Entwicklung freier Hardware am Beispiel Vivaldi und Improv

Vivaldi meets Don Quijote

Wie geht man an ein Open-Hardware-Projekt heran? Wir zeigen am Beispiel von Aaron Seigos Projekten Vivaldi und Improv, wie schwer die Realisierung wirklich freier Hardware fällt.

Alles begann damit, dass vor rund zwei Jahren der KDE-Plasma-Entwickler Aaron Seigo [1] eine neue Betätigung suchte, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er war bis dahin von der Firma Trolltech für die KDE-Entwicklung bezahlt worden. Dann ging Trolltech an Nokia, die Finnen wiederum verkauften das Qt-Framework an Digia.

Kurz darauf kündigte Aaron Seigo (Abbildung 1) ein nach Vorgaben von ihm und seinen Mitstreitern entworfenes und hergestelltes Tablet an. Die auf dem Zenithink C71 [2] basierende Hardware wollte man in Südostasien produzieren lassen, wobei die Entwickler weitestgehend mit Komponenten planten, für die es freie Treiber gab.

Abbildung 1: Der KDE-Plasma-Entwickler und Vivaldi-Protagonist Aaron Seigo.

Auf dem Tablet sollte Linux in Form der Distribution Mer [3] laufen, einem Abkömmling von Meego, das seinerseits Maemo und Moblin beerbte. Die Benutzeroberfläche sollte KDE Plasma Active [4] stellen, ein Gemeinschaftsprojekt von KDE, dem Projekt OpenSLX [5] und der Firma basysKom [6]. Plasma Active zielt auf eine benutzerfreundliche Oberfläche für mobile Plattformen mit geringen Anforderungen an die Hardware ab.

KDE hatte bereits früh den Konvergenzgedanken aufgegriffen, diesem aber nicht, wie Microsoft oder Canonical, alles andere untergeordnet. Bereits 2005 begann in aller Stille die Planung für eine gemeinsame Codebasis über Gerätegrenzen hinweg. Plasma Active wurde als Weiterentwicklung des Plasma-Desktops 2011 erstmals veröffentlicht und liegt derzeit in Version 4 vor. Hier stehen nicht Apps im Vordergrund, sondern die von KDE SC bekannten Activities (Abbildung 2).

Abbildung 2: Plasma Active setzt auf KDE-Activities.

Die Hardware des auf den Namen Spark getauften 7-Zoll-Tablets sollte ausreichend, aber nicht überdimensioniert, auf Plasma Active zugeschnitten sein. Die erste Planung umfasste einen AMLogic-ARM-Prozessor mit 1 GHz Taktrate sowie eine Mali-400-GPU für die Grafikausgabe. Als Hauptspeicher waren 512 MByte vorgesehen (später auf 1 GByte erweitert), hinzu sollten 4 GByte interner Speicher kommen. Für den Verkaufspreis peilte man maximal 200 Euro an.

Open Hardware

Open-Source-Hardware findet sich nicht nur in der Informationstechnik, sondern auch in vielen anderen Bereichen. Sie definiert sich darüber, dass lizenzkostenfreie Baupläne vorliegen und Treiber offenen Lizenzen unterstehen. Verschiedene Projekte streben hier verschiedene Freiheitsgrade an, je nach Machbarkeit. Zu den bekanntesten Beispielen für freie Hardware zählen Arduino [20], Parallela [21], der 100-Dollar-Laptop OLPC [22], das Open Prosthetics Project [23] sowie die Frankencamera [24].

Schlechtes Omen

Hätte Aaron Seigo zu diesem Zeitpunkt gewusst, was ihn erwartet, hätte er vermutlich an dieser Stelle innegehalten und sich den folgenden Stress erspart, der nicht nur seine Gesundheit erschöpfen sollte, sondern auch seine Finanzen. Aber dann hätten wir keine Geschichte zu erzählen.

Das erste schlechte Omen ließ nicht lange auf sich warten: Der Name Spark, der eigentlich den "zündenden Funken" für ein freies Tablet symbolisieren sollte, war so oder ähnlich bereits als Markenname eingetragen, die Rechteinhaber untersagten die Verwendung. Wer genau hier auf seinem Markenrecht bestand, blieb bis heute unbekannt – Vermutungen spekulierten auf Oracle mit Sparc. Als neuen Namen für das Mobilgerät erkor man Vivaldi.

An dem Tablet (Abbildung 3), das eigentlich bereits im Verlauf des Jahres 2012 auf den Markt kommen sollte, arbeiten die Entwickler noch immer, ein Veröffentlichungstermin lässt nach wie vor auf sich warten. Seigo und seine Mitstreiter haben einen Zwischenschritt eingelegt und vermarkten gerade das für Vivaldi entworfene Mainboard als modulares Entwicklerboard unter dem Namen Improv [7]. Für Entwicklung, Planung, Finanzierung und Vermarktung der Produkte gründeten sie bereits 2012 das "Make Play Live Partner Network" MPL [8].

Abbildung 3: Vivaldi-Tablet auf Basis des Zenithink C71A.

Die GPL in China

Verhandlungen mit einem chinesischen Hersteller verliefen anfangs im Sinne des Teams, offener Quellcode war zugesagt. Dies änderte sich aber quasi über Nacht mit einer Board-Revision, bei welcher der Produzent ohne Nachfrage Komponenten austauschte, wobei die neuen Teile nicht den Vorgaben des Projekts entsprachen – von Open Source könnte keine Rede mehr sein.

Hardware-Hersteller in Südostasien nehmen es mit Open-Source-Lizenzen nicht sehr genau, das Ergebnis dieser Produktion wäre ein Verstoß gegen die GPL gewesen. Erschwerend kam hinzu, dass ein kleines Projekt sich am absolut unteren Produktionslimit selbst kleiner Firmen bewegt, bei denen Stückzahlen unter einigen Hunderttausend Einheiten oft nicht möglich sind. Das setzt dem Druck, den ein kleines Projekt dort ausüben kann, recht enge Grenzen.

Seigo musste sich somit auf halber Strecke nach neuen Produzenten umsehen. Die sind nicht einfach zu finden, da selbst mittelgroße Hersteller am liebsten Kopien eines bereits erfolgreichen Produkts produzieren.

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