Editorial 08/2013

Dystopia

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

die Wirklichkeit schlägt problemlos selbst rabenschwärzeste Dystopien wie George Orwells 1984 oder Philip K. Dicks Flow My Tears, The Policeman Said. Wenn unter den harmlos klingenden Codenamen Prism und Tempora die amerikanische NSA und deren britisches Pendant GCHQ anlasslos hunderte Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks bespitzeln, erinnert das mehr als nur ein wenig an die omnipräsente "Teleschirm"-Überwachung in Orwells Oceania. Und selbst der faschistoide US-Polizeistaat aus Dicks Flow My Tears verfolgt die Spuren seiner Bürger weniger konsequent als die reale USA, die von Briefpost [1] über Telefonate bis zur Datenkommunikation offenbar alles erfasst, und das nicht nur in Nordamerika [2]. Es fehlt eigentlich nur noch die Orwellsche Thought Police oder ihr Gegenstück Precrime aus Dicks Minority Report.

Die großen Diensteanbieter und Softwarekonzerne spielen dabei den amoklaufenden Geheimdienstlern fröhlich in die Hand. Apple, Facebook, Google, Skype, Microsoft, Yahoo und viele andere verschaffen den Schnüfflern in vielen Fällen erst Zugriff auf private Daten, an die sie anders gar nicht herankämen. Egal, auf welchem Kontinent die Daten lagern – ist das Unternehmen US-amerikanisch, muss es die Daten herausrücken, dafür sorgen Ermächtigungsgesetze wie der berüchtigte USA PATRIOT Act.

Hier Hilfe von der europäischen oder deutschen Politik zu erwarten, ist illusorisch. Die EU hat bereits mehrere Abkommen beschlossen, um Daten aller Art über ihre Bürger ohne Not an die USA zu übermitteln – von Bankkonten über Zahlungsvorgänge bis hin zum Gepäck und den Menüwünschen von Fluggästen. Die erste Reaktion des Bundesnachrichtendienstes auf Prism bestand darin, 100 Millionen Euro für einen nationalen Internet-Schnüffeldienst anzufordern [3] – als ob sich der BND nicht ohnehin bereits in Frankfurt am Internet-Knoten DE-CIX bedienen würde [4]. Von Prism und Tempora gewusst haben wollen dagegen weder BND noch Verfassungsschutz oder der Militärische Abwehrdienst [5] – hier liegt der Verdacht nahe, dass sie ihre ausländischen Kollegen vor der anstehenden Strafverfolgung durch deutsche Gerichte schützen wollen.

Möglicherweise kooperiert sogar Microsoft mit der NSA, indem es in Windows Backdoors einbaut, über die US-Geheimdienste dann Daten abgreifen können. Entsprechende Indizien dafür, wie den berüchtigten _NSAKEY [6], gibt es seit vielen Jahren. Der Bundesverband IT-Mittelstand warnt entsprechend ausdrücklich vor dem Einsatz von "Soft- und Hardwareprodukten" aus den USA [7]. In gewohnt unnachahmlicher Prägnanz bringt GNU-Grande Richard M. Stallman es in einem Interview mit Techrights [8] auf den Punkt: "Wer in anderen Ländern Windows auf seinen Computern einsetzt, der muss verrückt sein." Als Linux-Anwender behalten wir wenigstens in einem Punkt Gewissheit: Wer auf unserem Rechner was liest, das haben wir selbst in der Hand. 

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 1 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • In der Pflicht
  • Editorial 10/2013
  • Editorial 02/2014
  • Lug und Trug
    Angesichts einer Regierung, die systematisch und rechtswidrig den Bürger abhören lässt, kommt effektiver Verschlüsselung bei der Wahrung der Privatsphäre eine entscheidende Rolle zu, meint Chefredakteur Jörg Luther.
  • Business as usual
    Dank freundlicher Unterstützung seitens Microsofts interessieren sich mehr Windows-Anwender denn je für einen Umstieg auf Linux. Statt diese Chance zu nutzen, führen die Protagonisten der Distributionsszene lieber weiter ihre üblichen Grabenkämpfe, ärgert sich Chefredakteur Jörg Luther.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 07/2017: VIDEOSCHNITT

Digitale Ausgabe: Preis € 0,00
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxUser erscheint monatlich und kostet 5,95 Euro (mit DVD 8,50 Euro). Weitere Infos zum Heft finden Sie auf der Homepage.

Das Jahresabo kostet ab 86,70 Euro. Details dazu finden Sie im Computec-Shop. Im Probeabo erhalten Sie zudem drei Ausgaben zum reduzierten Preis.

Bei Google Play finden Sie digitale Ausgaben für Tablet & Smartphone.

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!

Aktuelle Fragen

scannen mit LINUXMINT 18.0 - Brother DCP - 195 C
Christoph-J. Walter, 21.06.2017 08:47, 4 Antworten
Seit LM 18.0 kann ich nicht mehr direkt scannen. Obwohl ich die notwendigen Tools von der Brothe...
Anfänger Frage
Klaus Müller, 24.05.2017 14:25, 2 Antworten
Hallo erstmal. Habe von linux nicht so viel erfahrung müsste aber mal ne doofe frage stellen. A...
Knoppix-Live-CD (8.0 LU-Edition) im Uefiboot?
Thomas Weiss, 26.04.2017 20:38, 4 Antworten
Hallo, Da mein Rechner unter Windows 8.1/64Bit ein Soundproblem hat und ich abklären wollte, o...
Grub2 reparieren
Brain Stuff, 26.04.2017 02:04, 7 Antworten
Ein Windows Update hat mir Grub zerschossen ... der Computer startet nicht mehr mit Grub, sondern...
Linux open suse 2,8
Wolfgang Gerhard Zeidler, 18.04.2017 09:17, 2 Antworten
Hallo.bitte um Hilfe bei. Code fuer den Rescue-login open suse2.8 Mfg Yvo