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© Elena Schweitzer, 123RF

4++

Generationswechsel bei KDE

15.05.2014
Wer seine Benutzeroberfläche bis ins Kleinste konfigurieren möchte, der findet im KDE-Desktop tausend Stellschräubchen dazu. Da macht auch KDE SC 5 keine Ausnahme, die nächste Generation des K-Desktops.

Desktop-Umgebungen wirken sich genauso stark auf die Zufriedenheit und Produktivität des Benutzers aus wie die darunterliegende Infrastruktur der gewählten Distribution aus. Und hier teilt sich die Linux-Welt in zwei Lager: Die Verfechter der Frameworks Qt [1] und GTK+ [2] vertreten auch zwei Designrichtungen. Daher wechselt ein Anwender von KDE im Normalfall eher zu Razor-Qt als zu Gnome oder LXDE. Oft fungiert KDE auch als erste Anlaufstelle für Anwender, die von Windows zu Linux wechseln. Die Steuerung und die Optik erleichtern hier den Umstieg, und besonders die reichhaltige Konfigurierbarkeit macht die große Stärke des KDE-Desktops aus.

Sowohl KDE als auch Gnome zählen zu den Linux-Methusalems. KDE entstand 1996 als "Kool Desktop Environment", das Gnome-Projekt gründete sich drei Jahre später. Gerade in letzter Zeit entwickeln sich beide Desktops in entgegengesetzte Richtungen weiter – was aber nicht heißt, dass beide Projekte nicht auch zusammenarbeiten, wie etwa im Freedesktop-Projekt [3]. Der Entwicklungsprozess von Gnome geht immer mehr in Richtung einer Reduzierung der sichtbaren Funktionen, während KDE eher in das andere Extrem tendiert und immer weiter Zusatzkomponenten implementiert, wie etwa den semantischen Desktop.

Das KDE-Projekt bringt neben der Software Collection (KDE SC), von der dieser Artikel handelt, auch noch die aus KOffice hervorgegangene Calligra-Bürosuite [4] sowie KDE-Extragear [5] heraus. Hinter Letzterem stecken unter anderem Programme wie die Jukebox Amarok, die Brennsoftware K3b, die Fotoverwaltung Digikam, der IRC-Client Konversation oder der Media-Player Kaffeine (Abbildung 1), welche die eigentliche KDE SC mit zusätzlichen Applikationen komplettieren.

Abbildung 1: Das KDE-Extragear ergänzt die KDE SC mit Kaffeine, K3b und vielen weiteren KDE-Anwendungen.

Der Zyklus von KDE 4

Der Zyklus von KDE 4, der im Januar 2008 offiziell mit Version 4.0 begann [6], stand anfangs unter keinem günstigen Stern. Die Anwender monierten, die neue Version hätte vor der offiziellen Veröffentlichung weitere Tests verdient. Der Ärger war verständlich, eignete sich doch KDE 4.0 nur für hartgesottene Fans – und das galt auch für die folgenden drei Versionen. Durchgreifende Änderungen und Neuerungen, wie sie mit KDE SC 4 eingeführt wurden, setzen eine breite Testbasis voraus. Aus heutiger Sicht wäre es daher vielleicht angebracht gewesen, die ersten Releases des 4er-Zyklus noch als 3.9.x zu versionieren und so zu verdeutlichen, dass der erreichte Reifegrad für produktives Arbeiten noch nicht ausreicht. So verlor der K-Desktop mit KDE 4 viele enttäuschte Anwender – Ähnliches spielte sich jedoch auch bei Gnome im Zug des Umstiegs auf Version 3 ab. Zudem wird KDE 3.5 unter dem Namen Trinity [7] inoffiziell als Fork weitergeführt.

KDE 4 brachte neben einer Neuorganisation der Softwaresammlung, die sich auch in einer Neuausrichtung des Marketings ab KDE 4.4 als KDE Software Collection (KDE SC) niederschlug, viele Neuerungen an der Oberfläche und noch viel mehr unter der Haube. Das Projekt begann, die monolithischen KDE-Bibliotheken aufzubrechen. Die neue Phonon-API für Multimedia und die Abstraktionsschicht Solid für Hardware ermöglichen allen Applikationen direkten Zugriff auf diese Funktionen. In den Systemeinstellungen finden sich unter der Rubrik Arbeitsflächen-Effekte eine zunehmende Zahl von mehr oder weniger nützlichen grafischen Effekten. Diese machen sich die neuen Compositing-Fähigkeiten des Fenstermanagers KWin [8] zunutze, für die früher externe Composite-Manager wie beispielsweise Compiz [9] zum Einsatz kamen. Den optischen Unterschied zu KDE 3 betonen der Plasma-Desktop (Abbildung 2) der neue Icon-Satz Oxygen.

Abbildung 2: Mit Plasmoid-Widgets lässt sich der KDE-Desktop leicht individuell anpassen.

Für die Kommunikation zwischen Applikationen setzt KDE 4 anstatt auf DCOP nun auf die im Freedesktop-Projekt entwickelte Interprozesskommunikationssoftware D-Bus [10]. Sogenannte Activities [11] erweitern das Konzept der virtuellen Desktops, indem sie zuvor definierte Nutzungsprofile mit den entsprechenden Anwendungen in Containern verknüpfen. So enthält dann eine Activity alle Grafikprogramme, während eine weitere lediglich die beruflich benötigten Anwendungen vorhält. Darüber hinaus kann jede Aktivität auch ihre eigene Mischung von Mini-Programmen verwenden. Ebenso lassen sich einzelne Komponenten einer Aktivität mit anderen teilen.

Als weitere Neuheit präsentiert KDE 4 die grafische Umgebung KDE Plasma Workspaces [12], die Kicker, KDesktop und die Widget-Engine SuperKaramba aus KDE 3 wieder in einer Anwendung zusammenführt und die Adaption der Oberfläche an unterschiedlichste Geräteklassen und Formfaktoren wie Desktops, Netbooks, Tablets, Media Center und Smartphones erlaubt. Die Plasma Workspaces teilen sich in den in KDE 4.1 vorgestellten Plasma Desktop sowie die im weiteren Verlauf erstellten Plasma Netbook sowie Plasma Active (für per Touchscreen gesteuerte Geräte).

Der semantische Desktop

Mit dem semantischen Desktop [13] zog in KDE 4.1 ein weiteres Großprojekt auf die Rechner der Anwender ein. Dieses Konzept zielt darauf ab, die Nachteile zu beseitigen, die durch das Speichern der auf dem Rechner verfügbaren Informationen in verschiedenen Dateiformaten entstehen. Der semantische Desktop will alle Metadaten in einer zentralen Datenbank vorhalten, sodass sich diese leicht auffinden und durch Ontologien verknüpfen lassen. Das KDE-Projekt entschied sich zur Umsetzung des von der europäischen Union finanzierten Frameworks Nepomuk (Networked Environment for Personalized, Ontology-based Management of Unified Knowledge [14]) und des auf dem RDF-Format aufsetzenden Soprano. Die Datenbank-Engine Virtuoso dient dabei zum Speichern der Daten.

Zusätzlich veröffentlichten die KDE-Entwickler mit Akonadi [15] auch einen applikationsübergreifenden Dienst zur Datenverwaltung. Anwendungsentwickler müssen gängige Funktionen, wie etwa die stets aufwendig zu erstellende Datenverwaltung, nicht mehr in jedes Programm integrieren, sondern implementieren stattdessen lediglich eine Schnittstelle zu Akonadi. Das verzahnt sich seinerseits eng mit Akonadi und reicht die Daten der Anwendungen an Nepomuk durch. Dies ermöglicht, Verweise ("Tags") systemübergreifend zu vergeben und virtuelle Ordner zu erstellen, die Suchergebnisse aus unterschiedlichen realen Ordnern zusammenfassen.

Nepomuk steht bei vielen KDE-Usern in der Kritik und zählt zu den bei KDE am häufigsten abgeschalteten Funktionen. Das liegt nicht zuletzt an seinem verschwenderischen Umgang mit den Systemressourcen für eine Funktion, die viele Anwender für überflüssig halten. Die Wahl des RDF-Formats [16] zum Speichern der Daten erwies sich als Fehlgriff, da dies auf Desktop-Rechnern eine zu hohe Last für Hauptspeicher und CPU verursacht. Selbst auf gut ausgestatteten Rechnern dauerte anfangs da erste Indizieren oft mehrere Tage.

Im Lauf der letzten Jahre optimierten die Entwickler dieses Verhalten, die Nachteile für Desktop-Systeme ließen sich jedoch nicht gänzlich ausgleichen. Somit gilt Nepomuk zwar als fertig entwickelt, genügt aber letztlich den Anforderungen nicht. Mit KDE SC 4.13 erscheint Mitte April eine der letzten Inkarnationen von KDE 4. Sie bringt eine neue Software als langfristigen Ersatz für Nepomuk mit, die nicht auf RDF setzt und somit sowohl schneller als auch ressourcenschonender zu Werke geht.

KDE SC gilt ab der im Februar 2010 veröffentlichten Version 4.4 für Anwender produktiv einsetzbar. Die folgenden Versionen zementierten diesen Zustand, und ab KDE SC 4.10 vom Februar 2013 sprechen nicht mehr nur eingefleischte KDE-Fans vom besten KDE aller Zeiten. Mit der Version 4.11 wurden die Plasma Workspaces eingefroren und auf die nächste Generation KDE SC 5 vorbereitet, daher beschränkten sich die KDE SC 4.12 und 4.13 vorgestellten Neuerungen primär auf die Applikationen. So bekam Okular in KDE SC 4.13 Reiter spendiert, sodass der Dokumentenbetrachter nun in einer Instanz mehrere Dokumente gleichzeitig darstellen kann. Zudem lassen sich Dokumente jetzt auch per Mausrad skalieren. Gwenview dagegen erhielt eine Vorschau für RAW-Dateien.

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