Zwerg mit Power

Jetway Mini-PC JBC362F36W im Kurztest

Kompakt gebaute und technisch abgespeckte PC-Systeme haben als Thin Clients in Netzen viele Jahre lang ein Nischendasein geführt. Inzwischen nimmt jedoch – vor allem dank der zügigen Entwicklung von Intels Atom-Prozessoren – die Leistungsfähigkeit der kleinen Rechner deutlich zu, sodass sie sich anschicken, den heimischen Schreibtisch zu erobern.

Als ein besonders herausragendes Modell erweist sich der aus Taiwan stammende Jetway JBC362F36W-2600-B, der trotz kompakter Abmessungen (15x11x3,5cm) so manch älteren Desktop-PC in den Schatten stellt. Für den Test bezogen wir den Jetway-PC von der Firma Cartft.com aus Reutlingen [1], die das Gerät als Barebone-Rechner lieferte. Es galt also noch Arbeitsspeicher und Festplatte oder SSD zu ergänzen.

Beim Auspacken des Pakets von der Größe eines Schuhkartons fiel zunächst der opulente Lieferumfang auf: Neben dem Rechner finden sich in der Box sich ein kompaktes externes Netzteil mit einer Leistung von 60 Watt, eine WLAN-Antenne, zwei Standfüße für den vertikalen Betrieb, ein Satz Schrauben sowie ein DVI-VGA-Adapter. Mehrere Kurzanleitungen mit Fotos und Zeichnungen sowie zwei CDs mit Treibern für andere Betriebssysteme runden den Lieferumfang ab.

Anschlusswunder

Bei der ersten Inaugenscheinnahme entpuppt sich der Mini-ITX-Rechner als wahres Wunderwerk in Sachen Anschlüsse: Auf der Rückseite bietet er neben zwei Gigabit-Ethernet-Buchsen einen DVI- und vier USB-Anschlüsse sowie eine Buchse für Line-out. Zudem gibt es einen standardisierten RP-SMA-Antennenanschluss für die WLAN-Anbindung. Zu guter Letzt findet sich noch ein 12-Volt-Anschluss für das externe Netzteil an der Rückseite des Systems (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Kleiner geht's nimmer – der Jetway-PC im Vergleich zu einem Taschenbuch.

Mit dieser Vielfalt auf kleinstem Raum empfiehlt sich der PC nicht nur als Arbeitsgerät, sondern aufgrund der zwei Ethernet-Buchsen auch als Zentrale im Netzwerk – sei es zu Hause oder im kleinen Büro.

An der Frontseite des Gerätes befinden sich lediglich zwei Leuchtdioden zur Anzeige des Status sowie ein großer Taster zum Einschalten. Der Mini-PC verfügt über keinen Lüfter, die Abwärme der CPU entweicht nur über das Gehäuse. Das besteht aus massivem Metall, wobei eine Seite des Gehäuses (bei vertikaler Aufstellung die linke) großflächig mit Kühlrippen aus Aluminium versehen ist.

Innere Werte

Doch nicht nur äußerlich glänzt der kleine Rechner aus Taiwan, das Innenleben beeindruckt ebenfalls: Als Prozessor versieht ein mit 1,6 GHz getakteter Intel Atom N2600 den Dienst. Er weist zwei Kerne auf, beherrscht er Hyper-Threading und besitzt einen 1 MByte großen L2-Cache.

Als herausragendes Merkmal der zur Cedar-Trail-Familie gehörenden CPU entpuppt sich jedoch ihr geringer Energiebedarf: Lediglich 3,5 Watt Leistungsaufnahme weist der Hersteller für dieses Modell aus [2]. Aufgrund der geringen Verlustleistung eignet der Prozessor sich für den lüfterlosen Betrieb, was das Gesamtsystem flüsterleise macht.

Da es sich um ein Barebone-System handelt, sind noch Arbeitsspeicher und eine Festplatte oder SSD für den Betrieb vonnöten. Für den Arbeitsspeicher steht auf der Hauptplatine ein kompakter SO-DIMM-Steckplatz nach DDR3-Spezifikation bereit. Als Massenspeicher nimmt das Gehäuse eine Festplatte oder SSD im Formfaktor 2,5 Zoll auf. Damit kam das Gesamtsystem im Test mit einem RAM-Speicher von 2 GByte und einer 500 GByte großen Festplatte von Western Digital auf rund 290 Euro.

Auf dem hochintegrierten Motherboard mit sechs Layern tummelt sich neben dem SATA-Anschluss für den Massenspeicher noch ein Mini-PCIe-Slot (der im Test die WLAN-Karte beherbergte) sowie ein Sockel für eine CFast-Karte (Abbildung 2). Das erlaubt, im System zwei Massenspeicher simultan zu nutzen, wobei die CFast-Karte dem SATA-Standard mit 3.0 GBit/s entspricht und daher bei Einsatz entsprechend schneller Karten eine Geschwindigkeit ähnlich einer SSD entwickelt.

Abbildung 2

Abbildung 2: Kompakte Maße erlauben kaum Raum zum Manövrieren, aber eine WLAN-Karte mit Mini-PCIe-Anschluss fand im Testsystem noch Platz.

Eine Festplatte oder SSD schrauben Sie an zwei Schienen an, die Sie dann wiederum am Rechnergehäuse fixieren. Die gesamte Gehäusekonstruktion wirkt sehr solide und durchdacht. Einziges Manko für handwerklich wenig versierte Anwender: Es gilt nicht weniger als 14 winzige Schrauben zu lösen, um das Rechnergehäuse vollständig zu öffnen. Dank einer bebilderten Anleitung und einem aussagekräftigen Handbuch kommt es dabei aber kaum zu Problemen.

Test mit Hürden

Nach dem zunächst sehr positiven Eindruck bescherte der Mini-PC im Test unter Linux zunächst einiges Kopfzerbrechen: Die Installation von Mageia 3 verlief von einem externen DVD-Laufwerk zwar problemlos, nach dem anschließendem Neustart hatte das System jedoch einen Blackout. Auch OpenSuse 12.3 laborierte am gleichen Symptom und war nicht zur Mitarbeit zu bewegen. Das nicht mehr taufrische, sehr schlanke Slitaz 3.0 hingegen erfreute sofort mit einer grafischen Oberfläche – allerdings in nicht mehr zeitgemäßer SVGA-Auflösung.

Selbst das stets bestens mit Treibern versorgte Knoppix ließ sich in älteren Varianten nicht dazu überreden, mit einer Auflösung von mehr als 800 x 600 Punkten zu arbeiten. Lediglich Ubuntu zeigte sich kooperativer und startete in den Versionen 12.04 und 12.10 mit einer brauchbaren XGA-Auflösung.

Als Verursacher dieser Misere machten wir den beim N2600 eingesetzten Chipsatz Intel GMA3600 mit einem SGX-545-Grafikprozessor von PowerVR dingfest. Für diesen gibt es unter Linux bislang lediglich einen rudimentären freien Treiber. Intel selbst stellt weder Software noch Support, sondern verweist an die Entwickler der Distributionen [3]. Ein freier Treiber steht ab Kernel 3.3 bereit.

Mehrere weiteren Distributionen, wie Fedora 18, Mint 14 und Knoppix 7.0.5, wählten jeweils automatisch XGA-Auflösung für die Grafik. Sie verwenden den vorhandenen Treiber für den GMA500-Chipsatz. Zum Leistungstest kamen anschließend Ubuntu 12.10 und Knoppix 7.0.5 auf der Hardware zum Einsatz. Beide Distributionen zeigten keine Auffälligkeiten bei der Installation und erkannten alle Hardware-Komponenten. Auch die mit einem noch recht jungen Chipsatz ausgestattete WLAN-Karte von Atheros zeigte ein gutes Leistungsverhalten.

Im praktischen Einsatz hatte jedoch eindeutig Knoppix die Nase vorn: Während Ubuntu mit seiner schwerfälligen und wenig intuitiven Oberfläche immer wieder eine hohe Last erzeugte, agierte Knoppix souverän ohne Latenz. Ein weiterer Live-Test mit Lubuntu und Xubuntu erbrachte ein wesentlich besseres Verhalten als bei Ubuntu selbst. Die Last hält sich somit bei schlankeren Oberflächen dank der zwei Prozessorkerne mit Hyper-Threading im Rahmen, während der Arbeitsspeicher von 2 GByte selbst bei vielen geöffneten Applikationen kaum an Grenzen stößt (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Selbst Standard-Distributionen bringen den Jetway-PC kaum aus dem Tritt.

Fazit

Der kleine Jetway JBC362F36W-2600-B hinterlässt insgesamt einen recht guten Eindruck. Das größte Manko liegt in der bislang noch unvollständigen Unterstützung der GMA3600-Grafikkarte, die einen Einsatz des Rechners mit 3D-Spielen oder leichten CAD-Applikationen sowie auch Bildverarbeitungsprogrammen unter Linux verhindert. Sehr gute Leistungen zeigt dagegen der Atom N2600, der dank zwei Kernen mit Hyper-Threading und einem ausreichend großen Cache längst die Schwächen der ersten Atom-Generationen überwunden hat.

Im praktischen Betrieb mit Anwendungen für Büro und Internet erbringt der Prozessor eine Leistung, die sich in etwa mit jener einer Core-Duo-CPU mit Yonah-Kern vergleichen lässt. Damit lässt er sich für den täglichen Einsatz auch jenseits von Nettops und Netbooks durchaus gebrauchen. Zudem glänzt der kleine PC durch geringen Energieverbrauch und lautlosen Betrieb. Der Rechner empfiehlt sich daher für den Einsatz als schlanker Server oder Desktop. 

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