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© Dirk Ercken, 123RF

Komfortables Desktop-Debian Tanglu 1.0

Debian leicht gemacht

Frei nach dem Motto "Debian kann nicht alles machen" spricht Tanglu mit einer nutzerfreundlichen Variante in erster Linie Desktop-Anwender an.

Vor nicht ganz einem Jahr rauschte die Ankündigung [1] einer neuen, auf Debian "Testing" basierenden Distribution namens Tanglu durch die Nachrichtenkanäle. Danach wurde es schnell wieder still um das Vorhaben – außer im IRC-Kanal des Projekts: Hier beobachteten interessierte Beobachter die stetige Entwicklung von Tanglu, das jetzt mit Release 1.0 seine erste stabile Version veröffentlichte. Der Fokus auf KDE als Desktop-Umgebung ist nicht zu übersehen, obwohl Gnome auch nicht ganz leer ausgeht.

Der Arbeitstitel von Tanglu 1.0 lautet "Aequorea Victoria" – ein Bild dieser Quallenart ziert auch den aufgeräumten Desktop. Die Distribution erscheint für 32- und 64-Bit-Architekturen mit KDE SC 4.11.5 (Abbildung 1) sowie Gnome 3.10 (Abbildung 2) als Desktops; Letzteres bezeichnen die Entwickler allerdings noch als "technische Vorschau". Gegen Ausgaben mit weiteren Desktop-Umgebungen hat das Team nichts einzuwenden – es müssten sich nur Entwickler finden, die diese aufsetzen, konfigurieren und pflegen.

Abbildung 1: Als Standard-Desktop verwendet Tanglu KDE SC 4.11.5.
Abbildung 2: Das alternative Gnome 3.10 bezeichnen die Entwickler derzeit noch als technische Vorschau.

Tanglu 1.0 verwendet den Kernel 3.12, der derzeit auch den Standard in Debians "Testing"- und "Unstable"-Zweigen stellt. Um die Funktionalität im Zusammenspiel mit Tanglu sicherzustellen, bauten die Entwickler sämtliche Pakete der ISO-Images [2] von Tanglu neu. Pakete mit tanglu1 im Versionsstring erfuhren entweder Änderungen oder sind Upstream-Versionen, die Debian noch nicht in dieser Version vorhält.

Tanglu-Entwickler Mattias Klumpp im Interview

Der Autor dieses Artikels verfolgte die letzten Arbeiten an Tanglu 1.0 in den Tagen vor der Veröffentlichung live im IRC-Entwicklerkanal. Mit viel Sachverstand gehen hier Debian-Entwickler Matthias Klumpp und sein kleines Team zu Werke. Da lag es nahe, auf diesem Weg einige Fragen zu stellen.

LinuxUser: Du bist offiziell Debian-Entwickler, platzierst Dein Projekt aber außerhalb von Debian. Vor einigen Jahren hätte das viel Anstoß erregt. Geht das heute besser?

Matthias Klumpp: Ja, auf jeden Fall. Debian kann nicht alle Wünsche erfüllen, und das wissen auch viele seiner Entwickler. Der Fokus liegt daher momentan eher auf einer möglichst guten Zusammenarbeit mit den Derivaten und darauf, deren Änderungen – sofern sie sinnvoll erscheinen – in Debian zu integrieren.

LU: Welches Ziel verfolgst du mit Tanglu?

MK: Tanglu soll eine von der Community getriebene, Ubuntu-ähnliche Distribution sein, eng mit Debian verzahnt, sodass beide Projekte sich gut ergänzen. Im Kern kommt neueste Technologie zum Einsatz, wie Systemd, Wayland und so weiter. Vor allem soll während des Debian-Freeze die Paketentwicklung weitergehen, sodass zum Start eines neuen Debian-Zyklus bereits getestete Pakete zu Verfügung stehen.

Auf längere Sicht planen wir jedoch auch tief greifende Änderungen an der Struktur der Distribution, wie sie mit Debian nicht möglich wären. So überlegen wir beispielsweise, die Anwendungen vom Basissystem zu entkoppeln und separat mit einem kürzeren Entwicklungszyklus zu supporten.

LU: Während Debian vor Jahren die Firmware verbannt hat, liefert ihr Tanglu mit proprietärer Firmware und aktiviertem Non-Free-Repository aus.

MK: Wir möchten, dass Tanglu mit möglichst einfachen Mitteln auf jedem System läuft. Das klappt aber in manchen Fällen nur mit proprietäre Firmware. Das Aktivieren der "Non-free"-Quellen sehen wir jedoch nur als Übergangslösung. In Zukunft sollen sämtliche proprietären Treiber in einer separaten Quelle bereitstehen.

LU: Ab November dieses Jahr muss Tanglu beweisen, wie es dem Einfrieren der Debian-Codebasis entkommt und dem Anwender das durchgängige Arbeiten mit aktuellen Paketen ermöglicht. Wie aktuell will und kann Tanglu sein?

MK: Wir peilen an, zumindest aktuelle Versionen des Basissystems sowie von KDE und Gnome bereitzustellen. Für KDE überlegen wir aktuell, mit Kubuntu beim Paketbau zusammenzuarbeiten, um den Aufwand zu reduzieren.

LU: Matthias, wir bedanken uns ganz herzlich für Deine Zeit!

Software

Tanglu bringt alle Pakete mit, die man als Desktop-Anwender erwarten darf. Neben LibreOffice 4.1.3.2 kommt Firefox 27 zum Einsatz. Auch Applikationen zur Administration fehlen nicht: So dient als Paketmanager PackageKit, der bei KDE Apper (Abbildung 3) als grafische Oberfläche mitbringt, bei Gnome Software Install. Zur Datensicherung steht unter Gnome Déjà Dup zur Verfügung, unter KDE kommt zur Beschallung Amarok zum Einsatz.

Abbildung 3: Unter KDE übernimmt Apper die grafische Anbindung an die Paketverwaltung PackageKit.

Die Distribution verwendet sowohl zum Starten des Systems als auch für die Protokollierung der Systemnachrichten bereits Systemd. Der Installer stammt von Linux Mint LMDE, künftig soll jedoch der Debian-Installer zum Zug kommen. Der LMDE-Installer genügt für einfache Installationsszenarien vollkommen, ist logisch gegliedert und braucht mit gängiger Hardware zwischen 7 und 15 Minuten, um Tanglu auf die Festplatte zu bannen.

Eine Einschränkung gibt es derzeit noch bei UEFI [3]: Tanglu bootet zwar davon (Abbildung 4), eine Installation gelingt jedoch noch nicht. Die nötigen Anpassungen planen die Entwickler für das zweite Release im Sommer dieses Jahres.

Abbildung 4: Bislang kämpft Tanglu noch mit UEFI-Problemen: Die Distribution startet zwar ohne Probleme, lässt sich bislang aber noch nicht installieren.

Bequem, aber unfrei

Ein Blick in die aktivierten Repositories zeigt, dass Tanglu im Gegensatz zu Debian auch die Komponenten "Contrib" und "Non-free" verwendet. Debian liefert seit der Veröffentlichung von Debian 6.0 "Squeeze" keine unfreie Firmware mehr aus. Steht kein kabelgebundener Internetzugang bereit, muss sich der Anwender daher oft zuerst die unfreie Firmware für WLAN aus dem Netz besorgen und diese via USB-Stick ins System einspielen. Tanglu möchte dem Anwender die Unbequemlichkeit ersparen und bringt unfreie Firmware für viele WLAN-Chipsätze bereits im Image mit.

Für das nächste Release sucht das Projekt nach einer Lösung, die besser mit den Statuten freier Software harmoniert. So ließe sich etwa ein Repository vorhalten, das der Anwender selbst freischalten muss. Da es auch WLAN-Chipsätze mit freien Treibern gibt, besteht hier ein gewisser Entscheidungsspielraum für Anwender, die auf freie Treiber setzen wollen.

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