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Made in India

Freie Software und Linux in Indien

18.06.2014
Mit Boss Linux entwickelt das indische Ministerium für Kommunikation und Information eine eigene Linux-Distribution. Das System etabliert sich in den Behörden vor Ort mehr und mehr als Windows-XP-Nachfolger.

Nach langem Zaudern kündigte Microsoft zum 8. April 2014 sein betagtes Betriebssystem Windows XP endgültig ab. Während in Europa zahlreiche staatliche Institutionen die Entwicklung grob fahrlässig verschliefen und jetzt Steuergelder herhalten müssen, um auftretende Sicherheitslücken exklusiv stopfen zu lassen [1], gehen die Verantwortlichen im Vielvölkerstaat Indien andere Wege: Hier verabschiedet man Microsoft und migriert zu Linux.

Ausgeschlafen

Indien verschreibt sich bereits seit Jahren einer konsequenten Open-Source-Strategie. Dazu bündelte das Land mit seinen mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern schon seit längerer Zeit mit dem C-DAC (Centre for Development of Advanced Computing) und dem NRCFOSS (National Resource Centre for Free and Open Source Software) Forschungs- und Entwicklungskapazitäten, um eine eigene Linux-Distribution auf die Beine zu stellen.

C-DAC bietet das indische Linux in verschiedenen Ausprägungen für unterschiedliche Einsatzzwecke an. Die Distribution soll im behördlichen Umfeld sowie in Schulen auf Clients und Servern einen kostengünstigen Einsatz moderner IT-Strukturen ermöglichen. Ein Schwerpunkt bei der Entwicklung von Boss Linux (Bharat Operating System Solutions, [2]) liegt auf der Unterstützung möglichst vieler landestypischer Sprachen, um den Bürgern den Zugang zu Computersystemen in ihrer jeweiligen Muttersprache zu gewähren und so Hürden beim EDV-Einstieg abzubauen.

Boss Linux setzt auf Debian auf und arbeitet daher – nicht nur wegen der langen Release-Zyklen – außerordentlich stabil. Zudem bietet es auch den für ein Anwendungsspektrum vom Server bis zum Schüler-Desktop nötigen, umfangreichen Softwarefundus. Zusätzlich bringt das Betriebssystem Eigenentwicklungen aus den indischen Softwareschmieden mit. Rund um das eigentliche Betriebssystem veranstalten die Entwickler außerdem regelmäßig Workshops für Anwender und Lösungsanbieter. Um auch Newcomern den leichten Einstieg in die Welt freier Software zu ermöglichen, geben die über das ganze Land verteilten Dependancen des C-DAC kostenfrei Datenträger mit Boss Linux ab. Außerdem erhalten Interessierte auch vor Ort per Telefon oder E-Mail kostenlosen Support.

Im südlichen indischen Bundesstaat Tamil Nadu, der Entwicklungsstätte von Boss Linux, trägt diese Strategie Früchte: So steigen mit dem Ende des Supports von Windows XP die Regierungsstellen auf das eigenentwickelte Linux-System um [3]. Zudem beabsichtigen Indiens Banken mit dem Support-Ende für Windows XP Embedded am 12. Januar 2016 ebenfalls eine großflächige Migration auf Boss Linux. Die soll rund 115 000 Bankautomaten der Hersteller NCR und Diebold betreffen [4].

In erster Linie zeichnet der indische Geldautomaten-Hersteller Vortex [5] dafür verantwortlich, dass Linux in der bisherigen Windows-Domäne Indien Subkontinent – und zukünftig auch in vielen anderen Ländern – auf dem raschen Vormarsch ist: Das Unternehmen bietet mit dem rund 450 Kilogramm schweren Ecoteller den weltweit ersten komplett mit Linux betriebenen Geldautomaten an. Der Linux-ATM arbeitet extrem energieeffizient und eignet sich damit auch zum Anschluss an Solarmodule. Zudem ist er für den Einsatz für die in Südasien vorherrschenden tropischen Temperaturen bis 50 Grad Celsius ausgelegt.

Freie Wahl

Das frei erhältliche Boss Linux steht in verschiedenen Varianten als ISO-Image zum Download bereit [6]. Der universelle Desktop in Version 5.0 umfasst ein rund 3,5 GByte großes Image, das sich für 32-Bit-Architekturen eignet. Der moderne Kernel in Version 3.1 enthält allerdings die PAE-Erweiterung, sodass einige ältere mobile Intel-Prozessoren und viele Atom-CPUs damit nicht zurechtkommen. Andererseits erlaubt die Erweiterung den Einsatz von mehr als 4 GByte Arbeitsspeicher auch auf 32-Bit-Systemen.

Sofern Sie einen Prozessor ohne PAE-Unterstützung in Ihrem System nutzen, bietet sich der Einsatz von Netboss Linux an, der Boss-Variante speziell für Atom-Prozessoren. Als weitere Spielarten bietet das Ministerium Eduboss für den Einsatz in Schulen an sowie den Boss-Server, der unterschiedlichste Dienste bereithält und viele – teils auch grafische – Verwaltungswerkzeuge mitbringt. Neu ins Programm hinzu kam das Mool-Projekt [7], das durch die Entkopplung von Kernel und Treibermodulen verbesserte Wartungsmöglichkeiten des Systems erreichen will.

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