Volldampf voraus

Siduction: Debian "Sid" und mehr

20.02.2014
Das Siduction-Projekt wagt bereits jetzt einen Schritt, über den die Entwickler anderer Distributionen noch erbittert debattieren: Es integriert in seinem aktuellsten Release das neue Init-System Systemd.

Mit dem Silvester 2013 veröffentlichten Siduction 2013.2 hat das Siduction-Projekt [1] das zweite Release im Jahr 2013 hingelegt. Die Version mit dem Codenamen "December" gibt es in den Geschmacksrichtungen KDE, Gnome, LXDE, Razor-Qt und XFCE. Daneben existieren noch die Flavours Xorg mit X-Server und Fluxbox-Fenstermanager sowie NoX ganz ohne grafische Oberfläche.

Auf den Installationsmedien findet sich noch KDE 4.11.4, mittlerweile liegt aber bereits KDE 4.12 in den Siduction-Repos – die letzte KDE-Version vor dem Umstieg auf KDE 5. Gnome hängt mit Version 3.8.4 etwas zurück, XFCE kommt in der aktuellen Version 4.10.1 auf den Rechner. LXDE und Razor-Qt erscheinen vermutlich letztmalig als einzelne Desktop-Umgebungen: Die beiden Projekte verschmelzen gerade und wollen einen leichtgewichtigen Desktop auf der Basis des Qt-Frameworks entwickeln.

Die wichtigste Neuerung von Siduction 2013.02 stellt zweifelsohne die Implementation von Systemd [2] in Version 204-6 dar. Während Debian noch beratschlagt, welches Init-System man in Debian 8 ausliefern soll, hat Siduction sich bereits auf Systemd als Ersatz für SysV-Init festgelegt. Laut den Release Notes [3] erscheint Systemd den Entwicklern technisch am weitesten fortgeschritten: Es bietet neben einem schnellen Boot-Vorgang durch paralleles Abarbeiten der Startskripte auch den Vorteil eines im Vergleich zu Syslog besseren Protokollsystems, das bereits früher im Boot-Prozess einsetzt und umfassendere Informationen liefert als der Vorgänger.

Wie stabil ist <i>Unstable<i>?

Die Distribution Siduction [1] basiert auf Debians Unstable-Zweig, der synonym für stets aktuelle Software steht. Dabei führt der Begriff Unstable leicht in die Irre: Er meint hier nicht so sehr "instabil", sondern vielmehr "ständig im Wandel".

Das bedeutet im Klartext, dass Debian [10] viermal pro Tag seine Repositories aktualisiert. Da "Sid", wie man den Unstable-Zweig auch nennt, als Rolling Release [11] ausgelegt ist, können Anwender bei Bedarf auch mehrmals täglich ihr System aktualisieren. Das bügelt mit einem Upgrade eingeschleppte Fehler in einem Paket meist schnell wieder aus.

Dem Unstable-Zweig hängt bis heute der Ruf nach, er ließe sich wegen häufiger Fehler schwer administrieren – was mittlerweile nicht mehr stimmt. Ursprünglich war Unstable im Gegensatz zum Zweig Experimental zwar ein vollständiges Archiv, das aber hauptsächlich Entwickler nutzten, um neue Paket-Versionen zu testen. Dabei gerieten häufig kaputte Pakete in Umlauf.

Mit der Zeit verwendeten aber immer mehr Endanwender, denen Debians Stable-Variante softwareseitig zu altbacken war, stattdessen Unstable. In der Folge achteten die Entwickler zunehmend darauf, fehlerfreie Pakete hochzuladen und das Repository wurde mit der Zeit immer stabiler. Heute lässt es sich – mit einigem Grundwissen und dem Support der Distribution im Rücken – durchaus gut auf dem Desktop einsetzen.

Systemd-Befehle

Siduction setzt auf das neue Init-System Systemd, dessen Befehlssatz sich vom bisher Gewohnten unterscheidet. Um beispielsweise Befehle an einen Dienst abzusetzen, lautet das Schema:

$ systemctl Operation Dienste-Name

Dabei gibt es fünf grundlegende Operationen: start und stop starten beziehungsweise beenden den Dienst manuell. Dagegen sorgt enable für ein automatisches Anlaufen des Diensts beim Hochfahren, disable verhindert ebendas. Einen Status-Report sowie eventuelle Fehlermeldungen fördert status zutage.

Als sehr nützlich erweist sich auch der Befehl journalctl: Ohne Parameterangabe zeigt er das komplette Journal, in der Form journalctl -b lediglich den letzten Boot-Vorgang. Weitere Informationen zu Systemd findet man im Systemd-Wiki [12].

Installation

Zur Installation gilt es, ein passendes Medium zu erstellen (zumindest, falls Ihnen nicht die DVD-Edition dieses Hefts vorliegt: Dann booten Sie Siduction von der zweiten Heft-DVD). Neben einem optischen Datenträger eignet sich dazu am besten ein USB-Stick mit mindestens 2 GByte Kapazität. Einen USB-Stick mit dem ISO-Image erstellen Sie mithilfe des Tools Dd [4]:

$ dd if=/Pfad/zum/Image of=/dev/sdX

Die korrekte Device-Nummer X finden Sie (mit administrativen Rechten) über den Befehl fdisk -l heraus. Dd selbst benötigt zur Ausführung keine Root-Rechte, überschreibt aber ohne Nachfrage und unwiderruflich alle Daten auf dem USB-Stick. Stellen Sie deshalb unbedingt sicher, das korrekte Device anzugeben. Wenige Minuten nach dem Start von Dd liegt auf dem Stick das Abbild vor und wartet auf den ersten Start.

Beim Hochfahren des Live-Mediums treffen Sie am besten gleich einige Einstellungen, die hinterher viel Zeit ersparen. Dazu stellen Sie beim Booten mit [F2] die gewünschte Sprache ein und mit [F3] die korrekte Zeitzone. Besitzt der Rechner eine Grafikkarte von AMD, so sollten Sie die zweite Option mit dem Zusatz Save GFX Settings verwenden.

Nach dem Hochfahren und der Anmeldung als Standard-Anwender siducer mit dem Passwort live begrüßt Sie ein aufgeräumter Desktop mit lediglich drei Icons. Ein Mausklick auf das oberste davon, IRC, führt Sie in den IRC-Kanal #siduction-de. Dort können Sie bereits vor der Installation anstehende Fragen im direkten Kontakt zum Projekt klären oder einen Schnack mit den Entwicklern halten.

Installation im Browser

Bei einem Klick auf das Installer-Icon auf dem Desktop versucht Siduction seinen webbasierten Installer im Browser zu starten. Steht zu diesem Zeitpunkt noch keine Internetverbindung (was die absolute Ausnahme sein dürfte), schlägt diese Methode freilich fehl. Deshalb gibt es zusätzlich den Ncurses-basierten CLI-Installer [5]. Sie starten ihn auf einer Konsole mittels des Kommandos cli-installer, seine Optionen gibt er durch ein angehängtes -h beim Aufruf preis.

Der webbasierte grafische Installer leitet Sie über mehrere Tableaus durch die Installation. Es empfiehlt sich, zumindest eine Root- und eine Home-Partition anzulegen. Ob Sie eine Swap-Partition nutzen sollten, hängt stark von der RAM-Ausstattung des Rechners ab. Bei PCs mit 8 oder mehr GByte Hauptspeicher lässt sich gut darauf verzichten.

Die zugewiesene Root-Partition erstellt und formatiert Siduction während des Vorgangs auf jeden Fall (Abbildung 1); eine vorhandene Home-Partition dürfen Sie je nach Gusto formatieren, einhängen oder erst nach der Installation ganz oder teilweise in das neue Home übernehmen. Weitere Partitionen lassen sich vorbelegen und bei Bedarf mit einem passenden Label versehen. Die ebenfalls angebotene automatische Partitionierung funktioniert nur dann, wenn der Installer leere Partitionen vorfindet. Generell bietet aber die manuelle Partitionierung ohnehin mehr Kontrolle über das Plattenlayout.

Möchten Sie für die Installation den Logical Volume Manager LVM [6] verwenden, so starten Sie dazu aus dem grafischen Installer heraus in einem zweiten Tab das Sidu-Disk-Center. Ansonsten können Sie dort zwischen den Partitionswerkzeugen Gparted, Gdisk, Fdisk und Cfdisk wählen. In einem weiteren Reiter geben Sie an, ob der Installer die unfreien Quellen von Debian einbinden soll. Mit diesen erhalten Sie Zugriff auf proprietäre Grafiktreiber, Firmware für WLAN-Hardware sowie Flash-Player und andere Tools, die aus lizenzrechtlichen Gründen weder Debian noch Siduction direkt anbieten.

Siduction versucht, benötigte Firmware bereits im Vorfeld zu erkennen und einzurichten. Diese Funktion stoßen Sie optional auch über den Befehl fw-detect manuell an (Abbildung 2). Ebenso können Sie benötigte Treiber und Firmware-Komponenten bereits vor der Installation im Live-System einspielt: Siduction übernimmt diese dann bei der Installation direkt. Besonders für eine einwandfreie Grafikdarstellung bei AMD-GPUs ist es oft hilfreich, das Paket firmware-linux-nonfree bereits vor der Installation bereitzustellen.

Nach Angabe aller notwendigen Informationen starten Sie im letzten Reiter des Installers die eigentliche Systemeinrichtung. Auf aktueller Hardware steht das komplette System innerhalb von unter einer Minute bereit, selbst auf älteren PCs sollte die Installation nicht länger als 10 Minuten brauchen. Ein Neustart nach Entfernen des Installationsmediums bootet in das frisch aufgesetzte System.

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