Happy Birthday to GNU!

Editorial 11/2013

17.10.2013

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

1983 war alles andere als ein langweiliges Jahr [1]. Der Kalte Krieg erreichte seinen Höhepunkt, die Bundesregierung beschloss die Stationierung von Pershing-2-Mittelstreckenraketen in Deutschland. Nach dem Abschuss eines voll besetzten koreanischen Jumbo-Jets durch sowjetische Abfangjäger verschlechterte sich die internationale Lage zunehmend so weit, dass die Welt in diesem Jahr zwei Mal nur knapp an einem thermonuklearen Krieg vorbeischrammte.

Dennoch konnte Udo Lindenberg den "Sonderzug nach Pankow" erwischen im Ost-Berliner Palast der Republik auftreten. In der Innenstadt von Buxtehude entstand als Modellversuch die erste Tempo-30-Zone, der Physiker Ulf Merbold flog als erster Bundesdeutscher ins Weltall. Der Bundestag beschloss die Einführung von bleifreiem Benzin und Katalysatoren in Pkw-Auspuffanlagen. Der "Stern" veröffentlichte die Hitler-Tagebücher.

IBM stellte im März 1983 den PC/XT erstmals vor, auf der Comdex Las Vegas im Herbst präsentierte Bill Gates Windows 1.0 der Öffentlichkeit. Das Internet lag noch in der Zukunft, doch dessen Ahne Arpanet führte schon einmal das nagelneue Kommunikationsprotokoll TCP/IP ein. Statt WWW rollte die Deutsche Bundespost flächendeckend ihr BTX-System aus. Noch war dem Bürger seine Privatsphäre so wichtig, dass er das Bundesverfassungsgericht eine geplante Volkszählung erst einmal kassieren ließ.

In all dem Trubel ging ein Posting völlig unter, das am 27. September 1983 ein völlig unbekannter 30jähriger Programmierer des MIT AI Lab namens Richard Matthew Stallman im Usenet einstellte: "I am going to write a complete Unix-compatible software system called GNU (for Gnu's Not Unix), and give it away free to everyone who can use it. [...] The golden rule requires that if I like a program I must share it with other people who like it." [2]

Der zusammen mit GNU angekündigte Kernel [3] wurde zwar nie fertig, doch gelang RMS beim Zusammenstellen seines Software-Systems ein weit größerer Wurf, dessen Implikationen für die Software-Entwicklung drastische Folgen haben sollten: Er definierte die vier Software-Freiheiten – Ausführen, Anpassen, Verbessern, Verbreiten [4] – sowie das Copyleft und legte diese Prinzipien in der GNU Public Licence GPL nieder. Selbst 30 Jahre nach dem Start von GNU lassen sich die langfristigen Konsequenzen dieser Grundideen noch nicht vollständig überblicken, auch wenn wir täglich in Form von GNU/Linux ihre Früchte genießen.

Die Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts beruht inzwischen zum großen Teil technisch auf freier Software, sei es nun beim Anwender, bei Anbietern oder in der Infrastruktur. Die Prinzipien der freien Software strahlen in vielfältiger Form in alle Gesellschaftsbereiche aus, weit über Copyright, Urheberrecht und Patentdiskussion hinaus – die Speerspitze bildet die aktuelle "Maker"-Bewegung. Ganz aktuell beschert uns die freie Software eine fünfte Freiheit, an die ihre Erfinder vor drei Jahrzehnten wohl eher nicht gedacht haben: Die Freiheit von Überwachung, oder zumindest die grundlegenden technischen Voraussetzungen dazu.

Ganz herzlichen Dank für das bis jetzt Erreichte, GNU, und Happy Birthday! Wir freuen uns schon auf die nächsten 30 Jahre. 

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