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© Chiramanas Jutidharabongse, 123RF

Tiling-Window-Manager im Überblick

Fliesenleger

Effizienz hat ihren Preis: Tiling-Window-Manager nutzen den Desktop optimal aus, doch die Konzepte erfordern einiges Einarbeiten.

Das heute bekannte Fenstersystem ist beinahe so alt wie die grafische Benutzeroberfläche selbst. Anwendungen laufen in eigenen Gucklöchern, die Sie übereinander stapeln und verschieben dürfen – sogar über den Rand des Bildschirms hinaus. Erweiterungen wie mehrere virtuelle Arbeitsflächen, Transparenzen oder Schattierungen des Rahmens helfen dabei, den Überblick über die Fenster zu behalten.

Doch Fenster ist nicht gleich Fenster: Die sogenannten Tiling-Window-Manager [1] legen Fenster nicht wie ein Maurer seine Steine übereinander, sondern ordnen sie wie ein Fliesenleger nebeneinander an. Dadurch überdeckt keines ein anderes. Dieses Konzept hat ansatzweise in den Fenstermanagern etablierter Arbeitsumgebungen Einzug gehalten (siehe Kasten "Alternativen"), aber zur Perfektion bringen es eher die Spezialisten unter den Window-Managern.

Alternativen

Kwin, Mutter und XFWM bieten bereits seit Längerem die Möglichkeit, Fenster nach dem Tiling-Konzept zu verwalten. Ausgeklügelte Regeln beim Verschieben und Ändern der Größe mit der Maus sorgen dafür, dass die Objekte an einem der Ränder des Desktops oder an anderen Fenstern einrasten, oder jeweils eine der vertikalen oder horizontalen Hälften sowie den ganzen Bildschirm bedecken. Für die Aktionen gibt es in der Regel Tastenkürzel.

Dabei gilt es zu bedenken, dass eine eventuelle obere Leiste der Fenstermanager möglicherweise hinter einer Kontrollleiste des jeweiligen Desktops verschwindet. Das betrifft insbesondere XFCE. Aber auch andere Arbeitsumgebungen platzieren eine Leiste am oberen Bildschirmrand.

Daher rät es sich an, zunächst den Fenstermanager und die Arbeitsumgebung getrennt voneinander zu starten und deren Konfigurationen entsprechend anzupassen. Ähnliches gilt für doppelt vergebene Tastenkombinationen, die im Extremfall dazu führen, dass sich das gewünschte Gespann nicht bedienen lässt.

Doch mit echtem Tiling hat das eher wenig zu tun: Es handelt sich vielmehr um ein Zugeständnis an Wünsche der Benutzer, die an diesem oder jenem Feature Gefallen gefunden haben, ihr gewohntes Verhalten aber nicht aufgeben wollen.

Awesome

An Awesome [2] fällt direkt auf, dass es keine herkömmlichen virtuellen Arbeitsflächen kennt: Stattdessen ordnet es einzelne Fenster in "Tags" ein. Das bedeutet andersherum, dass es ein Fenster nicht direkt über die darunterliegende Arbeitsfläche identifiziert und somit keine starre Zuweisung erfordert. Die unscharfe Logik beim Gruppieren erlaubt es, Fenster aus mehreren Tags gleichzeitig anzuzeigen – um das Anordnen kümmert sich Awesome selbst.

Hier zeigt sich schon einer der Vorteile der Kacheln: Die Software nimmt dem Benutzer die Arbeit ab, Fenster zu platzieren (Abbildung 1), und automatisiert den Vorgang in gewissen Grenzen. Das erscheint zunächst gewöhnungsbedürftig, aber schon nach kurzer Zeit empfinden viele Benutzer dies als Vorteil.

Abbildung 1: Awesome nimmt Ihnen die Aufgabe ab, die Fenster optimal auf dem Desktop zu platzieren.

Ein Rechtsklick auf den Hintergrund der Arbeitsfläche bringt ein kleines Menü zum Vorschein, über das Sie unter anderem ein Terminal öffnen oder die Dokumentation lesen. In der Leiste oben schalten Sie links zwischen den neun bereits erwähnten Tags um, daneben sehen Sie die Namen der geöffneten Fenster. Ein umfangreiches Menü, wie Sie es von Openbox oder dessen zahlreicher Verwandtschaft kennen, gibt es nicht.

In der Grundeinstellung fehlt die Dekoration der Fenster – das Konzept erfordert diese Elemente eigentlich nicht. Ein Verschieben fällt aus naheliegenden Gründen flach, und zum Schließen, Maximieren oder Minimieren nutzen Sie ohnehin entweder Tastenkombinationen oder die Maus in Kombination mit den Einträgen in der oberen Leiste.

In der Datei /etc/xdg/awesome/rc.lua finden Sie die systemweite Konfiguration, als Benutzer verwenden Sie die Datei ~/.config/awesome/rc.lua für individuelle Parameter. Letztere bearbeiten Sie über einen Eintrag im Menü, das Sie über den Rechtsklick auf dem Desktop aufrufen.

Das öffnet allerdings nur ein Terminal mit der Datei im Editor Vim – nicht unbedingt jedermanns Sache. Alternativ passen Sie die Datei mit jedem beliebigen Editor an. Dazu legen Sie sie erst einmal durch Kopieren an, Awesome erledigt das nicht automatisch. Bei dieser Gelegenheit bietet es sich an, gleich einen globalen Texteditor und ein bevorzugtes Terminal festzulegen (Listing 1).

Listing 1

terminal = "konsole"
editor = os.getenv("EDITOR") or "kate"
editor_cmd = terminal .. " -e " .. editor

Die Konfiguration basiert vollständig auf der Lua-Syntax, was sich komplett durch Awesome zieht: So setzt die Schnittstelle für Erweiterungen ebenfalls auf diese beliebte Sprache, für die es eine erfreulich große Anzahl von Plugins gibt [3]. Neue Desktop-Widgets stehen ebenso bereit wie Erweiterungen, die das Bedienen mit der Tastatur verbessern.

DWM

Mit dem "Dynamic Window Manager" [4] wandern Sie in der Linie der Ahnen zurück zum Urvater von Awesome. Laut Webseite agiert DWM im Vergleich zu den Mitbewerbern schneller und ist kleiner und einfacher. Andererseits fehlt ihm die Lua-Schnittstelle, und nicht nur das: Die Entwickler haben festgeschrieben, dass die Codebasis 2000 Zeilen nie überschreitet. Das vereinfacht es zwar, den Code zu warten, führt aber unvermeidlich zu Einschränkungen. Es existieren zwar DWM-Pakete für viele Distributionen, aber die bilden kaum mehr als eine Vorschau auf das, was sich tatsächlich mit der Software anstellen ließe.

Eine Konfiguration durch den Benutzer via Datei sieht DWM schlichtweg nicht vor. Allerdings existiert ein alternativer Weg, denn schließlich haben Sie es mit freier Software zu tun: Sie passen den Quellcode direkt an, um den Fenstermanager (in recht engen Grenzen) an Ihre Wünsche anzupassen. Das unterläuft dann aber unter Umständen den Sinn einer Paketverwaltung – es sei denn, Sie verpacken das Programm erneut oder installieren es nach /usr/local. Alles in allem wenig benutzerfreundlich und eher für die Hartgesottenen gedacht, die auch "Linux From Scratch" als System der Wahl bevorzugen.

Einige Verhaltensweisen von Awesome finden sich bereits in DWM: Das obere Panel mit den neun Tags und der Fensterliste ist präsent und ähnlich zu bedienen. Etwas anders funktioniert aber das Verwalten der Fenster: DWM unterscheidet dabei nicht zwischen Ebenen. Ob ein Fenster fest auf dem Desktop steht oder schwebt (wie modale Dialoge), spielt anders als bei anderen Tiling-Fenstermanagern für DWM keinerlei Rolle. Weiterhin gibt es eine Möglichkeit, alle Fenster ungeachtet deren tatsächlicher Größe zu maximieren und übereinander zu stapeln.

Aufgrund der fehlenden Möglichkeit, die Software als Nutzer zu konfigurieren, gestaltet es sich einigermaßen schwierig, Sitzungen zu verwalten. Die nach der Installation des Pakets vorhandene Datei /usr/share/xsessions/dwm.desktop startet nur den Fenstermanager selbst. Ein rudimentärer Autostart für ein zusätzliches Panel, ein Netzwerk-Applet oder Ähnliches ließe sich realisieren, indem Sie die gewünschten Programme in ein Skript einbauen und dieses statt des puren Binaries starten.

Wenn Sie zumindest über Grundkenntnisse im Programmieren von C verfügen und den etwas anderen Weg nicht scheuen, erhalten Sie tatsächlich mit DWM einen rasend schnellen Fensterverwalter, dessen Anforderungen an die Hardware für heutige Verhältnisse kaum noch erwähnenswert sind. Dies erweist sich insbesondere beim Wiederbeleben von Hardware für spezielle Anwendungsfälle als interessant, für die ansonsten kaum ein Fenstermanager geeignet wäre.

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