In den vergangenen Jahren schien der Siegeszug webbasierter Mail-Dienste nicht mehr aufzuhalten zu sein. Immer mehr Nutzer erledigten die elektronische Post direkt im Browser und verzichteten auf den Einsatz eines speziellen Client-Programms. Da verwundert es wenig, dass die Arbeit an vielen Mail-Clients zum Erliegen kam – ein Trend, der alle Betriebssysteme gleichermaßen betrifft.

Inzwischen haben aber einige Programmierer wieder den Mut gefunden, an solchen Tools zu arbeiten. Gründe für deren Einsatz gibt es ja reichlich: Zum Beispiel das engere Verzahnen mit dem Betriebssystem oder der Vorteil, eine einheitliche Oberfläche für verschiedene Konten zu nutzen. Die Zeichen stehen gar nicht schlecht, dass dem klassischen Mailer eine Renaissance bevorsteht. Interessante neue Applikationen wie Geary [1] dürften dazu beitragen.

Die Entwickler von Geary sind in der Szene keine Unbekannten: Von ihnen stammt auch Shotwell [2], eine beliebte Bildverwaltung für Gnome. Bei Geary setzten die Entwickler auf Crowdfunding, um die Arbeit zu finanzieren. Das Ziel scheiterte zwar, die Entwickler machten sich aber dennoch unverdrossen ans Werk [3]. Der Kasten "Installation" beschreibt, wie Sie die stets neueste Version auf Ihrem System integrieren.

Installation

Um die aktuellste Version von Geary zu installieren, geben Sie die Befehle aus Listing 1 ein. Der erste legt die neue Paketquelle an, die beiden folgenden binden deren Inhalt ein und richten Geary auf dem System ein.

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:yorba/ppa
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install geary

Assistent

Geary ist für die drei größten und bekanntesten kostenlosen Mail-Anbieter vorbereitet. Senden und empfangen Sie Ihre Nachrichten über Google Mail, Yahoo oder Outlook.com (ehemals Hotmail), dann haben Sie das Konto mit wenigen Mausklicks eingerichtet. Dazu starten Sie das Programm wie gewohnt über die Dash. Sie sehen einen noch leeren Dialog.

Im Listenfeld wählen Sie zunächst den Anbieter aus. Danach füllen Sie die weiteren Felder aus (Abbildung 1). Die Mailadresse tragen Sie genauso ein, wie Sie sich beim Dienst anmelden. Sobald Sie fortfahren, stellt Geary die Verbindung zum Server her, und das Konto sollte direkt aktiv sein und funktionieren.

Abbildung 1: Nutzer von Google Mail oder Hotmail brauchen nur wenige Angaben im Assistenten zu hinterlegen und erhalten sofort Zugriff auf ihre Mails.

Nutzen Sie einen eigenen Server oder einen Provider, der sich nicht in der Liste findet, entscheiden Sie sich im Listenfeld für Andere. In diesem Fall geben Sie die Details für den Zugang manuell ein.

Eigener Server

Geary arbeitet prinzipiell nur mit Anbietern zusammen, die den Zugriff auf die Nachrichten per IMAP gewähren. Das ist die modernere Form, Mails auf dem Server zu verwalten. Dabei bleiben alle Elemente solange auf dem Server, bis Sie sie von dort löschen.

Beim etwas in die Jahre gekommenen Verfahren POP3 holt der Client dagegen üblicherweise die Nachrichten vom Server ab und löscht diese dort nach dem Empfang. Dabei ist das Verschieben von E-Mails von einem Ordner in einen anderen auf dem Server nicht möglich.

IMAP bedeutet allerdings nicht, dass gar keine E-Mails oder Daten auf dem Rechner des Nutzers landen: Aus Gründen der Geschwindigkeit legen die meisten Mailprogramme lokale Kopien von Nachrichten und Anhängen an.

Wenn Sie einen individuellen Zugang einrichten wollen, vergeben Sie im Dialog einen sogenannten "Nickname". Dieser kommt bei Geary zum Einsatz, um die Konten zu unterscheiden. Im Hauptbereich des Fensters hinterlegen Sie die Details für den Server (Abbildung 2). Dazu gehören der Hostname, eventuell das genutzte Verfahren zum Verschlüsseln der Kommunikation zum Server sowie die Informationen zum Anmelden. Verlassen Sie den Dialog über OK, um das Einrichten abzuschließen.

Abbildung 2: Solange der Server das Protokoll IMAP versteht, besteht die Möglichkeit, ihn mit der aktuellen Version von Geary zu nutzen.

In diesem Zusammenhang sicherlich von Interesse ist die Frage, wo Geary die Zugangsdaten für die Konten ablegt. Ein Grund zum Misstrauen besteht allerdings nicht: Das Programm speichert die Zugangsdaten nicht etwa offen oder in Form von Konfigurationsdateien ab, sondern setzt als Programm für den Gnome-Desktop auf die darin enthaltene Schlüsselverwaltung.

Erster Start

Nach dem Einrichten ruft Geary nun erstmals die Liste der auf dem Server liegenden Nachrichten und Ordner ab. Wie in vielen anderen Clients üblich, gliedert sich das Programmfenster in drei Bereiche (Abbildung 3). Die Liste am linken Rand enthält die verschiedenen Konten und deren Ordner.

Abbildung 3: In Bezug auf die grundlegenden Ideen und das Bedienkonzept haben sich die Entwickler aus verschiedenen Quellen bedient. Herausgekommen ist ein übersichtliches Programm.

Der mittlere Teil des Fensters enthält die Liste der Nachrichten des jeweils ausgewählten Ordners, während Sie auf der rechten Seite den Inhalt der markierten Mails sehen. Blättern Sie mit der Tastatur durch die Liste der Nachrichten, markiert die Software jene Elemente, die aus dem Blickfeld geraten, automatisch als gelesen.

Konversationen

Neue Wege geht Geary beim Darstellen der E-Mails, die zusammengehören: Während andere Programme die Nachrichten eines Threads in Form einer Baumstruktur anordnen, nutzt Geary die Ansicht als Konversation. Gibt es zu einer Nachricht bereits weitere Antworten im Posteingang, sehen Sie einen Auszug aus deren Text in der Liste der Nachrichten.

Zugleich setzt Geary in der Liste eine kleine Ziffer neben den Betreff. Diese zeigt an, wie viele Nachrichten zum gleichen Thema existieren. Statt durch die Liste der Mails zu blättern, klicken Sie auf die neueste Nachricht. Diese sehen Sie dann direkt im rechten Bereich des Fensters. In Form einer durchgängigen Reihe finden Sie aber auch alle anderen Nachrichten, die zu dieser Konversation gehören, an der gleichen Stelle.

Mit einem Mausklick auf die Vorschau öffnen Sie komfortabel die weiteren E-Mails aus dem Zusammenhang. Dank der linearen Ansicht behalten Sie leichter die Übersicht über die Inhalte der Kommunikation. So gelingt es auch nach längerer Zeit noch, sich schnell in die Antworten und Thesen der Absender hineinzudenken.

Etiketten statt Ordner

Google sorgte bei seinem Mail-Dienst Gmail nicht nur dadurch für Aufsehen, dass es den Nutzern eine enorme Menge an Speicherplatz einräumte, sondern führte zugleich ein völlig neues Konzept bei der Ablage ein. Bis dahin benutzten Webdienste und Mailprogramme gleichermaßen die bewährte Methode, die Nachrichten mittels Ordnern zu organisieren.

Gmail verwaltet die Mails jedoch anders: Rein physikalisch liegt die eingehende Post in einem gemeinsamen Verzeichnis. Die richtige Struktur bringen Sie mittels der Etiketten ("Labels") in diese Informationen. Dabei unterscheidet der Dienst zwischen benutzerdefinierten Labels einerseits und vom System gesetzten, unveränderlichen Tags andererseits. Nachrichten, die Sie löschen, erhalten beispielsweise das (System-)Etikett Papierkorb.

Um einer Mail in Geary ein Label zuzuweisen, klicken Sie zunächst die Nachricht in der Liste an und anschließend in der Symbolleiste das Bild mit dem kleinen Anhänger. Derzeit gibt es keine Möglichkeit, eigene Labels in der Software zu vergeben. Sie liest zwar die in einem Mail-Konto angelegten Etiketten problemlos aus. Um aber weitere Tags anzulegen oder bestehende zu bearbeiten, bleibt nur der Weg, sich via Web in das entsprechende Konto einzuloggen. Sobald Sie ein Label einer Mail zugewiesen haben, verschwindet diese aus dem Posteingang.

Nachrichten finden

Das Internet und Fachzeitschriften stecken voller unterschiedlicher Tipps und Strategien zum schnellen Erledigen der elektronischen Post. In einem Punkt sind sich die Experten allerdings einig: Generell ist es keine gute Idee, Nachrichten nur deshalb im Posteingang zu belassen, weil Sie die E-Mail zu einem späteren Zeitpunkt bearbeiten möchten oder darauf zurückkommen wollen.

Ist eine E-Mail wichtig, gibt es in Geary zwei Optionen: Sie versehen die Mail entweder mit einem extra dafür eingerichteten Label, oder Sie kennzeichnen sie als Markiert. Für Letzteres klicken Sie in der Liste einfach auf das Sternchen im Eintrag. Beim Markieren verbleibt die E-Mail an dem Ort, an dem Sie sie abgelegt haben.

Anschließend haben Sie die Möglichkeit, sie mit einem Label zu versehen und somit in einen anderen Ordner oder Bereich von Geary zu verschieben. Indem Sie in der Liste der Label auf Markiert klicken, rufen Sie dann alle so markierten Elemente wieder auf.

Verfassen und antworten

Unter Ubuntu und seiner Oberfläche Unity erreichen Sie mit einem Rechtsklick auf das Symbol von Geary im Starter die Funktion, eine neue Nachricht zu verfassen (Abbildung 4). Alternativ wechseln Sie ins Programmfenster und klicken dort entweder auf das Symbol für eine neue Mail oder nutzen [Strg]+[N] (siehe auch Tabelle "Shortcuts").

Abbildung 4: Der Editor von Geary gibt sich schlicht und funktional. Lediglich ein Handling von Signaturen wäre noch wünschenswert.

Shortcuts

[Strg]+[N] neue Nachricht schreiben
[Strg]+[R] auf Nachricht antworten
[Strg]+[Umschalt]+[R] Antwort an alle
[Strg]+[L] Nachricht weiterleiten
[A] Nachricht archivieren
[S] Nachricht markieren
[D] Markierung entfernen
[Strg]+[I] Nachricht als gelesen markieren
[Strg]+[U] als ungelesen markieren
[Strg]+[J] Nachricht als Spam markieren
[Strg]+[Umschalt]+[**0**] Ansicht vergrößern
[Strg]+[-] Ansicht verkleinern
[Strg]+[**0**] Vergrößerung wieder normalisieren

Der Editor von Geary ist einfach aufgebaut, bietet aber alle wesentlichen Funktionen zum Bearbeiten der Korrespondenz. Haben Sie mehrere Konten eingerichtet, erfolgt der Wechsel zwischen diesen einfach über ein Listenfeld am oberen Rand des Fensters. Über die Symbolleiste greifen Sie auf ein grundlegendes Set an Formaten zurück.

Möchten Sie eine Datei versenden, klicken Sie auf den Schalter Datei anhängen und navigieren im nachfolgenden Dialog bis zum Verzeichnis, das die gewünschten Files enthält. Alternativ öffnen Sie den Dateimanager, markieren Sie dort die zu versendenden Dokumente, und ziehen diese in den unteren Bereich des Editors. Achten Sie darauf, die Dokumente möglichst dicht neben dem entsprechenden Schalter abzulegen.

Noch nicht integriert haben die Entwickler eine Funktion, mit der Sie Signaturen in die Mails einfügen und speichern. Das Problem umgehen Sie im Zweifel, indem Sie die Signatur aus einer älteren Mail kopieren und über die Zwischenablage einfügen. Oder Sie legen diese in Form einer Textdatei an, die Sie auf dem Desktop speichern. Brauchen Sie die Signatur, öffnen Sie diese und kopieren den Text.

Gerade professionelle Anwender suchen nach einer Druckfunktion. Um eine Nachricht auszudrucken, wählen Sie diese zunächst im rechten Bereich des Fensters aus. Rechts neben der Angabe des Absenders befindet sich ein kleiner Schalter, der Zugriff auf ein zusätzliches Menü erlaubt. Hier finden Sie auch das Kommando Drucken. Außerdem holen Sie hier bei Bedarf den Quelltext der Nachricht auf den Schirm, um etwa die Informationen zum Versand zu überprüfen.

Ein kleines Kontextmenü erreichen Sie via Rechtsklick auf eine E-Mail in der Liste der Nachrichten. Dort finden Sie darüber hinaus die Funktionen, um auf Mails zu antworten oder diese weiterzuleiten. Bei den Antworten geht Geary von ToFu aus. Stört Sie das, dann entfernen Sie im Editor die Passagen, die aus Ihrer Sicht unnötig sind, oder schreiben die Antwort exakt dort in den zitierten Text, auf den Sie sich beziehen.

Fazit

Oberfläche und Funktionen von Geary machen Lust auf mehr. Für ein Programm mit der Versionsnummer 0.4 arbeitet es bereits sehr stabil und erledigt alle grundlegenden Aufgaben zufriedenstellend. Insgesamt erweist sich die Software aber als noch lange nicht perfekt: Ubuntu-Nutzern fällt beispielsweise die noch eher unzureichende Integration in Unity ins Auge: So fehlt eine Möglichkeit, das HUD-Display einzusetzen oder Rückmeldungen über die Kontrollleiste zu erhalten.

Im Kernbereich könnten die Entwickler der Software ebenfalls noch die eine oder andere zusätzliche Funktion spendieren. Was auf jeden Fall fehlt, ist die Unterstützung von serverbasierten Filtern und Regeln, um eingehende Post schneller zu sortieren. Nützlich wäre in diesem Zusammenhang sicherlich, wenn Geary die Tastenkürzel von Google Mail und den anderen Diensten unterstützte.

Unglücklicherweise machen die Entwickler keinen Gebrauch vom Einsatz des Kontextmenüs. Doch gerade dies brächte beim Verwalten von Nachrichten viel Zeitersparnis mit sich – etwa, um komfortabel eine Reihe von E-Mails mit nur einem Kommando direkt über die rechte Maustaste in einen anderen Ordner zu verschieben.

Ganz oben auf der Wunschliste steht aber ohne jeden Zweifel die Integration von Programmen für das Verschlüsseln der elektronischen Post. Derzeit bleibt nur der Umweg über ein externes Programm, um den Inhalt einer Nachricht chiffriert zu versenden. Das funktioniert zwar, ist aber alles andere als komfortabel. 

Glossar

ToFu

Text oben, Full Quote unten. Stil beim Beantworten einer Mail, bei der sich die Antwort oberhalb des in der Mail enthaltenen Textes befindet. Diese Art gilt unter eingefleischten Anhängern elektronischer Kommunikation als unhöflich, da sie keinen Kontext liefert und die Nachrichten häufig unnötig aufbläht.

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