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In einem durch

Videos schneiden und konvertieren mit Avidemux

21.06.2013
Wer digitale Videos platzsparend abspeichern will, greift am einfachsten zu Avidemux und konvertiert mit wenigen Mausklicks.

Der Video-Editor Avidemux [1] stammt aus einer anderen Zeit als die heute vorherrschenden mehrspurigen Schnittprogramme. Von deren nichtlinearem Konzept profitieren zwar der Schnitt und das kreative Gestalten von Effekten. Wer jedoch Videos bloß an den Enden beschneiden, in ein anderes Format konvertieren oder Effekte auf den ganzen Clip anwenden möchte, dem steht das aufwändige Prinzip moderner Mehrspureditoren nur im Weg. Solche einfachen Aufgaben gehen mit dem linear und einspurig ausgerichteten Avidemux (Abbildung 1) leichter von der Hand.

Abbildung 1: Die Funktionen zum Schneiden und die Menge der Effekte des linearen Editors Avidemux fallen im Vergleich zu nichtlinearen Mehrspureditoren eher mager aus. Doch dafür kennt das Programm viele Dateiformate und Codecs und konvertiert komfortabel und zügig.

Zudem kennt Avidemux mehr Videoformate und Codecs als die meisten Spezialisten für Schnitt und Effekte. Wer das Windows-Urgestein Virtualdub [2] kennt, fühlt sich in dem ebenfalls schon seit 2002 auf Sourceforge aktiven Linux-Programm ohnehin sofort zu Hause. Doch der Neueinstieg fällt leichter als bei den wesentlich komplexeren, nicht-linear konzipierten Anwendungen.

Steuerrad

Zum Navigieren durch das Video muss statt einer Zeitleiste mit aufgetragenen Einheiten ein schlichter Schieberegler im unteren Drittel des Fensters genügen. Allerdings zeigt das Programm die aktuelle Position zusätzlich in einem Zeitfeld im Format Stunden:Minuten:Sekunden:Hunderstel an. Nach einer manuellen Eingabe in dieses Feld springt die Software zur passenden Stelle.

Rechts vom Schieberegler für die Position bildet das Programm ein Jogwheel nach (Abbildung 1, rechts), wie es professionelle Schneidetische und manche Videorekorder besitzen. Damit spulen Sie in variabler Geschwindigkeit vor oder zurück, je nachdem wie weit Sie die darüber gedrückt gehaltene Maus nach rechts oder links ziehen. Dieses Verfahren hilft beim Suchen einer Szene in längeren Videos.

Für eine feinere Navigation springen [Pfeil links] und [Pfeil rechts] um einen Frame sowie [Pfeil oben] und [Pfeil unten] um einen Keyframe – allerdings nur, wenn der Zeitschieberegler im Avidemux-Fenster den Focus hat. Ein Druck auf die Leertaste startet und beendet die Wiedergabe des Videos.

Unter dem Zeit-Schieberegler gibt es noch Schaltflächen, die den nächsten dunklen Frame suchen, wie er oft zu Beginn und Ende eines Werbeblocks auftritt. [Pos**1] und [Ende] springen zum Start und Ende des geladenen Clips.

Flickwerk

Mithilfe der Schaltflächen A und B oder über [A] und [B] (Abbildung 1, Mitte unten) legen Sie Beginn und Ende der Marke fest, die nur aus einem zusammenhängenden Block bestehen darf. Ist beim Speichern eine Auswahl aktiv, so beschneidet die Software das Video entsprechend. Ausgewählte Frames schneiden Sie mit [Strg]+[X] aus und fügen Sie mit [Strg]+[V] an einer anderen Stelle ein.

Da der Editor jedoch keine Möglichkeit bietet, um diese Operation rückgängig zu machen, empfiehlt es sich, zunächst alle gewünschten Ausschnitte zu exportieren. Das geht wegen der komfortablen Funktionen zum Spulen flott von der Hand. Im zweiter Arbeitsschritt fügen Sie die Schnipsel dann mit Datei | Hinzufügen oder über [Strg]+[H] zu einem Clip zusammen.

Dennoch bleibt anzumerken: Für Videoschnitt ist Avidemux nicht erste Wahl – schon alleine deswegen, weil es nur Schnipsel mit gleicher Auflösung und Frame-Rate zusammenfügt. Das macht aber nichts, wenn die Daten ohnehin aus einer Quelle stammen.

Das Exportieren von Ausschnitten geht meist innerhalb von Sekunden und selbst bei langen Clips in wenigen Minuten über die Bühne, wenn für Video und Audio der Modus kopieren aktiv ist (Abbildung 1, Spureinstellungen). In diesem Fall kopiert die Software die Streams für Video und Audio aus der Datei, statt sie zu neu zu komprimieren. Auf diese Weise sparen Sie einen Großteil der sonst fälligen Rechenarbeit.

Möchten Sie die Teile neu komprimieren oder Effekte hinzufügen, dann ist der letzte Arbeitsschritt, der ohne Benutzereingriff durchläuft, der richtige Platz dafür. Eine Jobliste (Datei | Zur Jobliste hinzufügen und Datei | Jobliste anzeigen) arbeitet sogar mehrere Projekte ohne Unterbrechung ab.

Frisch aufgebrüht

Zu den Stärken von Avidemux zählt, dass es falls nötig einzelne Frames automatisch neu komprimiert, sodass Schnitte nicht mehr an Keyframes gebunden bleiben. Außerdem punktet das Programm mit zahlreichen qualitativ hochwertigen Filtern für die Retusche (Abbildung 2). Anders als bei vielen anderen Projekten existiert zu den Einstellungen auch eine ordentliche Dokumentation [3].

Die große Auswahl beginnt bei den Deinterlacern: Nach wie vor setzt sich Videomaterial häufig aus zwei zeitlich versetzt übertragenen Halbbildern (gerade und ungerade Zeilen) zusammen. Diese verschmelzen nur auf Wiedergabegeräten mit der Auflösung und Bildwiederholrate, für die das Video bestimmt ist – auf dem Computer also praktisch nie.

Abbildung 2: Avidemux bringt – übersichtlich angeordnet – viele leistungsstarke Filter mit, über die Sie in vielen Fällen die Qualität der Videos verbessern.

Das Deinterlacing, das die CPU schwachbrüstiger Rechner wie Netbooks bei der direkten Wiedergabe teilweise heute noch überfordert, mindert die sonst sichtbaren Kamm-Artefakte. Hochwertiges Deinterlacing, wie es zum Beispiel der Yadif-Filter in Avidemux erzielt (Abbildung 3), ist in diesem Fall nur zu haben, wenn Sie es bereits beim Schneiden oder Rekomprimieren anwenden, statt es dem Videoplayer zu überlassen.

Abbildung 3: Einige Beispiele für Avidemux-Filter: Kamm-Artefakte aus Fernsehaufnahmen entfernen (Deinterlacing), Helligkeit und Farben anpassen sowie Skalieren des Videos mit dem hochwertigen, aus der Bildbearbeitung bekannten Lanczos-Filter.

Außerdem hat Avidemux mit Größe Ändern (Mplayer) einen leistungsstarken Filter zum Skalieren an Bord. Arbeiten Sie mit dem rechenintensiven Verfahren Lanczos3, dann wirken Videos mit geringer Auflösung nach dem Hochskalieren (Abbildung 4, oben) auf großen Schirmen deutlich schärfer als zuvor. Fehlende Bilddetails zaubert der Filter freilich nicht herbei.

Abbildung 4: Die Dialoge der Filter fallen durchweg übersichtlich und komfortabel aus.

Die Qualität analoger Fernsehaufnahmen oder von Videos, die mit rauschenden Bildsensoren aufgenommen wurden, steigern Sie in einigen Fällen mit Rauschfiltern. Denoise3d oder dessen auf Kosten der Rechenzeit noch einmal verbesserte Variante Hqdn3d vergleichen mehrere aufeinander folgende Einzelbilder, ziehen also die Zeit quasi als dritte Bilddimension hinzu. Meist fluktuiert das Schneetreiben des Rauschens nämlich schneller als der Rest des Videos, daher trennen es 3D-Filter wirkungsvoll ab.

Weichzeichner vernichten stets Bilddetails, doch allzu verrauschte Video retten Sie manchmal noch durch eine Gauss'sche Glättung. Mehrere Filter zum Schärfen, die den Effekt einer schlecht fokussierten Optik abmildern, liefert Avidemux gleich mit. Dazu gibt es noch zahlreiche Algorithmen zum Optimieren von Farbe, Helligkeit und Kontrast.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die Filter funktionieren, wenn Avidemux Video- oder Audio-Daten entpackt und neu komprimiert, also nicht, wenn Sie die Spuren kopieren.

Schwarz-weiß

Der Button Teilstück beschränkt die Effekt eines Filters auf einen Ausschnitt des Videos. Weiche Übergänge erhalten Sie damit allerdings nicht. Zum Anwenden mehrerer Effekte auf den gleichen Abschnitt gilt es zudem, sich die Nummern des Start- und End-Frames zu merken.

Beim gezielten Bearbeiten von Teilbereichen vermag Avidemux also wie schon beim Schnitt nicht mit spurbasierten Editoren zu konkurrieren. Diese erlauben es, Effekte einem bestimmten Ausschnitt komfortabel per Drag & Drop hinzufügen. Auch fällt der Umfang an Effekten in Avidemux im Gegensatz zu den Filtern zu Korrektur spärlich aus.

Eine leistungsfähige Filtervorschau gibt es aber. Sie zeigt die Wirkung des in der Liste aktivierte Filter markierten und aller vorausgehenden Effekte (Abbildung 5). Die Software ermöglicht es, die Filter innerhalb der Kette zu verschieben. So zeigt die die Wirkung der jeweils gewählten Kombination. Ein Schieberegler legt die Position der Vorschau im Video fest.

Abbildung 5: Mit Hilfe der Vorschau kontrollieren Sie die Wirkung einzelner oder aller angewandten Effekte.

Da es sich aber um einen blanken Regler ohne Zeiteinheiten handelt, fällt es schwer, eine bestimmte Szene zu finden. Allerdings bietet die Software die Möglichkeit, in der Hauptansicht ein zweites Videofenster einzublenden, das die Wirkung aller Effekte dem Original gegenüber stellt.

Neu verpackt

Zu den Spezialitäten von Avidemux gehört jedoch nach wie vor das Rekomprimieren und die Umwandeln in andere Dateiformate. Das Programm liest und schreibt die gängigen Formate AVI, MPEG, OGM, MKV (Matroska) sowie Flash- und Windows-ASF-Videos. Es erzeugt auch PS-Dateien für DVDs und TS-Streaming-Dateien, außerdem MP4-Dateien für mobile Geräte und liest die von der Videorekorder-Software MythTV beim analogen Empfang erzeugten Nuppelvideo-Dateien sowie nummerierte Folgen von Einzelbildern ein.

Avidemux unterstützt zudem alle Codecs aus Ffmpeg (MPEG-1/2, HuffYUV, FFV1, LavC MPEG4). Es nutzt allerdings nicht die auf dem System installierte Ffmpeg-Version, sodass sich weder lizenzrechtlich bedingte Beschneidungen noch Aktualisierungen auf das Programm auswirken.

Zusätzlich bindet es die externen Libraries x264 und Xvid ein, die erst den vollen Funktionsumfang ermöglichen. Anwender mit einem OpenSuse-System brauchen dafür das passende Packman-Repository [4]. Als Audio-Codecs stehen Vorbis, FAAC, MP2, AC3, MP3 sowie unkomprimiertes Wave-Audio bereit.

Video-Dateien fallen generell so groß aus, dass der Gewinn durch das Komprimieren selbst bei den aktuellen Größen von Festplatten noch eine Rolle spielt. So schrumpfen die auch heute noch mit dem MPEG-2-Verfahren aus den 90er Jahren kodierten DVDs nach dem Rekomprimieren mit H264 bei in etwa gleichbleibender Bildqualität um rund die Hälfte.

Der passende Dialog verbirgt sich in Avidemux hinter der Videospur-Option MPEG-4 AVC. Wählen Sie diese statt der beim Start des Programms aktiven Einstellung kopieren. Ein Klick auf Konfigurieren unter der Codec-Auswahl öffnet die Einstellungen mit auf den ersten Blick abschreckend vielen Reitern (Abbildung 6).

Abbildung 6: Avidemux eignet sich hervorragend zum Komprimieren von DVD-Videomaterial mit dem H264-Codec. Dieser spart bei vergleichbarer Optik etwa 50 Prozent Platz ein.

Zum Glück fasst der Reiter Allgemein die wenigen wirklich wichtigen Einstellungen zusammen. Für alle anderen ist ohnehin Expertenwissen zu den beim Komprimieren genutzten Algorithmen gefragt. Die Einstellungen speichern Sie bei Bedarf in einem Profil, das die Software dann am oberen Rand des Dialogs anzeigt.

Doppelt genäht

Entscheiden Sie sich zuerst für einen Kodiermodus. Es gibt zwei Verfahren, um das Verhältnis von Qualität und Dateigröße einzustellen.

Das erste arbeitet mit der Bitrate pro Sekunde. Die Größe des komprimierten Videos ergibt sich einfach aus Bitrate mal Dauer. Allerdings fehlt in dieser Kalkulation die Audio-Spur. Zudem handelt es sich bei dem Wert für die Bitrate nur um eine Näherung: Der Codec über- oder unterschreitet sie je nach Detailreichtum oder Rauschen im Material teilweise deutlich.

Alternativ regeln Sie die Qualität beim Komprimieren über die sogenannte Quantisierung, einer abstrakten Maßzahl für die Stärke beim Komprimieren. Sie zielt weniger auf eine Größenvorgabe als auf konstante optische Qualität ab. Normal sind für heutige Ansprüche Faktoren um 25.

Bei einem Wert unter 20 steigt die Größe der Datei erheblich, doch eine bessere Qualität erzielen Sie auf diese Weise nicht. Bei Faktoren über 30 treten meist Blockartefakte auf. Bei Faktoren über 40 schließlich sinkt die Qualität derart, dass es unmöglich ist, humanoide Lebensformen von einander zu unterscheiden.

Außer zwischen bitraten- und quantisierungsbasierter Komprimierung unterscheiden sich die Kodiermodi noch nach der Zahl der Durchläufe: Verfahren mit zwei Durchläufen dauern fast doppelt so lang, liefern aber ein deutlich besseres Verhältnis von Dateigröße und Qualität. Der H.264-Codec bietet für zwei Durchgänge die Wahl zwischen bitratenbasierter Komprimierung und direkter Eingabe der gewünschten Dateigröße.

Auf die Audio-Spur hat das jedoch keine Auswirkung. Daher fließt diese nicht in die Rechnung ein. Abhilfe schafft der Kalkulator im Menü Werkzeuge, den Sie alternativ über [F7] erreichen. Er errechnet die Größe der Audio-Spur und subtrahiert diese von der gewünschten Dateigröße.

Kompaktpaket

Zur erwähnen bleibt noch, dass Avidemux in einer inzwischen funktional identischen Qt- und GTK-Fassung vorliegt. Die Distributionen liefern in der Regel Pakete für beide Frontends mit. Viele Funktionen stehen außerdem über die Kommandozeile bereit [5], praktisch alle über eine Javascript-Schnittstelle [6].

Am 9. Mai 2013 erschien mit Avidemux 2.6.4 die erste stabilen Version der Serie 2.6 [7]. Ein besonderes Plus des Programms liegt in dem im Quellcode mitgelieferten Skript, das die Software vollautomatisch kompiliert und in ein RPM- oder Debian-Paket verpackt [8]. Version 2.6 basiert auf einem neu geschriebenen Kern, behält die bekannte Oberfläche aber mit wenigen Änderungen bei (Abbildung 7).

Abbildung 7: Die endlich stabile Serie 2.6 von Avidemux verändert fast nichts an der Oberfläche, setzt aber auf einen neuen Kern auf, der beim Synchroniseren von Audio und Video zuverlässiger arbeitet.

Der Programmautor verspricht, dass mit der neuen Major-Version die früher des öfteren aufgetretenen Probleme beim Synchronisieren von Audio und Video der Vergangenheit angehören. Die Oberfläche hat sich dagegen kaum verändert.

Die Pakete heißen nun avidemux3_qt4, avidemux3_gkt und avidemux3_cli statt wie bisher avidemux2 plus Suffix. Das erlaubt es, Versionen der Serien 2.5 und 2.6 parallel zu installieren.

Fazit

Avidemux spielt in einer anderen Liga als nichtlinear arbeitende Mehrspureditoren. Seine Stärken liegen im Konvertieren von Formaten sowie im Rekomprimieren, wo es lästige Zwischenschritte erspart. Schnitte in nicht zu großer Anzahl gelingen ebenfalls mühelos. Außerdem bringt die Software viele Effekte für die Retusche mit, die allerdings oft unkomfortabel im Einsatz sind.

Trotz seines reifen Alters leistet sich die Software ab und zu Abstürze – allerdings in der Regel immer noch seltener als bei den ebenfalls nicht gerade bombenstabilen Konkurrenzprogrammen. 

Glossar

Keyframe

Videos enthalten in der Regel nur bei sogenannten Keyframes die volle Bildinformation. Zwischen diesen Punkten speichern die Geräte nur ein Differenzabbild. Ein Schnitt ist bei vielen Applikationen nur an den Keyframes erlaubt.

Nuppelvideo

Ein Containerformat für Videodateien, das unter anderem bei MythTV zum Einsatz kommt.

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