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Anspruchsvoller Exot

OpenSolaris-Derivat XStreamOS im Test

17.04.2014
Der von der italienischen Firma Sonicle entwickelte OpenSolaris-Ableger XStreamOS versucht, solide Server-Technologie auf den Desktop zu bringen.

Nach der Übernahme von Sun Microsystems durch Oracle und der damit verbundenen Einstellung von OpenSolaris im Jahr 2010 hat sich das Illumos-Projekt der Weiterentwicklung des Betriebssystems verschrieben. Mit XStreamOS hat nun der Mailänder Hersteller Sonicle eine Variante mit Illumos-Kernel für den Desktop herausgegeben, zu der es passend noch ein Server-System und eine Version für Storage-Umgebungen gibt.

Exotisch

Sie erhalten das System als ISO-Image oder als Archiv zur Installation auf USB-Sticks online [1]. Sowohl das ISO als auch das USB-Image finden Sie, sofern Sie die LU-Media-Edition erworben haben, außerdem auf dem beiliegenden Datenträger. Hier stehen auch Erweiterungen für die VirtualBox in Gestalt eines zusätzlichen kleinen ISO-Images bereit, mit dem XStreamOS in einer virtuellen Umgebung läuft.

Nach dem Speichern auf einem bootfähigen Medium startet das Betriebssystem im Textmodus, der keinen Live-Betrieb ermöglicht. Neben einer Option für die Installation ohne grafische Umgebung für den Server-Betrieb finden Sie hier den Eintrag Install Sonicle XStreamOS Desktop. Damit stoßen Sie ein Setup an, das nach der Lokalisierung in ein weiteres, textbasiertes Interface verzweigt, das alle zur dauerhaften Installation benötigten Parameter abfragt. Diese Routine steuern Sie komplett mithilfe der Tastatur, was ein zügiges Durcharbeiten ermöglicht. Anschließend benötigt das System auf schneller Hardware rund eine Stunde, bis der Computer erstmals mit XStreamOS von der Festplatte startet.

Das System nutzt dazu den Legacy-Grub-Bootmanager, den es jedoch bei der Installation ohne jegliche Möglichkeit zur Konfiguration auf die Platte packt. Daher sollten Sie, sofern bereits ein anderes Betriebssystem auf dem Rechner läuft, die alten Grub-Einstellungen sichern. Damit starten Sie das bereits vorhandene System später wieder.

Oberflächliches

Auf dem Desktop macht XStreamOS zunächst eine etwas zurückhaltende Figur: LXDE wirkt dank des animierten Cairo-Docks am unteren Rand und dem Panel in dezenten Farbtönen am oberen Bildschirmrand recht modern. Auf der Arbeitsfläche selbst finden sich keine Starter oder weiteren Bedienelemente. Der Desktop nutzt bereits in den Standardeinstellungen vorhandene Möglichkeiten der 3D-Beschleunigung aus, was zurückhaltend eingesetzte Animationen und 3D-Effekte ermöglicht, sofern die Hardware mitspielt. Dabei arbeitet LXDE selbst auf nicht mehr ganz taufrischen Systemen flüssig.

Der Speicherbedarf des Betriebssystems liegt jedoch signifikant höher als bei Linux: Eine typische Distribution mit Openbox und LXDE begnügt sich in aller Regel mit nicht mehr als 400 MByte RAM; dagegen beansprucht XStreamOS bereits ohne weitere geöffnete Applikationen knapp 1 GByte Arbeitsspeicher. Daher sollte das System über mehrere GByte RAM verfügen, wenn Sie auch bei zahlreich geöffneten Programmen noch flüssig arbeiten wollen.

In der voreingestellten Form bietet das Panel keine Starter für Applikationen – diese offeriert ausschließlich das Cairo-Dock. Lediglich der Cairo Composite Manager findet sich in Gestalt eines mittelblauen Käfer-Symbols oben rechts in der Leiste. Mit seiner Hilfe steuern Sie diverse Effekte und individualisieren so das Erscheinungsbild des Desktops (Abbildung 1).

Abbildung 1: Mit dem Cairo Composite Manager peppen Sie LXDE auf oder fahren die Effekte bei Bedarf wieder zurück.

Basissystem

Obwohl Linux und XStreamOS sich naturgemäß in vielem ähneln, bestehen einige gravierende Unterschiede zwischen den beiden. So richtet XStreamOS keine Swap-Partition auf der Festplatte ein, als Standard-Dateisystem kommt das technisch fortschrittliche ZFS zum Einsatz. (Einen ausführlichen Artikel zum Einsatz von ZFS unter Linux finden Sie in dieser Ausgabe ab Seite 82).

Aufgrund von Lizenzproblemen bringt der Linux-Kernel ZFS ab Werk nicht mit. Daher erkennen Applikationen wie GParted es nicht korrekt. Das Bearbeiten solcher Partitionen mit den verschiedene Linux-Tools klappt nur nach manueller Installation entsprechender Kernel-Module [2]. ZFS ermöglicht zwar im direkten Vergleich mit den unter Linux üblichen Dateisystemen Ext3/4 dank 128 Bit breiter Zeiger deutlich höhere Größen für Dateien wie Speicherbereiche, ist jedoch für den Server-Einsatz optimiert und bietet daher auf dem Desktop keine höheren Datenraten.

Der von SunOS 5.11 abgeleitete Illumos-Kernel gehört inzwischen zu den älteren Semestern und unterstützt aktuelle Hardware nur eingeschränkt. Alten Hasen unter Linux dürfte auch das in XStreamOS genutzte Image Packaging System (IPS) ungewöhnlich erscheinen: Es bietet einen ähnlichen Funktionsumfang wie die unter Linux üblichen Systeme, ist jedoch auf das Dateisystem ZFS hin optimiert und kennt keine Pre- und Post-Installationsskripte.

Programme

XStreamOS kommt bereits in der Standardinstallation mit einem Software-Fundus, der ohne zusätzliche Applikationen die meisten Aufgaben am Arbeitsplatz abdeckt. So decken LibreOffice, Firefox, Thunderbird, Filezilla, Gimp und VLC den Office- und Multimedia-Bereich ab.

Die Inhalt der Untermenüs Systemwerkzeuge und Zubehör fällt recht übersichtlich aus. Auch das Menü Einstellungen beschränkt sich auf lediglich fünf vorinstallierte Tools, welche zwar die wesentlichsten Optionen berücksichtigen, jedoch von den Möglichkeiten eines KDE- oder auch XFCE-Desktops weit entfernt bleiben. Ungewöhnlich für ein Desktop-System ist das im Menü Systemwerkzeuge integrierte Programm Wireshark zur Analyse von Netzwerken, das üblicherweise eher auf Server-Distributionen zum Einsatz kommt.

Paketmanager

Das Paketmanagement unter XStreamOS weicht deutlich von den Linux-Konventionen ab. Mit IPS als Paketmanagementsystem und dem Package Manager als dessen grafischer Oberfläche stehen zwei unter Linux unbekannte Tools bereit, die für die saubere Integration neuer Software ins Solaris-Universum sorgen.

Zwar macht der Package Manager auf den ersten Blick einen für Linux-Anwender altbekannten Eindruck (Abbildung 2), doch Nomenklatur und Umfang der Funktionen erfordern ein Umdenken: XStreamOS unterscheidet Repositories nach Herausgebern, und auch die Kategorien in Package Manager richten sich danach. Updates spielen Sie per Mausklick ein.

Abbildung 2: Der XStreamOS-Package Manager ähnelt vom Konzept dem Programm Synaptic.

Völlig ungewohnt ist die Option, das Boot-Verhalten des Systems mittels Package Manager zu beeinflussen: Im Fenster File | Manage Boot Environments... legen Sie fest, welche Umgebung startet. Hier zeigt sich die enge Verzahnung mit dem Dateisystem ZFS: Im Falle eines fehlgeschlagenen Updates des Betriebssystems besteht die Möglichkeit, aus dem Fenster Boot Environments einen funktionierenden Snapshot von XStreamOS zu booten. Das ermöglicht es, mithilfe unterschiedlicher Snapshots verschiedene Kernel-Varianten zu nutzen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Package Manager verwaltet Snapshots des Systems und bietet die Möglichkeit, einen davon zu starten.

Die Boot Environments erlauben es außerdem, den Software-Fundus für die einzelnen Umgebungen individuell anzupassen. Dazu finden Sie im linken Bereich des Package Managers verschiedene Software-Kategorien. Wie von einem ursprünglich primär im Mainframe-Bereich verbreiteten Betriebssystem nicht anders zu erwarten, liegt der Schwerpunkt der installierbaren Programme auf Programmen zum Entwickeln und für die Administration des Systems.

Verspielte Naturen gehen dagegen nahezu leer aus: Die Kategorie Spiele offeriert lediglich ein einziges Programm. Aber auch exotische Desktop-Anwendungen verzeichnet der Software-Pool kaum. Als ähnlich dürftig erweist sich die Ausstattung in der Kategorie Treiber, die vor allem Einträge zu Hochleistungs-Hardware für Server umfasst. Für Komponenten, wie sie herkömmliche Desktop-Rechner vielfach nutzen, fehlen jedoch Treiber. Auch auf mobiler Hardware lässt sich XStreamOS kaum einsetzen: Hier sieht die Unterstützung insbesondere für Notebooks mit aktuellen Core-Chipsätzen von Intel und deren Grafikkarten äußerst düster aus.

Fazit

XStreamOS eignet sich vor allem für die klassische Büroumgebung, in der eine homogene Infrastruktur gewollt ist. Das System arbeitete im Test auch auf weniger gut ausgestatteter Hardware recht schnell und stabil. Der Desktop bietet weitgehend alle nötigen Programme für den Einsatz im Office. Für betagte 32-Bit-Hardware eignet sich XStreamOS nicht. Sobald mobile Computersysteme im Einsatz sind, streicht XStreamOS in den meisten Fällen aufgrund der noch mangelnden Unterstützung für viele Komponenten die Segel. 

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