Die Kommandozeilensoftware Gphoto 2 greift über die Bibliothek Libgphoto auf Kameras zu, die per USB am Computer hängen. Ob sich die Installation lohnt, hängt davon ab, welchen Fotoapparat Sie besitzen: Zwar nennt die Gphoto-Homepage [1] mehr als 1600 unterstützte Modelle, doch das heißt lediglich, dass das Programm deren Bildspeicher auslesen kann. Bei anspruchsvolleren Aufgaben wie dem im Folgenden beschriebenen Fernsteuern der Kamera reduziert sich die Unterstützung im wesentlichen auf die DSLRs von Canon und Nikon.

Gphoto 2 findet sich in den Repositories aller gängigen Distributionen und lässt sich daher meist bequem über den entsprechenden Paketmanager einrichten, Unter Ubuntu und dessen Derivaten wählen Sie beispielsweise in Synaptic das Paket gphoto2 aus und installiert es durch einen Mausklick auf Anwenden.

Ihre Kamera schließen Sie per USB-Kabel an den PC an und schalten sie ein. Daraufhin öffnet sich in aller Regel auf dem Bildschirm ein Dateimanager-Fenster, das den Inhalt der Kamera-Speicherkarte anzeigt. Dies hindert allerdings Gphoto 2 am exklusiven Zugriff auf die Kamera, weswegen das Programm die Mitarbeit verweigert. Bevor Sie mit Gphoto 2 arbeiten können, müssen Sie die Speicherkarte der Kamera aus dem Dateisystem aushängen. Unter Ubuntu erledigen Sie das in Nautilus durch einen Rechtsklick auf das Speicherkarten-Symbol und die Auswahl des Kontextmenü-Eintrags Aushängen (Abbildung 1). Nach dieser Vorarbeit steht die Kamera exklusiv für Gphoto 2 zur Verfügung.

Abbildung 1: Das Kontextmenü der Kameraspeicherkarte ermöglicht das Aushängen der Karte. Damit bekommt Gphoto 2 exklusiven Zugriff auf die Kamera.

Bilder aufnehmen

Für eine erste Aufnahme öffnen Sie ein Terminalfenster und wechseln in diesem in jenes Verzeichnis, in dem Gphoto 2 die aufzunehmenden speichern soll. Nun tippen Sie den folgenden Befehl ein:

$ gphoto2 -I 2 -F 2 --capture-image-and-download

Hier steht der Parameter -I für das Intervall in Sekunden, bis das nächste Bild auslöst. Die Anzahl der Aufnahmen legt die Option -F ("frames") fest. Der Befehl aus dem Beispiel schießt also zwei Aufnahmen mit einer Pause von zwei Sekunden. Dabei löst --capture-image-and-download die Aktion aus und sorgt dafür, dass Gphoto 2 die Bilder im Zielverzeichnis ablegt. Eine Liste aller verfügbaren Parameter zeigt die Tabelle "Gphoto-2-Parameter".

Gphoto-2-Parameter

Parameter Bedeutung
--auto-detect listet die erkannten Kameras auf
--camera Name der Kamera, wie von --auto-detect angezeigt
--capture-image-and-download Bilder mit der gewählten Kameraeinstellung aufnehmen und abspeichern
-F Anzahl der aufzunehmenden Bilder
-I Wartezeit zwischen den Aufnahmen
--list-config Listet die Einstellungen der Kamera auf
--get-config gibt den aktuellen Wert und die möglichen Einstellungen einer Kamera-Einstellung aus
--set-config setzt den Wert einer Kamera-Einstellung

Bei der Ausführung des Befehls verwendet Gphoto 2 die aktuellen Einstellungen der Kamera. Das entpuppt sich als Segen und Fluch zugleich: Haben Sie beispielsweise den Autofokus eingeschaltet, die Kamera schafft es aber nicht, das Motiv scharfzustellen, dann lösen die Aufnahmen gar nicht aus. Verwenden Sie also Gphoto 2 für astronomische Aufnahmen als Fernauslöser von der warmen Stube aus, dann bekommen Sie eventuell gar nicht mit, dass die Kamera vergeblich den Fokus sucht und die für die ganze Nacht geplante Fotoserie im wahrsten Sinn des Wortes "verschießt".

Daher sollten Sie beim Verwenden von Gphoto 2 auf alle Automatismen (Belichtungszeit, Blendeneinstellung, Fokuseinstellung) verzichten und die Aufnahme stets manuell auslösen. Bei korrekter Ausführung des Befehls erhalten Sie nach dessen Abschluss im Terminalfenster ein Protokoll (Abbildung 2).

Abbildung 2: Gphoto 2 protokolliert beim Ausführen von Befehlen sämtliche Aktionen.

Allerdings ist nicht sicher, ob dieses Verfahren mit Ihrer Kamera funktioniert: Zählt sie beispielsweise nicht zu den auf der Gphoto-Homepage aufgelisteten Modellen, hilft nur Ausprobieren weiter. Als besonders gut unterstützt erweisen sich die DSLR-Kameras von Canon und Nikon [2]. Die Olympus E410 DSLR des Autors dagegen unterstützt keine Aufnahmen, lediglich das Auslesen der Bilder ist bei dieser Kamera möglich.

Mehrere Kameras

Haben Sie mehr als eine Kamera am PC angeschlossen, lassen sich diese über Gphoto 2 einzeln ansprechen und auslösen. Der Befehl gphoto2 --auto-detect liefert eine Liste der erkannten Kameras. Die angezeigten Modellnamen können Sie dann benutzen, um den jeweiligen Fotoapparat auszulösen:

$ gphoto2 --camera="Name_aus_auto-detect" --capture-image-and-download

Öffnen Sie für jede Kamera ein eigenes Terminalfenster und wechseln dort jeweils in ein unterschiedliches Bildverzeichnis, lässt sich auf diese Weise auch parallel eine Serie von Bildern von beiden Kameras aufnehmen. Abbildung 3 zeigt die entsprechende Vorgehensweise.

Abbildung 3: Gphoto 2 erkennt hier eine Nikon D70 und eine Nikon D5100, die es jeweils in einem eigenen Terminalfenster bedient. Als Speicherort dienen zwei verschiedene Bildverzeichnisse. Sie enthalten im Beispiel bereits Bilder gleichen Namens, die Gphoto 2 nach Rückfrage löscht.

Kamera-Einstellungen

Mit den Parametern --get-config und --set-config bietet Gphoto 2 eine Möglichkeit, alle Einstellungen der Kamera auszulesen und und zu setzen. Um zunächst einmal zu erfahren, welche Einstellungen Ihrer Kamera Sie verändern können, geben Sie bei eingeschalteter Kamera und ausgehängtem Dateiverzeichnis den Befehl gphoto 2 --list-config an. Er liefert eine Liste aller verwendbaren Konfigurationsparameter, von denen Sie aber die meisten für eine Aufnahme nicht benötigen.

Als sehr wichtig erweisen sich dagegen häufig die Daten für Empfindlichkeit, Blendenzahl und Belichtungszeit – etwa, um bei Zeitrafferaufnahmen das berüchtigte "Helligkeitspumpen" zu verhindern. Eine Liste aller einstellbaren ISO-Empfindlichkeiten sowie den aktuell gesetzten Wert liefert beispielsweise das Kommando aus der ersten Zeile von Listing 1.

Der Befehl aus der zweiten Zeile stellt die Kamera auf die dritte (0, 1, 2) Stufe der ISO-Empfindlichkeit ein. Im Fall einer Nikon D5100 entspräche das ISO 160. In gleicher Weise kontrollieren und setzen Sie die Blendenzahl und die Verschlusszeit (siehe Tabelle "Wichtige Kamera-Einstellungen").

Listing 1

$ gphoto2 --get-config /main/imgsettings/iso
$ gphoto2 --set-config /main/imgsettings/iso=2

Wichtige Kamera-Einstellungen

Parameter Bedeutung
/main/imgsettings/iso zu verwendender ISO-Wert
/main/capturesettings/f-number eingestellte Blendenzahl
/main/capturesettings/shutterspeed2 eingestellte Verschlusszeit in Sekundenbruchteilen/Sekunden

Kooperation

Gphoto 2 arbeitet mit diversen Anwendungen für Fotografie zusammen. In Darktable steht dabei in der Registerkarte Tethering eine hochkomfortable grafische Benutzeroberfläche für die Kamerasteuerung zur Verfügung. Dort nehmen Sie alle Einstellungen per Mausklick statt per Konsolenbefehl vor. Mit Gtkcam gibt es auch eine grafische Benutzeroberfläche für Gphoto 2. Mit dem Gtkcam-plugin machen Sie direkt von Gimp aus Aufnahmen und können diese dann direkt bearbeiten.

Allen diese Lösungen haben ein sehr praktisches Feature gemeinsam: Unterstützt die Kamera einen Live-View-Modus, dann sehen Sie das Kamerabild direkt auf dem Computermonitor. Da dieser im Regelfall erheblich größer ausfällt als der Kameramonitor, ermöglicht Gphoto 2 hier eine sehr bequeme Scharfstellung in kritischen Situationen, wie etwa an einem Teleskop oder Mikroskop.

Anwendungen

Gphoto 2 eignet sich ideal zum Anfertigen von Serienaufnahmen. Das gilt für Zeitrafferaufnahmen ebenso wie für astronomische Einzelaufnahmen, die Sie später zu einer Summenaufnahme addieren. Eine gute Beschreibung des Einsatzes von Gphoto 2 bei Zeitrafferaufnahmen samt eines Ergebnisvideos findet sich im Blog des Mathematikers und Hobbyfotografen David Clark [3].

Für die im Test verwendeten Nikon-Kameras gilt hier eine schmerzliche Einschränkung: Sie unterstützen den sogenannten Bulb-Modus zur Langzeitbelichtung nicht, den man in Gphoto 2 über den Parameter -B oder --bulb einstellt. Verwendeten wir diesen bei der Nikon D70 oder D5100, erhielten wir lediglich die Fehlermeldung, dass der Langzeitmodus nicht unterstützt werde. Die Gphoto-Programmierer werden vom Kameraherstellern offensichtlich nicht hinreichend unterstützt. Dagegen klappt dies bei Canon-Kameras offensichtlich [4], was wir aber mangels einer Canon-DSLR nicht prüfen konnten.

Fazit

Die leistungsfähige Kommandozeilensoftware Gphoto 2 entlastet den Fotografen bei langwierigen Serienaufnahmen erheblich. So lassen sich beispielsweise Astro-Aufnahmen mit mehreren Stunden Belichtungszeit, aufgeteilt in 30-Sekunden-Aufnahmen, sehr entspannt angehen. Der Live-View-Modus moderner DSLRs ermöglicht eine bequeme und zuverlässige Schärfenkontrolle am PC, dessen Bildschirm erheblich größer ausfällt als der Kameramonitor. Bei nicht klappbaren Kamera-Displays kann zudem bei schlecht einsehbaren Positionen (etwa am Teleskop) der PC-Monitor jenen der Kamera ersetzen.

Das Einbinden von Gphoto 2 in Darktable, Gtkcam und Gimp ermöglicht ein relativ komfortables Arbeiten mit Gphoto 2. Von den komfortablen GUIs unterstützt allerdings nur Darktable das Tethering, also das Fernsteuern der Kamera für Serienaufnahmen. Andererseits handelt es sich bei Darktable aber auch um ein mächtiges Programm mit relativ steiler Lernkurve. Legen Sie auf absolute Stabilität während der Aufnahme Wert, bleiben Sie besser direkt bei Gphoto 2 und seiner Kommandozeilenbedienung. 

Infos

[1] Gphoto 2: http://www.gphoto.org/

[2] Fernbedienung von Kameras: http://www.gphoto.org/doc/remote/

[3] Zeitrafferaufnahmen:http://blog.dcclark.net/2012/04/automating-time-lapse-photos-with.html

[4] Nutzen des Bulb-Modus der Canon DSLR: http://free-astro.vinvin.tf/index.php/Gphoto2_data

Der Autor

Karl Sarnow ist seit den Tagen des TRS-80 Model 1 ein Fan des eigenen Computers. Der Lehrer für Mathematik, Physik und Informatik hat früher Vernetzungskonzepte unter Linux und entsprechende Anwendungen für Schulen und Unterricht entworfen. Seit seiner Pensionierung widmet er sich seinen Hobbys Fotografie, Reisen und Astronomie.

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