Editorial 07/2014

Vernagelte Flimmerkiste

Liebe Leserinnen und Leser,

Video-on-Demand-Dienste wie Watchever, Amazon Prime Video, Maxdome, Sky Go und der Branchenprimus Netflix gelten als Schlüsselunternehmen für die Zukunft des Mediengeschäfts. Die Tage des linearen Fernsehens, das stumpf Sendung nach Sendung abspult, scheinen gezählt. Es wäre aber verfehlt, hier die Rechnung ohne den Wirt aufzumachen: Die Content-Industrie wacht mit Argusaugen über ihre teuer produzierten Inhalte. HD-Video-Streams ohne digitale Rechteminderung (DRM) – ein markerschütternder Alptraum für alle Hollywood- und TV-Studios.

Daher setzen sämtliche VoD-Anbieter auf Microsofts Silverlight. Gut möglich, dass ihnen dabei gar keine Wahl bleibt: Entweder, sie verschlüsseln mit Silverlight, oder die Content-Industrie rückt die gewünschten Inhalte nicht heraus. Für Windows- und Mac-OS-User stellt das Browser-Plugin nur einen weiteren binären Blob auf dem Rechner dar – mit Linux steht man jedoch einmal mehr vor verschlossenen Türen. Die Dienste melden allesamt lakonisch Bitte installieren Sie Silverlight, die Entwicklung einer Linux-Version des Plugins aber steht bei Microsoft nicht auf dem Programm – wenig verwunderlich.

Als Linux-Anwender müssen Sie dennoch nicht auf Kinofilme und TV-Serien per Stream verzichten. Das Pipelight-Projekt entwickelt einen Silverlight-Wrapper, der mithilfe einer speziell angepassten Wine-Version das Plugin unter Linux lauffähig macht (siehe Artikel ab S. 60). Inzwischen aber arbeitet das Pipelight-Plugin nicht mehr mit Chrome oder Chromium, da diese Browser NPAPI-Plugins nicht mehr unterstützen. Die Türen, die Pipelight aufstoßen konnte, beginnen sich also schon wieder zu schließen.

Ohnehin müssen Sie sich aber mit der Krücke Silverlight nicht mehr lang behelfen: HTML5 macht sich auf, nach Flash auch Silverlight zu verdrängen. Das dazu nötige DRM hat das W3C bereits als "Encrypted Media Extensions" (EME [1]) implementiert. Selbst der Open-Source-Browser Firefox wird diese in Zukunft integrieren, ironischerweise in Kooperation mit Adobe [2]. Mozilla-Chefin Mitchell Baker argumentiert, wenn Firefox in Zukunft nicht EME unterstütze, würden sich die User wohl einen anderen Browser suchen, um Medien direkt zu konsumieren. Kritiker betrachten die EME-Integration dagegen als einen Verrat an dem Ziel, die Freiheit der Benutzer zu schützen: Die Mozilla Foundation schiele auf Kosten der Privatsphäre nach dem Marktanteil [3].

Am Ende ist wohl der ehrliche und zahlende Kunde wieder einmal der Dumme. Leichter hat es, wer auf Urheberrechtsverletzungen pfeift: Der quelloffene Bittorrent-Streaming-Client Popcorn Time [4] zeigt, wie einfach und bequem eine Online-Videothek funktionieren könnte – wenn die Content-Industrie denn bereit wäre, etwas Kontrolle über die Inhalte aufzugeben. Trotz DRM-Gängelung und Inkompatibilitäten strotzen Netflix und Co. nur so vor Kraft, die Kundschaft rennt den VoD-Diensten die Türen ein. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Benutzer nicht nur in der Open-Source-Community erkennt, dass Sicherheit, Privatsphäre und Freiheit wichtiger sind als seichte Samstagabendunterhaltung.

Herzliche Grüße,

Christoph Langner

Redakteur

Infos

[1] Encrypted Media Extensions: http://www.w3.org/TR/encrypted-media

[2] "DRM and the Challenge of Serving Users": https://blog.mozilla.org/blog/2014/05/14/drm-and-the-challenge-of-serving-users/

[3] "FSF condemns partnership between Mozilla and Adobe to support Digital Restrictions Management": https://www.fsf.org/news/fsf-condemns-partnership-between-mozilla-and-adobe-to-support-digital-restrictions-management

[4] Popcorn Time: http://www.time4popcorn.eu

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