Wie gemalt

Inkscape-Effekte gekonnt einsetzen

21.11.2013
Neben den grundlegenden Zeichenfunktionen bietet Inkscape ausgefeilte Effekte, die Vektorlinien in weich fließende Pinselschwünge verwandeln oder das Zeichnen von feingezähnten Papierrisskanten automatisieren.

Man nennt Inkscape ein Zeichenprogramm, weil die Bildelemente in einem Inkscape-Dokument auf Linien beruhen – sogenannten Vektoren – und nicht auf farbigen Bildpunkten wie bei Bitmap-Editoren. Die damit verbundene Assoziation flüchtig hingeworfener Skizzen wird dem umfangreichen Programm mit seinen zahlreichen Effekten allerdings längst nicht mehr gerecht.

In der aktuellen Version 0.48 von Inkscape [1] entstehen Bilder, die eher an handgemalte Aquarelle erinnern als an Bleistiftzeichnungen. Dennoch basieren sie immer noch ausschließlich auf verlustfrei skalierbaren Vektorformen (Abbildung 1, oben und unten).

Abbildung 1: Die Inkscape-Zeichnung oben sieht wie eine Bitmap aus. Doch sie basiert ausschließlich auf auflösungsunabhängigen und mit den Inkscape-Kurvenwerkzeugen editierbaren Vektorkurven (unten).

Dieser Artikel setzt den Umgang mit Grundformen und Bézier-Kurven voraus: Seit Erscheinen des Urahns dieses Artikel aus dem Jahr 2005 [2] hat sich an dieser schon damals soliden Basis wenig verändert.

Vorsatzlinsen

Von Anfang an ließen sich mit Inkscape komplexe Formen zeichnen. Doch da das Programm nur einfache Farbfüllungen und Farbverläufe beherrschte, haftete den Grafiken meist die Anmutung eines Comics an. Ab Inkscape 0.45 (Februar 2007) sorgen sogenannte Filter (Menü Filter) für mehr Tiefe und das "gewisse Etwas".

Ähnlich wie ein auf das Kameraobjektiv geschraubter Vorsatzfilter verzerren und färben sie das darunterliegende Objekt. Wie in der Fotografie lassen sich mehrere Filter kombinieren. Die Effekte bleiben unabhängig von der globalen Undo-Liste von den Objekten ablösbar, was das Experimentieren erleichtert.

Inkscape 0.48 kennt rund 220 solcher Filter-Effekte, die das Programm in 18 recht intuitiv benannte Kategorien einteilt (Menü: Effekte). Abbildung 2 bis Abbildung 4 zeigen jeweils drei typische Beispiele aus jeder dieser Gruppen. Sie konkretisieren, was hinter den "sprechenden" Namen der Effekt-Kategorien steckt.

Prinzipiell lassen sich alle Effekte sowohl auf in die Zeichnung eingebettete Bitmaps anwenden als auch auf gewöhnliche Zeichenelemente. Manche sind allerdings speziell für Bitmaps konzipiert und entfalten ihre Wirkung allenfalls bei Vektorelementen mit vielen Details und Farben. In den Abbildungen ist bei der Demonstration dieser Effekte ein Foto zu sehen, bei allen anderen Filtern ein Vektorobjekt.

Abbildung 2: Die Filter-Kategorie ABCs bündelt Grundlegendes, Texturen überziehen das gesamte Objekt, Anlagerungen schmiegen sich an die Ränder an. Übersteigerte Schattierungen sorgen für comicähnliche, übersteigerte Pseudo-3D-Schattierungen. Deckschichten überdecken das Ursprungsobjekt nur teilweise. Die Kategorie Unschärfe erklärt sich von selbst.
Abbildung 3: Grat-Filter sorgen für ein 3D-Profil mit Kantenbetonung, Verzerren-Filter deformieren die Objekte. Materialien verändern Form und Oberflächenbeschaffenheit, hinter Wölbung verbergen sich gewölbte Materialien. Morphologie-Filter heben den Umriss hervor. Die Bild-Effekte bündeln typische Bitmap-Effekte, wie sie ähnlich auch in Gimp zu finden sind.
Abbildung 4: Rauhe Texturen sorgen für eine Oberflächenmaserung, bei den Schatten und Lichtern geht es um Leucht- und Beleuchtungseffekte. Filter der Gruppe Streuung zerteilen die Ursprungsform in kleine Fragmente. Die drei Gruppen rechts sind für Bitmaps gedacht.

Trotz ihrer Anzahl und Bandbreite reichen die Inkscape-Filter optisch nicht an die Live-Effekte von Adobe Illustrator heran. Die Marktführerschaft ist dem kommerziellen Hersteller und seinen teuren Programmen so leicht nicht zu nehmen. Eine große Einschränkung der Inkscape-Effekte sind die häufig fehlenden Einstellungen: Oft lässt sich in den Filter-Dialogen nicht einmal die Gesamtstärke des Effekts steuern.

Primitivlinge

Quasi als Ausgleich gibt es unter Filter | Filter bearbeiten einen Editor, der die elementaren SVG-Filter einzeln exponiert, aus denen sich der auf ein Objekt angewandter Inkscape-Filter zusammensetzt. Abbildung 5 zeigt die Basiskomponenten (englisch "filter primitives") des Effekts Rauhe Texturen | Alufolie. Der erste Eintrag in der Liste ist ein simpler Weichzeichner (Punkt 1 in der Abbildung), dessen horizontale und vertikale Stärke Sie mit den Schiebern unten im Filtereditor (Punkt 2) einstellen.

Abbildung 5: Der Filtereditor, der das Bearbeiten der bei den Filtereffekten eingesetzten SVG-Basisfilter gestattet, erlaubt es, die Filter nach der Anwendung feinzutunen oder eigene neue Effekte zu gestalten.

Jeder Filter in der Effektpipeline besitzt einen oder mehrere Eingänge, aus denen er die zu filternden Bilddaten bezieht. Die schwarzen Linien rechts von der Filterliste (Punkt 3) symbolisieren dies. Normalerweise ist der erste Filter mit der Quellgrafik verknüpft, alle weiteren beziehen ihren Input vom vorausgehenden Filter. Es gibt jedoch auch Arbeitsschritte, die sich auf frühere Stufen oder die unveränderte Quellgrafik zurückbesinnen.

Sie verändern eine Input-Quelle, indem Sie das kleine Dreieck rechts neben dem Filternamen entweder auf einen vorausgehenden Filter oder einen der grauen Balken am rechten Fensterrand ziehen. Quellgrafik steht für das gesamte Objekt inklusive Umriss, auf das der Effekt angewandt wurde.

Alternativ dürfen Sie auch die Farbe der Füllung oder Kontur, den Hintergrund des gefilterten Objekts sowie den Transparenzwert des Objekts oder seines Hintergrunds als Eingang wählen. Die Reihenfolge der Filter lässt sich durch Ziehen mit der Maus verändern. Neue Filter-Primitive fügen Sie mithilfe des Ausklappfelds unterhalb der Filterliste hinzu (Punkt 4).

Allerdings lässt sich die Wirkung mancher SVG-Filter nicht so leicht nachvollziehen wie die des Gaußschen Weichzeichners. Eine Versatzkarte zum Beispiel verschiebt die Bildpunkte seines ersten Inputs basierend auf der Stärke des Helligkeitswerts am zweiten Eingang. In Kombination mit einem Ausleuchtungsfilter prägt dieser Filter also eine Art räumliches Muster auf. Auch Verstreuen- und Verwirbeln-Effekte basieren auf ihm.

Die Tabelle "Basiseffekte in Inkscape" listet alle 14 in Inkscape 0.48 umgesetzten Filter-Primitive mit einer kurzen Beschreibung sowie der englischen Bezeichnung zum Auffinden im Handbuch, das auch diese Inkscape-Funktionen vorzüglich dokumentiert [3].

Basiseffekte in Inkscape

Name (deutsch) Name (englisch) Wirkung
Beleuchtung mit Glanzlichtern Specular Lighting "Scheinwerfer" (Pseudo-3D)
Bild Image externes Bild einbeziehen
Diffuse Beleuchtung Diffuse Lighting Hintergrundbeleuchtung (Pseudo-3D)
Farb-Matrix Color Matrix matrixbasierte Umrechnung für die Farbe
Füllen Flood einfarbiger Hintergrund, meist zusammen mit Kombinieren benutzt
Gaußscher Weichzeichner Gaussian Blur Standard-Unschärfefilter
Kombinieren Composite Überlappen, Ausschneiden, Farbmittelwert
Matrix falten Convolve Matrix Farbübergänge auf Basis einer 2D-Matrix hervorheben oder verwischen
Mischen Merge wirkt wie übereinander gezeichnete Objekte
Morphologie Morphology Objektkontur verstärken oder ausdünnen
Turbulenz Turbulence glatte, wellenförmige Farbfluktuationen
Versatz Offset einfache Verschiebung
Versatzkarte Displacement Map Bildpunkte auf Basis des Helligkeitswerts eines zweiten Inputs verschieben
Zusammenführen Blend Helligkeits- und Farbwerte vermischen

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 6 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare

Infos zur Publikation

LU 12/2014: ANONYM & SICHER

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

Nach Ubdates alles weg ...
Maria Hänel, 15.11.2014 17:23, 4 Antworten
Ich brauche dringen eure Hilfe . Ich habe am wochenende ein paar Ubdates durch mein Notebook von...
Brother Drucker MFC-7420
helmut berger, 11.11.2014 12:40, 1 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu 14.04-Nutzer...
Treiber für Drucker brother MFC-7420
helmut berger, 10.11.2014 16:05, 2 Antworten
Hallo, ich habe einen Drucker, brother MFC-7420. Bin erst seit einigen Tagen ubuntu12.14-Nutzer u...
Can't find X includes.
Roland Welcker, 05.11.2014 14:39, 1 Antworten
Diese Meldung erhalte ich beim Versuch, kdar zu installieren. OpenSuse 12.3. Gruß an alle Linuxf...
DVDs über einen geeigneten DLNA-Server schauen
GoaSkin , 03.11.2014 17:19, 0 Antworten
Mein DVD-Player wird fast nie genutzt. Darum möchte ich ihn eigentlich gerne abbauen. Dennoch wür...