auch für die ausführlichere Dokumentation, auf die nur die aktivierte Version online zugreifen kann (Abbildung 1). Für die einzelnen Menüpunkte gibt es aber eine installierte Online-Hilfe (Abbildung 2). Sie finden sie im Installationsverzeichnis unter doc/ in Form zahlreicher HTML-Dateien. Diese erläutern zwar eine Reihe von Details, aber die Dokumentation zielt eindeutig auf Java-Programmierer ab, für die RText ursprünglich entwickelt wurde.

Abbildung 1: Bei RTextdoc steht die ausführlichere Dokumentation nur zahlenden Kunden bereit.
Abbildung 2: Die spärliche Online-Hilfe für die Menüs steht auch ohne Aktivierung bereit.

Das Aktivieren funktionierte im Test nicht ganz problemlos: Zwar richteten die Administratoren den Account nach etwa einem Tag ein, sodass der Zugriff auf die Dokumentation möglich war, aber beim Editor klappte das Freischalten der zusätzlichen Funktionen erst nach dem Löschen des bei der Installation angelegten Verzeichnisses ~/.rtextdoc/.

Ein Programm, zwei Versionen

Funktion Demo-Version Vollversion
Rechtschreibprüfung + +
Sprachen Englisch 42 per Download
Grammatikprüfung +
Syntax-Highlighting + +
Lesezeichen + +
Text falten + +
Zeilennummern + +
Klammertest + +
Textformatierung + +
Bibtex-Manager +
WYSIWYG für Gleichungen +
Integration in bestehende LaTeX-Umgebung +
LaTeX-Fehler anzeigen +
LaTeX-Werkzeuge +
LaTeX Strukturen +
Vorschau (PDF) +
Vorschau (Bibtex) +
Pdflatex-Support +
Eingebauter PDF-Betrachter +
LaTeX > HTML > LaTeX + +
Asciidoc > HTML +
Asciidoc > DocBook +
Asciidoc > PDF +
Automatisches Update +
Support und Dokumentation +

LaTeX-Fähigkeiten

Die Entwickler preisen RTextdoc als speziellen LaTeX-Editor an. Als Compiler setzt das Programm dabei auf das inzwischen veraltete Pdflatex und die schon seit Längeren kaum mehr weiterentwickelte Variante mittels Dvips. Eine native Unterstützung für Xelatex – die momentan wohl meistgenutzte Variante – sucht man vergeblich. Es ist aber im Prinzip möglich, andere TeX-Compiler zu verwenden. Dazu passen Sie die Einträge im Menü Macros an oder verwenden diese als Basis für eigene. In diesem Kontext hat der Begriff nichts mit den unter LaTeX benutzten Makros zu tun; es handelt sich hier um aus dem Editor aufrufbare Javascript- und Groovy-Routinen.

Wie das geht zeigt Abbildung 3: Dort kommt als Beispiel das Skript Run pdfLaTeX.groovy zum Einsatz. Durch Austausch der mit // do not modify überschriebenen Zeile, die den effektiven Code enthält, wäre es möglich, hier auch Xelatex anstelle von Pdflatex aufzurufen. Nun genügt es allerdings nicht, das Skript nun als xelatex.groovy zu speichern, damit der Editor es findet. Die Dokumentation schlägt stattdessen vor, es unter macros/ im Verzeichnis ~/.rtextdoc abzulegen.

Abbildung 3: Moderne Compiler integrieren Sie mit einigem Aufwand in die Software, auf Unterstützung von Seiten der Entwickler warten Sie allerdings vergeblich.

Eigentlich unterstützt das Programm sprachliche Anpassungen für die Menüs und Dialoge. Beim Vorläufer, dem in Java geschriebenen Editor RText, funktioniert das einwandfrei. Wie bei diesem finden Sie auch in RTextdoc unter Bearbeiten | Optionen einen umfangreichen Dialog, der es ermöglicht, die verwendete Sprache einzustellen. Allerdings klappte das Umstellen weder bei der freien noch bei der aktivierten Version.

Als weitere Besonderheit verspricht das Programm die Integration einer Umgebung, um Zeichnungen für LaTeX-Dokumente zu erstellen. Das erledigen Sie heute jedoch wesentlich besser mit Grafikprogrammen wie Mypaint oder Gimp, inklusive Export in ein unterstütztes Bitmap-Format: Diese Anwendungen sind für das Erstellen von Grafiken optimiert und erlauben spezielle Effekte – wie das Füllen von ausgewählten Bereichen mit Verläufen oder Ähnlichem. RTextdoc setzt für die Zeichnungen stattdessen auf das ebenfalls in Java entwickelte LatexDraw (Abbildung 4).

Abbildung 4: Sehr einfache Grafiken erzeugen Sie mit LatexDraw, haben aber anschließend kaum Möglichkeiten, diese zu modifizieren.

Dieses nicht sehr leistungsfähige Programm ermöglicht es bei den meisten Werkzeugen nicht, einmal gesetzte Punkte nachträglich zu verschieben, neue hinzuzufügen oder vorhandene zu entfernen. Außerdem setzt es das heute aus guten Gründen meistens nicht mehr verwendete Paket PSTricks voraus, das für Postscript-Ausgaben entwickelt wurde. Das wesentlich leistungsfähige PGF/TikZ für die Ausgabe von PDF unterstützt das Zeichenmodul dagegen nicht.

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