Ausgedrosselt?

Editorial 12/2013

21.11.2013

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

als die Telekom im April dieses Jahres – pikanterweise zeitgleich mit dem 20. Geburtstag des WWW – ankündigte, ihren DSL-"Flatrate"-Kunden beim Überschreiten recht knapper Volumengrenzen die Datenrate auf 384 kbit/s zu drosseln, schlug die Empörung hohe Wellen [1].

Das lag nicht nur daran, dass mit einer solchen Geschwindigkeit schon die heute üblichen Nachrichten-Webseiten kaum noch zu nutzen sind, geschweige denn Multimedia-Dienste. Vielmehr war zu befürchten, dass diese Praxis den Grundsatz der Netzneutralität nachhaltig untergraben würde, denn eigene IP-Dienste und die ihrer Geschäftspartner wollte die Telekom aus der Volumenberechnung ausklammern. In der Praxis hätte dies für den Kunden bedeutet, dass nach monatlich nur 11 Stunden voller Nutzung des Zugangs das Internet nur noch aus Telekom-Diensten bestanden hätte.

Mit einem Urteil vom 30. Oktober 2013 hat das Landgericht Köln nun der Telekom diese Praxis vorläufig untersagt [2] – vorläufig deshalb, weil das Urteil noch nicht rechtskräftig ist und die Telekom mit Sicherheit dagegen Rechtsmittel einlegen dürfte. Der Kläger, die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, rechnet denn auch damit, das Verfahren bis zum Bundesgerichtshof verfolgen zu müssen.

Unabhängig davon zeigt die inzwischen vorliegende Urteilsbegründung [3] eine bemerkenswerte Einsicht des Gerichts in die Bedeutung des weltweiten Netzes für den Kunden. Zwar drehte sich der Rechtsstreit konkret vor allem darum, was man als Verbraucher unter "Flatrate" verstehen darf. Hier legten die Richter klar fest, dass es sich dabei im Fall von DSL um einen "Festpreis für den Internetzugang zu einer bestimmten Bandbreitengeschwindigkeit und ohne Einschränkungen" handle.

Damit hat das Gericht erfreulicherweise, wenn auch nur quasi im Nebensatz, aber auch noch einmal das Prinzip der Netzneutralität unterstrichen – man beachte die Formulierung und ohne Einschränkungen. Wenige Sätze später legen die Richter sogar noch einmal nach: Der Kunde dürfe erwarten, dass "die Nutzung seines häuslichen Internetzugangs in Abhängigkeit von … der eingesetzten Hardware einwandfrei funktioniert".

Einwandfreie Funktion – das bedeutet im Internet zweifelsohne auch, keine Dienste anderer Anbieter oder unliebsamer Art auf der Leitung abzuwürgen, wie etwa Filesharing, Internet-Telefonie der Konkurrenz, oder – wie in Frankreich heute schon üblich – VPNs, IMAP, UDP oder jeden Datentransfer oberhalb eines Sperrvolumens [4].

Wohlgemerkt: Netzneutralität auf Paket-Ebene, wie sie manchmal gefordert wird, ist weder sinnvoll noch wünschenswert, denn manche Dienste benötigen technisch bedingt eine gewisse Priorisierung: IP-Telefonie beispielsweise hinsichtlich der Latenz oder IP-TV in Bezug auf eine garantierte Bandbreite. Auf der Ebene der Dienste-Anbieter aber darf es keine künstlichen Schranken geben, soll das weltweite Netz nicht zur privaten Spielwiese einiger weniger mächtiger globaler Provider verkommen.

Gerade wir Open-Source-Nutzer haben kulturell wie technisch ein besonderes Interesse an der ungehinderten Kommunikation und Dienstenutzung im Internet. Da bleibt nur zu hoffen, dass die folgenden juristischen Instanzen das Anti-Drosselkom-Urteil bestätigen (und weiter präzisieren) werden.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Editorial zur Telekom-Drosselung: Jörg Luther, "Völlig abgedreht", LU 06/2013, S. 3, http://www.linux-community.de/29189

[2] LG Köln kippt Drosselkom (Aktenzeichen 26 O 211/13): http://heise.de/-2036234

[3] Urteilsbegründung des LG Köln: http://www.vz-nrw.de/media225074A

[4] Netzneutralität und deren Verletzungen: http://de.wikipedia.org/wiki/Netzneutralität

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 1 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
Kommentare

Infos zur Publikation

title_2014_10

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Schnell Multi-Boot-Medien mit MultiCD erstellen
Tim Schürmann, 24.06.2014 12:40, 0 Kommentare

Wer mehrere nützliche Live-Systeme auf eine DVD brennen möchte, kommt mit den Startmedienerstellern der Distributionen nicht besonders weit: Diese ...

Aktuelle Fragen

Windows 8 startet nur mit externer Festplatte
Anne La, 10.09.2014 17:25, 4 Antworten
Hallo Leute, also, ich bin auf folgendes Problem gestoßen: Ich habe Ubuntu 14.04 auf meiner...
Videoüberwachung mit Zoneminder
Heinz Becker, 10.08.2014 17:57, 0 Antworten
Hallo, ich habe den ZONEMINDER erfolgreich installiert. Das Bild erscheint jedoch nicht,...
internes Wlan und USB-Wlan-Srick
Gerhard Blobner, 04.08.2014 15:20, 2 Antworten
Hallo Linux-Forum: ich bin ein neuer Linux-User (ca. 25 Jahre Windows) und bin von WIN 8 auf Mint...
Server antwortet mit falschem Namen
oin notna, 21.07.2014 19:13, 1 Antworten
Hallo liebe Community, Ich habe mit Apache einen Server aufgesetzt. Soweit, so gut. Im Heimnet...
o2 surfstick software für ubuntu?
daniel soltek, 15.07.2014 18:27, 1 Antworten
hallo zusammen, habe mir einen o2 surfstick huawei bestellt und gerade festgestellt, das der nic...