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Dampfmaschine

Erster Blick auf Valves Spiele-Linux SteamOS

16.01.2014
Kann Valves aufs Gaming getrimmte Distribution SteamOS tatsächlich Playstation, Xbox und Co. den Rang ablaufen? Wir haben die kurz vor Drucklegung erschienene Beta-Version unter die Lupe genommen.

Mit einer eigenen Videospielkonsole stellt sich der Spieleentwickler Valve gegen die etablierten Konsolenhersteller [1]. Anders als Playstation, XBox und Wii U besteht das Steam Machine getaufte Gerät aus handelsüblichen PC-Komponenten, jedermann kann sich seine eigene Konsole zusammenschrauben. Valve gibt lediglich die Systemanforderungen vor und verkauft ein spezielles Gamepad [2].

Es gibt noch einen wesentlichen Unterschied zur Konkurrenz: Als Betriebssystem verwendet Valve seine eigene Linux-Distribution. Das SteamOS getaufte System soll in erster Linie nur Spiele und den Steam-Client ausführen. Der ermöglicht den Zugriff auf den Valve-Online-Shop Steam und liegt bereits seit rund einem Jahr separat für Ubuntu vor [3]. SteamOS bringt aber auch einen vollständigen Linux-Desktop mit, in dem sich jedes beliebige Linux-Programm starten und nutzen lassen soll.

Debian statt Ubuntu

Die von Valve veröffentlichte erste Vorabversion von SteamOS mit dem Codenamen "Alchemist" basiert auf Debian 7.1 "Wheezy", das die Eglibc 2.17 aus Debian "Testing" und den Kernel 3.10 mit Long-Term-Support verwendet. Darüber hinaus enthält die Distribution die proprietären Grafikkartentreiber von Nvidia (nvidia-current), zu Drucklegung in Version 331.20. Der Fglxr-Treiber (alias Catalyst) für AMD-Karten liegt ebenfalls bei, verursacht aber wie der Intel-Treiber bei einigen Spielen noch Probleme. Offizieller Support für AMD- und Intel-Grafikkarten soll deshalb erst in einer der nächsten SteamOS-Versionen folgen [4].

Neben den Grafikkartentreibern gibt es auch noch einen Satz unfreier Firmware-Pakete für eine Reihe von WLAN-Chips, etwa jene von Atheros und Realtek. Des Weiteren hat Valve einen eigenen Compositor entwickelt. Dabei handelt es sich um einen modifizierten Xcompmgr, der beim Wechsel in den Vollbildmodus des Steam-Clients übernimmt. Er soll vor allem einen nahtlosen Übergang zwischen dem Steam-Client, den Spielen und dem SteamOS-System sicherstellen [4].

Es überrascht nicht wenig, dass Valve auf Debian setzt, hatte das Unternehmen doch zuvor mit Canonical kooperiert und seinen Steam-Client offiziell nur für Ubuntu bereitgestellt. Zum Grund äußert sich Valve nur vage: Auf dem Debian-Kern aufzusetzen sei für Valve der beste Weg, ein komplett eigenes "SteamOS-Erlebnis" an ihre Kunden zu liefern [4].

Das System startet automatisch den Steam-Client im Vollbildmodus (Abbildung 1). In diesem sogenannten Big-Picture-Mode steuert man die Steam Machine mit Valves Spezial-Controller. Beendet man den Steam-Client, so kommt ein Gnome-Desktop in der Version 3.4 zum Vorschein – das System lässt sich dann wie jede andere Debian-Installation benutzen.

Abbildung 1: SteamOS startet den Steam-Client im Vollbildmodus.

Steam-Client und Debian-System hält Valve über ein eigenes Repository aktuell [5]. Es stellt ausschließlich die von SteamOS installierten Pakete bereit. Zusätzliche Repositories müssen Sie manuell in die /etc/apt/sources.list eintragen.

Holzhammer

Für SteamOS bietet Valve zwei verschiedene Installationsmethoden an [6]: Bei der Default Installation schreibt das Backup-System Clonezilla das System zurück, im Fall der Custom Installation übernimmt das der Debian-Installer. In beiden Fällen löscht SteamOS ohne Rückfrage die komplette erste Festplatte und erstellt dort drei Partitionen.

Die erste davon nimmt das eigentliche Debian-System auf, die zweite eine fürs Recovery gedachte Kopie des Installationsmediums. Beide Partitionen belegen je 10 GByte, die dritte nimmt den restlichen Festplattenplatz im Beschlag. Auf ihr lagern die Home-Verzeichnisse der beiden Standard-Nutzer namens desktop und steam, zudem speichert hier der Steam-Client die gekauften Spiele.

Wie die Namen der Benutzerkonten schon vermuten lassen, läuft unter desktop der Linux-Desktop, unter steam hingegen der entsprechende Client. Letztgenanntes Benutzerkonto besitzt aus Sicherheitsgründen eingeschränkte Rechte. Keiner der beiden Accounts ist mit einem Steam-Konto verknüpft. Auf der Steam Machine im Wohnzimmer "arbeiten" also alle Benutzer zwangsweise unter dem Konto desktop, nur der Steam-Client unterscheidet mithilfe von Steam-Konten zwischen den Familienmitgliedern.

Probierhäppchen

Möchten Sie SteamOS selbst ausprobieren, gilt es einiges zu beachten. SteamOS verlangt zwingend eine UEFI-Firmware, mindestens 4 GByte RAM, eine möglichst moderne Nvidia-Grafikkarte, eine leere Festplatte ab 500 GByte Speicherplatz und eine 64-Bit-CPU von Intel oder AMD.

Diese Angaben orientieren sich jedoch an den Anforderungen der Spiele sowie der Steam Machine. Tatsächlich läuft SteamOS auf jedem Rechner, auf dem sich auch Debian installieren lässt, lediglich eine UEFI-Firmware ist Pflicht. Somit können Sie SteamOS auch in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox testen. Lediglich Spiele lassen sich dort nicht starten, da VirtualBox keine vollwertige 3D-Grafik ermöglicht. Achten Sie darauf, dass VirtualBox mindestens in der Version 4.3.4 vorliegt, ältere Versionen können Probleme bereiten.

Auf der SteamOS-Downloadseite [6] wenden Sie sich dem Bereich Custom Installation zu und laden über Download the custom SteamOS beta installation das etwa 1 GByte große ZIP-Archiv herunter. Entpacken Sie es in Ihrem Heimatverzeichnis in den Ordner steamos/, öffnen Sie ein Terminal und setzen Sie folgenden Befehl ab:

$ genisoimage -o steamos-1.0-uefi-amd64.iso -r -J ~/steamos/

Das Werkzeug Genisoimage ziehen Sie bei Bedarf über den Paketmanager nach. Starten Sie VirtualBox und klicken Sie auf Neu. Geben Sie der virtuellen Maschine einen beliebigen Namen. Als Typ wählen Sie Linux, die Version setzen Sie auf Debian 64-Bit. Einen Schritt Weiter legen Sie den Speicher auf die Hälfte des tatsächlichen Hauptspeichers fest.

Im nächsten Schritt lassen Sie eine virtuelle Festplatte Erzeugen, die Einstellungen VDI und dynamisch alloziert bestätigen Sie. Als Größe der Festplatte stellen Sie 500 GByte ein und lassen sie Erzeugen. Im Hauptfenster klicken Sie auf der rechten Seite auf System. Setzen Sie einen Haken vor EFI aktivieren (nur spezielle Gäste). Wechseln Sie zur Anzeige, haken Sie 3D-Beschleunigung aktivieren ab und setzen Sie den Grafikspeicher auf den Maximalwert.

Aktivieren Sie die Massenspeicher, markieren Sie den Punkt leer, klicken Sie rechts im Bereich Attribute auf das CD-Symbol, wählen Sie Datei für virtuelles Medium auswählen und suchen Sie die vorhin erzeugte Datei steamos-1.0-uefi-amd64.iso. Alle anderen Einstellungen bleiben auf den Standardwerten. Klicken Sie auf OK und Starten Sie den virtuellen PC. Beim Steam-Logo bestätigen Sie den Punkt Automated Install.

Wechselspiel

Nach der Installation und einem Neustart wählen Sie im Boot-Menü aus Abbildung 2 schnell den Recovery-Modus aus, um SteamOS die Grafiktreiber von VirtualBox unterzuschieben. Der Recovery-Modus startet in eine Kommandozeile mit Root-Rechten und englischer Tastaturbelegung – der im Folgenden benötigte Schrägstrich liegt auf der Minus-Taste.

Abbildung 2: Als Boot-Manager kommt Grub zum Einsatz. Im Recovery-Modus lassen sich SteamOS die VirtualBox-Treiber unterschieben.

Aktivieren Sie im Fenster der virtuellen Maschine den Menüpunkt Geräte | Medium mit Gasterweiterungen einlegen. In SteamOS binden Sie jetzt die CD mit den Treibern ein und installieren diese:

# mount /media/cdrom
# sh /media/cdrom/VBoxLinuxAdditions.run

Entfernen Sie anschließend die CD per umount /media/cdrom und dem Aufruf von Geräte | CD/DVD-Laufwerke | Medium entfernen wieder. Sofern sich VirtualBox beschwert, lassen Sie den Auswurf erzwingen.

Damit Sie sich später anmelden und insbesondere per sudo Software nachinstallieren können, müssen Sie für den von SteamOS eingerichteten Standardnutzer namens desktop noch mit passwd desktop ein Passwort vergeben. Denken Sie dabei daran, dass die englische Tastaturbelegung gilt.

Starten Sie jetzt das System per reboot neu. Im Bootmenü bestätigen Sie einfach den ersten Punkt. Sollten Sie nur an einem EFI-Eingabeprompt landen, tippen Sie dort den folgenden Befehl ein (der Backslash liegt auf [#]):

FS0:\EFI\steamos\grubx64.efi

Im Anmeldebildschirm wählen Sie aus der Ausklappliste den Punkt GNOME, tippen desktop ein, drücken die Eingabetaste und geben dann das zugehörige Passwort preis. Den Steam-Client starten Sie mit einem Doppelklick auf das Symbol Return to Steam.

Passiert dabei nichts oder erhalten Sie eine Fehlermeldung, starten Sie das System einmal neu. Öffnen Sie dann die Activities, tippen terminal ein, bestätigen mit der Eingabetaste und starten dann steam. In jedem Fall sollte sich der Steam-Client zunächst aktualisieren, was ein paar Minuten dauert.

Fazit

Die erste Version von SteamOS macht dank Debian 7 einen stabilen Eindruck. Die radikale Installation ist auch für Linux-Laien ein Kinderspiel. Allerdings fehlen noch einige Funktionen, insbesondere das groß angekündigte Streaming: Dabei läuft das Spiel auf einem potenten Desktop-PC, der die Bilder an die Steam Machine weiterreicht.

Valve bewirbt seine Steam Machines und SteamOS als offenes System. Auf den Boden eines freien Linux-Systems setzt Valve jedoch seinen Steam-Client, der den Benutzer in der Steam-Welt gefangen hält. Die über Steam gekauften Spiele sind per DRM eingeschränkt, die Daten und Spielstände wandern ähnlich wie bei Sony, Microsoft und Nintendo an den Betreiber. Immerhin haben die Nutzer von SteamOS größere Freiheiten als bei den anderen Konsolen – zumindest derzeit noch. 

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