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© Luciano De Polo, 123RF

Letzte Hilfe

Massenspeicher- und Datenpflege mit Parted Magic

17.10.2013
Datenbestände wie Speicherkapazitäten nehmen rasant zu. Ärgerlich, wenn dann plötzlich die Festplatte streikt oder ein falsch eingegebener Befehl wichtige Daten löscht. Hilfe verspricht die Live-Distribution Parted Magic.

Der in den letzten Jahren explosionsartige Anstieg der Festplattenkapazitäten, gepaart mit immer besseren multimedialen Fähigkeiten herkömmlicher Computersysteme, führten zu einem starken Anwachsen der Datenbestände – auch in vielen Privathaushalten. Doch HD-Videos, verlustfreie Audio-Dateien und aufwendige Spiele zwingen dazu, sich mit der Sicherung der Daten eingehender zu beschäftigen. Viele gutgläubige Anwender kaufen dafür teure, oft auch noch jährlich kostenpflichtig zu erneuernde Software, die Backups eines Massenspeichers anfertigt.

Mit der Live-Distribution Parted Magic schaffen Sie sich diese Probleme dauerhaft vom Hals. Zwar verlangt der Maintainer seit Kurzem für seine unter http://partedmagic.com zum Download verfügbare Distribution einen Obolus, der sich aber mit knapp 5 Euro in Grenzen hält. Diese Praxis ist für GPL-lizenzierte Software zwar ungewöhnlich, aber durch die GNU Public License voll gedeckt.

Varianten

Die Distribution bietet Ihnen im Bootmanager Grub mehrere Startvarianten an: Sofern Sie das Betriebssystem auf einer älteren Maschine mit lediglich 512 MByte Arbeitsspeicher nutzen, wählen Sie die Startvariante Live with default settings 32 (für 32-Bit-Maschinen) oder Live with default settings 64 (für 64-Bit-PCs). Für aktuellere Computersysteme mit mehr Arbeitsspeicher eignen sich die Varianten Default settings 32 oder Default settings 64. Diese laden das gesamte Betriebssystem in den Arbeitsspeicher und beschleunigen dadurch die Arbeit enorm. Falls Sie nach dem Start einen schwarzen Bildschirm sehen, nutzen Sie die Alternativen Alternate graphical server 32 oder Alternate graphical server 64, die einen VESA-kompatiblen Grafiktreiber laden und eine Shell aufrufen.

Parted Magic bootet danach in einen etwas barock wirkenden grafischen Desktop, der bereits einige Programm-Icons auf der Arbeitsoberfläche bereithält: Zu den wichtigsten Vertretern zählen Disk Cloning, Partition Editor, Erase Disk, Disk Health und – sofern Sie mit Windows arbeiten – der Virus Scanner (Abbildung 1).

Abbildung 1: Links zu den wichtigsten Programmen hinterlegt Parted Magic bereits als Icons auf dem Desktop.

Systemcheck

Damit Sie im Fall von unerklärlichem Systemverhalten etwaigen Hardware-Defekten auf die Spur kommen, bietet Ihnen Parted Magic eine Reihe von Tools zum Prüfen der Systemintegrität an. Ein Klick auf das Icon System Profiler zeigt Ihnen zunächst die erkannte Hardware detailliert an. Daneben erlaubt das Programm auch das Benchmarking anhand spezieller Routinen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Einen detaillierten Einblick in die Hardware des Rechners liefert der System Profiler.

Besteht speziell bei mobilen Computern der Verdacht, dass eine Überhitzung einzelner Bauteile Probleme verursacht, lesen Sie via Psensor die im Computer verbauten Temperatursensoren aus. Kommen Sie auch damit den Problemursachen nicht auf die Spur, so empfiehlt es sich, die Festplattenintegrität zu prüfen. Dazu klicken Sie auf das Icon Disk Health, welches Gsmartcontrol startet. Darin sehen Sie im Reiter Error Log gefundene Fehler. Über den Reiter Perform Tests stoßen Sie im Zweifelsfall eine Prüfung des Massenspeichers an (Abbildung 3).

Abbildung 3: Mit Gsmartcontrol kommen Sie eventuellen Festplattenproblemen schnell auf die Spur.

Im Menü System Tools finden Sie zusätzlich den Eintrag System Stability Tester (systester), der durch eingehende Tests Ihr System auf Hardware-Unzulänglichkeiten hin prüft. Zu guter Letzt prüfen Sie mit Test Audio aus dem Menü Multimedia auch die Audio-Hardware.

Softwareprobleme

Auch zum Eingrenzen von Softwareproblemen bietet die Distribution viele Routinen. Hier stechen besonders Tools primär für Windows-Systeme ins Auge. So finden Sie im Menü System Tools die beiden Programme PCLoginNow und Change Windows Password. Sie ermöglichen es nicht nur, Windows-Passwörter zu ändern, sondern setzen diese bei Bedarf auch zurück. Zu den typischen Windows-Tools zählen auch Antiviren-Programme, die den Rechner von Schadsoftware befreien soll. Mit einem Klick auf Virus Scanner starten Sie den ClamAV-Virenscanner. Beim ersten Start lädt die Software automatisch die aktuellen Virendefinitionen herunter.

Ein weiteres Windows-spezifisches Problem stellen die Schwächen des Dateisystems NTFS dar, das bei hoher Auslastung zu Inkonsistenzen neigt. Zur Vermeidung von Datenverlusten ermöglicht das Programm Resize NTFS with Bad Sectors aus dem Menü System Tools ein Vergrößern von Windows-Partitionen – auch dann, wenn sich defekte Sektoren darauf befinden. Für Linux bietet Parted Magic mit dem Grub-doctor ein Tool, mit dessen Hilfe Sie eine defekte Grub2-Konfiguration reparieren.

Daten sichern

Neben dem regelmäßigen Backup empfiehlt sich unter Umständen auch das Klonen beispielsweise der Systempartition, um kaputte Installationen quasi auf Knopfdruck wiederherzustellen. Das Klonen übernimmt alle Inhalte eines Laufwerks oder einer Partition ohne Modifikationen oder Auslassungen, sodass beispielsweise beim Austausch einer Festplatte keine Neuinstallation und Konfiguration des Betriebssystems nötig ist. Parted Magic liefert dafür im Menü System Tools die Programme Clonezilla, Ghost 4 Linux und Partition Image mit.

Während Clonezilla ausschließlich unveränderte Abbilder eines Laufwerks oder einer Partition anfertigt und Sie dabei in wenigen Schritten mit einer etwas rustikal wirkenden CLI-basierten Oberfläche ans Ziel bringt, deckt Ghost 4 Linux ein breiteres Funktionsspektrum ab. Neben dem sektorweisen Kopieren von Daten führen Sie damit auch Backups einzelner Partitionen und sogar von Dateien durch, wofür die Software eine stattliche Anzahl unterschiedlicher Dateisysteme unterstützt. Zusätzlich erlaubt Ghost 4 Linux das Speichern und Einspielen von Backups über das Netzwerk.

Partition Image schließlich bietet einen ähnlichen Funktionsumfang wie Clonezilla und eine ebenso rustikal anmutende Oberfläche. Das Tool ermöglicht auch das Einbeziehen von Netzwerk-Shares, sichert und restauriert aber bei Bedarf zusätzlich den MBR einer Festplatte. Mit dem File System Archiver steht zudem ein Programm zum Backup von Partitionen bereit, das nicht nur über eine grafische Oberfläche verfügt, sondern zudem mit unterschiedlichsten Dateisystemen umgeht und das Verschlüsseln von Archiven erlaubt (Abbildung 4).

Abbildung 4: Der File System Archiver bietet sehr detaillierte Einstellungen.

Mit dem bereits etwas betagteren Programm Unstoppable Copier for Linux kopieren Sie einzelne Dateibestände, wobei die Software auf Wunsch auch Dateibäume berücksichtigt und Sie darüber informiert, wenn sie Dateien aufgrund fehlerhafter Integrität nicht kopieren konnte.

Schlüsselerlebnis

Mittels des Tools GEncFS verwaltet Parted Magic auch verschlüsselte Partitionen. Zwar ermöglicht das Programm nicht das Verschlüsseln herkömmlicher Partitionen, bindet aber bereits verschlüsselte problemlos in das laufende System ein.

Falls Sie beabsichtigen, künftig mit Laufwerksverschlüsselung zu arbeiten, bietet Ihnen Parted Magic zudem mit Truecrypt eines der besten erhältlichen Verschlüsselungstools an. Die Software codiert Ihre Daten sicher und bietet dazu auch für Einsteiger ohne tiefere Kenntnis kryptografischer Methoden eine bequem nutzbare grafische Oberfläche.

Partitionierung

Eine der Hauptaufgaben von Parted Magic besteht darin, die auf vorhandenen Festplatten und SSDs eingerichteten Partitionen zu bearbeiten. Dafür bietet die Distribution primär Gparted an, das Partitionen nicht nur anlegt, modifiziert oder löscht, sondern sie auch in der Größe ändert. Zudem erlaubt Gparted auch das Verschieben, Testen und Formatieren einzelner Partitionen. Dabei unterstützt die Software eine stattliche Anzahl an Dateisystemen.

Datenrestaurierung

Zum Rekonstruieren versehentlich gelöschter Daten gibt Ihnen Parted Magic mit PhotoRec und dessen grafischem Pendant QPhotoRec zwei außerordentlich leistungsfähige Utilities an die Hand. Qphotorec befindet sich noch in der Entwicklung und bietet daher noch nicht den kompletten Funktionsumfang, worauf ein Eingangsfenster hinweist. Vorhandene Partitionen rufen Sie damit jedoch auf und rekonstruieren vermeintlich gelöschte Daten wieder. Qphotorec arbeitet wie sein Konsolenpendant mit verschiedensten Dateisystemen zusammen (Abbildung 5). Das Einstellen bestimmter Auswahlkriterien zur Rekonstruktion von Daten, etwa deren Typ, erlaubt die Software bislang jedoch nicht.

Abbildung 5: Qphotorec erlaubt es Ihnen, gelöschte Dateien wiederherzustellen.

Mit dem Programm Testdisk steht in Parted Magic ein weiteres leistungsfähiges Tool zur Datenrekonstruktion bereit. Im Gegensatz zu Photorec ist Testdisk darauf ausgelegt, gelöschte oder beschädigte Laufwerkspartitionen wiederherzustellen. Es unterstützt dafür die Dateisysteme der gängigsten Betriebssysteme. Die Software stellt aber nicht nur die Partition als solche wieder her, sondern rekonstruiert auch defekte Bootsektoren und macht in den Linux-Dateisystemen Superblocks ausfindig. Zudem beherrscht es das Kopieren von rekonstruierten Datenbeständen, wofür es ebenfalls alle gängigen Dateisysteme unterstützt. So stellen Sie damit auch Daten von USB-Sticks oder Speicherkarten wieder her. Die an DOS-Zeiten erinnernde Oberfläche von Testdisk wirkt zwar antiquiert, erschließt jedoch die einzelnen Funktionen des Programms intuitiv durch jeweils nur wenige vom Nutzer auszuwählende Optionen.

Sicheres Löschen

Das sichere Löschen von kompletten Datenträgern gewinnt immer mehr an Bedeutung. Möchten Sie beispielsweise eine gebrauchte Festplatte verkaufen oder einen alten PC entsorgen, sollten Sie bedenken, dass sich auch nach dem Formatieren noch sämtliche Daten auf den Massenspeichern befinden. Um Missbrauch zu verhindern, müssen Sie den Datenträger sicher löschen, sodass selbst Spezialprogramme wie Testdisk und Photorec keine Möglichkeit zur Wiederherstellung mehr bieten. Dabei wurden aufgrund der Entwicklung bei Massenspeichertechnologien in den letzten Jahren die Karten neu gemischt: Neben herkömmlichen Festplatten finden sich inzwischen auch in gebrauchten Computern immer öfter SSDs, die sich aufgrund einer völlig anderen Speichertechnologie nicht mit herkömmlichen Methoden sicher löschen lassen.

Herkömmliche Festplatten lassen sich durch ein komplettes Überschreiben aller Sektoren mit zufällig generierten Zeichenfolgen sicher löschen, sodass auch mithilfe eines Magnetresonanzmikroskops bis auf wenige Dateifragmente keine Rekonstruktion mehr möglich ist. Daher gibt es unzählige Programme, die unterschiedliche behördliche Standards zur sicheren Datenvernichtung umsetzen. Nachteil all dieser Löschmethoden ist der enorme Zeitaufwand bei Massenspeichern hoher Kapazität. Teilweise benötigt das komplette Überschreiben einer großen Festplatte bis zu mehreren Tagen.

Moderne Massenspeicher auf Basis von Flash-Speichern eignen sich für diese Art des sicheren Löschens allerdings nicht. Das liegt daran, dass Löschprogramme für magnetische Datenträger durch das Überschreiben eine sehr große Anzahl an Schreibvorgängen produzieren, welche die Speicherbausteine einer SSD schnell überfordern, da diese nur eine begrenzte Anzahl an Schreibzyklen vertragen.

Die zuverlässigste Möglichkeit, hersteller- und typenunabhängig eine SSD wieder in den Auslieferungszustand zu versetzen, bietet der Secure Erase-Befehls. Dieser setzt die im SSD-Controller geführte Liste freier und belegter Blöcke komplett zurück und löscht die Zellen, indem er alle Speicherbereiche der SSD als unbelegt markiert. Im Gegensatz zu magnetischen Datenträgern lassen sich bei SSDs vorhandene Dateifragmente in den einzelnen Speicherzellen mit konventioneller Technologie nicht rekonstruieren.

Linux bietet mit den Kommandozeilen-Tool Hdparm schon seit Längerem die Möglichkeit des sicheren Löschens. Allerdings ist es sehr unkomfortabel zu bedienen und erfordert mehrere Arbeitsschritte. Eine ähnliche Wirkung erreichen Sie, wenn Sie eine Neupartitionierung und -Formatierung der SSD vornehmen und dabei das Dateisystem Ext4 mithilfe des Befehls mke2fs anlegen. Ab Version 1.41.10 führt es bei einer Neuformatierung der SSD automatisch ein ATA-TRIM durch, das alle Daten löscht. Voraussetzung ist allerdings, dass die SSD ebenfalls ATA-TRIM unterstützt.

Wesentlich einfacher macht es Ihnen Parted Magic: Hier klicken Sie lediglich auf das Icon Erase Disk und erhalten ein Fenster mit mehreren Möglichkeiten zum sicheren Löschen von Datenträgern (Abbildung 6). Die angebotenen Löschoptionen greifen dabei auf interne Befehle des Betriebssystems zurück, sodass Sie beispielsweise durch Anklicken der Option Internal Secure Erase command writes zeros to entire data area im Hintergrund den Befehl Hdparm mit entsprechenden Optionen starten. Im weiteren Verlauf des Löschvorgangs fragt Sie das Tool nach dem zu bereinigenden Datenträger, wobei Ihnen das Frontend hier alle Geräte anzeigt, die den entsprechenden ATA-Befehl unterstützen, also neben SSDs auch Festplatten. Nach entsprechender Auswahl beginnt das Zurücksetzen des Datenträgers.

Abbildung 6: Der Disk Eraser bietet Ihnen mehrere Möglichkeiten, Ihre Massenspeicher sicher zu löschen.

Einige Computer haben jedoch im BIOS eine sogenannte Freeze-Lock-Routine implementiert, die ein Laufwerk gegen die Anwendung des Secure-Erase-Kommandos blockiert. Parted Magic bietet in diesem Fall an, den Rechner in den Sleep-Modus zu versetzen, damit nach dem Aufwecken die Freeze-Funktion abgeschaltet ist und somit das Secure-Erase-Kommando startet. Anschließend setzt die Routine das Laufwerk zurück, wobei sie zu Beginn den benötigten Zeitaufwand anzeigt. Der Vorgang dauert je nach Größe des Datenträgers mehrere Stunden, den Abschluss des Löschens zeigt ein Popup-Dialog an.

Fazit

Parted Magic geht in seinem Funktionsumfang weit über die meisten kommerziellen Programme zur Datenträgerbearbeitung hinaus: Die Live-Distribution eignet sich nicht nur zur Partitionierung sowie für Backup- und Imaging-Aufgaben, sondern erlaubt dank vieler Tools auch unter verschiedensten Dateisystemen die Rekonstruktion von gelöschten Daten oder deren sichere Beseitigung. Nicht zuletzt hilft Parted Magic auch durch mehrere Testroutinen beim Lokalisieren von Hardware-Fehlern. 

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