Geometrie

Die im Reiter Geometrie zusammengefassten Funktionen kennt man großenteils von RAW-Konvertern: Die fünf objektivbezogenen Einstellungen Objektivparameter bis Geometrieumwandlung und in Grenzen auch Defish nutzen die Lensfun-Datenbank [5]. Diese charakterisiert Objektive durch spezifische Parameter, um Verzeichnungen, Randabschattungen und Farbränder zu korrigieren. Dazu werden die von den Objektiven ins Bild geschriebenen EXIF-Tags mit den in einer Datenbank gespeicherten Parametern kombiniert.

Die Geometrieumwandlung erlaubt, die typischen kissen-, tonnenförmigen und sonstige Verzeichnungen auszugleichen. Das liefert insbesondere bei der Architekturfotografie bessere Ergebnisse, aber auch in vielen anderen Fällen. Erscheint einer der Parameter als unbekannt, findet keine Umwandlung statt. Sie sollten die Lensfun-basierten Filter in der Reihenfolge im Reiter anwenden und kombinieren, um optimale Resultate zu erzielen.

Auch die Rotation entspricht derer vieler RAW-Konverter: Sie können das Bild in Schritten von 90 Grad verlustfrei oder um einen beliebigen Winkel drehen. Wählen Sie hier eine horizontale oder vertikale Linie mit der Maus, dann richtet Photivo das Bild dann anhand dieser automatisch aus. Das Zuschneiden erfolgt mit dem gleichnamigen Tool: Wie bei Gimp wählen Sie einen Bereich aus und bestätigen dann per Doppelklick. Auch hier haben Sie die Möglichkeit, den Ausschnitt mithilfe von Hilfslinien optimal zu positionieren.

Die Inhaltssensitive Größenänderung ("seam carving") gehört dagegen zu den weniger bekannten Werkzeugen. Sie erlaubt Bilder ohne Motivverluste in der Größe horizontal oder vertikal zu verändern. (Bei Gimp heißt ein entsprechender Filter "Liquid Rescale", ist aber deutlich leistungsfähiger.) Dieser Filter benötigt relativ viel Rechenzeit, da es zunächst jene Bildbereiche zu ermitteln gilt, in denen die Veränderungen erfolgen können (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Ergebnisse der inhaltssensitiven Größenänderung unterscheiden sich abhängig von den Parametern (Energiemethode).

Viele der unter RGB vorhandenen Funktionen finden sich auch bei gängigen Bildbearbeitungen und RAW-Konvertern. Interessant sind jedoch einige der weniger bekannten Funktionen: Das Reinhard-Aufhellen bietet eine effektive Methode, dunkle Bildteile zu verbessern, ohne den Rest des Bilds allzu stark zu verändern. Dem Sigmoidal-Kontrast liegt eine S-förmige Kurve zugrunde, deren Verlauf den Kontrast in einer den Sehgewohnheiten entsprechenden Weise steuert. Die Partielle Belichtungskorrektur erlaubt es, Licht, Schatten und Mitteltöne getrennt zu modifizieren. Sowohl Schwarz- und Weißpunkt anpassen als auch das allgemeinere Werkzeug RGB-Kurve steuern die globalen Helligkeiten im Bild.

Das etwas irritierend wirkende Blockieren deaktiviert die rechenzeitintensiven Tools in den anderen Reitern, um schnell die Wirkung der elementaren Funktionen testen zu können. Funktionen unter Kamera, Geometrie und Ausgabe bleiben jedoch aktiv.

LAB

Viel spannender als die RGB-basierten Tools sind die im LAB-Modus arbeitenden Werkzeuge. Photivo fasst sie unter den drei Reitern LAB Farbe/Kontrast, LAB Schärfen/Rauschen und LAB Effekte zusammen. Zunächst legen Sie mit LAB-Transformation fest, wie Photivo den L-Kanal erzeugt. Voreingestellt geschieht das anhand einer bekannten Formel [6] über eine Transformation aus dem XYZ-Farbraum. Photivo bietet aber auch andere Varianten an.

Die im ersten Reiter vorhandenen Funktionen ähneln den unter RGB schon vorhandenen und dienen den gleichen Aufgaben, arbeiten allerdings anders. So erlaubt Schatten/Lichter beispielsweise Einstellungen, die von der Detailgröße abhängen. Das führt zu schon fast HDR-ähnlichen Effekten, wie sie Luminance [7] mit dem Operator Mantiuk 06 erzeugt.

Daneben versammelt dieser Reiter eine Vielzahl von Schärfungs- und Entrauschungsfiltern. So können Sie leicht die Effekte vergleichen. Der voreingestellte, beeindruckend schnelle Wiener Filter [8] bringt eine Grundschärfe ins Bild, indem er das zufällige Rauschen weitgehend entfernt. Bei manchen recht hellen Bildern mit starkem Kontrast zeigt sich allerdings, dass hier eher die Option Nur Kanten Artefakte minimiert.

Der Reiter Lab Effekte stellt Funktionen bereit, die zum einen erlauben, das Bild nachträglich zu tönen, wie etwa Tonkurve oder Sättigungsanpassung. Zum anderen ermöglicht der Filter Randabschattung, Artefakte wie Vignetten zu kompensieren. Unter Betrag lassen sich dort sowohl positive Werte angeben – sie erzeugen eine Vignette – als auch negative, welche die Vignettierung kompensieren. Über die vielen Parameter, wie Weichheit, Innerer Radius, Rundheit etc., nehmen Sie Modifikationen passgenau vor.

Der Reiter Lab Effekte enthält auch die besonders wichtigen Farbraumkurven für L*, a* und b*. Die L*-Kurve funktioniert analog zum Kanal Wert von Gimps Kurven-Werkzeug, erlaubt allerdings voreingestellt nur einen Kontrollpunkt. Mit der rechten Maustaste lassen sich aber weitere hinzufügen.

Dies gilt auch für die in der Anwendung viel spannenderen a*- und b*-Kurven. Sie steuern die Rot/Grün- und Gelb/Blau-Verteilung im Bild. Die Anwendung erfordert einiges an Fingerspitzengefühl. Oft werden die gesamten Kurven als Gerade vertikal oder horizontal verschoben (Abbildung 5). Das Verschieben des mittleren Kontrollpunkts erzeugt Farbstiche, sodass dieser normalerweise unverändert bleiben sollte. Die "Lab Effekte" stellen die wichtigsten Funktionen von Photivo dar, sodass Sie sich diesen ausführlich widmen sollten.

Abbildung 5: Farbkorrekturen mit den Kurven a* und b* sind kitzlig. Die eingeblendeten Farbfelder helfen, die Kurven in die richtige Richtung zu verschieben.

Der Reiter Effekte stellt ebenfalls Funktionen zum Tönen bereit, diesmal auf Basis von RGB. Dort findet sich auch die Cross-Entwicklung, die sowohl subtile als auch spektakuläre Farbeffekte erzeugt. Eine weitere Variante der Randabschattung findet sich hier ebenso wie Funktionen zum Weichzeichnen und für das Weiche Glühen / Orton, was einen märchenhaften Glanz erzeugt. In manchen Situationen zeigt hier auch Farbintensität gute Ergebnisse, etwa um das Glitzern auf Wasser zu verstärken.

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