Während andere Distributionen möglichst aktuelle Programme in die Repositories packen, versuchen die Debian-Entwickler ein möglichst solides System zusammenzustellen (siehe Kasten "Eine Frage der Stabilität"). Dazu erlauben sie sich eine ausgiebige Testphase, die wiederum die langen Abstände zwischen zwei Versionen begründet.

Des Weiteren setzen die Macher hauptsächlich auf ältere, aber aus ihrer Sicht bewährte Softwarepakete, deren Fehler in der Regel ausgeräumt oder zumindest weitgehend bekannt sind. So läuft das System auf einem Linux-Kernel 3.2 mit Longterm-Unterstützung – aktuell war bei Redaktionsschluss hingegen schon Kernel-Version 3.9.

Eine Frage der Stabilität

Debian gibt es in drei Geschmacksrichtungen: Die als "Unstable" bezeichnete Version dient als eine Art Spielwiese, auf der die Entwickler neue Programme auf Herz und Nieren testen. Zeigt ein Programm keine kritischen Fehler mehr, wandert es in die "Testing" genannte Debian-Version.

In bestimmten Abständen frieren die Entwickler den Stand der "Testing"-Version ein und machen aus diesem Schnappschuss die nächste stabile Debian-Version. Diese erhält wiederum eine Versionsnummer und bleibt dann auf ihrem Stand – bis zum nächsten Release es gibt lediglich Fehlerkorrekturen und Sicherheitsaktualisierungen. Die allererste Debian-Version erschien übrigens im August 1993 – also vor knapp zwanzig Jahren.

Grauer Schreibtisch

Zum Standard-Desktop kürten die Debian-Entwickler Gnome 3.4 mit der nicht unumstrittenen Gnome Shell (Abbildung 1). Sie löst das mittlerweile hoffnungslos veraltete Gnome 2 aus Debian 6 ab und verlangt zwingend nach einer Grafikkarte mit aktivierter 3D-Beschleunigung.

Abbildung 1: Debian 7 kommt mit einem unveränderten Gnome 3.4.

Wer der alten Benutzeroberfläche nachtrauert, dem empfiehlt das Projekt, im Dialog zum Anmelden auf den Classic-Modus umzuschalten. Dessen Bedienkonzept ähnelt jenem von Gnome 2, ist aber eigentlich für Systeme ohne 3D-Beschleunigung gedacht. Eine Lösung wie Ubuntu, das die 3D-Grafik auf den Hauptprozessor auslagert, haben die Debianer nicht eingebaut.

Alternativ zu Gnome bietet Debian 7 auch KDE in Version 4.8.4, sowie die besonders schlanken Kollegen LXDE 0.5.5 und XFCE 4.8. Der X-Server klettert auf Version 7.7. Daneben lässt sich Debian nach wie vor auch ganz ohne grafische Oberfläche betreiben.

Der Beinamen "Wheezy" von Debian 7 entstammt in gewohnter Manier dem Toy-Story-Universum: So heißt in "Toy Story 2" der kleine Plastik-Pinguin, der vor dem Verkauf auf dem Flohmarkt gerettet werden muss. Möglicherweise von seinem Äußeren inspiriert, erscheint Debian 7 rundum in schlichten Grautönen. Die Bootmenüs und Benutzeroberflächen wirken insgesamt sachlich und modern.

Nutzvieh

Bei den Büroprogrammen löst LibreOffice 3.5.4 das in Debian 6 verwendete OpenOffice ab; Calligra 2.4 ersetzt den Vorgänger KOffice. Parallel entfernten die Entwickler auch gleich noch KDE 3 und Qt3 aus den Repositories. Das hat zur Folge, dass alte Programme für diese Plattform nicht mehr ohne Weiteres laufen.

Als Webbrowser startet ein in Iceweasel umbenannter Firefox 10 (Abbildung 2). Da Mozilla diese Version jedoch nicht mehr unterstützt, bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass die Debian-Entwickler alle zukünftig entdeckten Sicherheitslücken stopfen. Anders als Firefox enthält Iceweasel bereits von Haus aus das Plugin Adblock Plus 2.1, das lästige Werbebanner ausblendet.

Abbildung 2: Der Browser Iceweasel enthält neben Adblock Plus 2.1 den freien Flashplayer Gnash und den iTunes Application Detector.

Analog zu Iceweasel/Firefox verbirgt sich hinter dem Mail-Client Icedove ein umetikettiertes Thunderbird, ebenfalls in der veralteten Version 10.

Die Repositories bieten jetzt einige Multimedia-Codecs an, die Sie in früheren Versionen noch mühsam von Drittanbietern holen mussten. Ffmpeg haben die Debian-Macher durch den ihrer Meinung nach mit einem konservativeren Veröffentlichungsprozess gesegneten Fork LibAV ersetzt.

Einspieler

Der Assistent für die Installation erhielt mit Debian 7 einen generalüberholten Unterbau. Sie haben weiterhin die Wahl zwischen einer textbasierten und einer grafischen Variante, deren Benutzeroberflächen zur Vorversion nahezu unverändert blieben (Abbildung 3).

Abbildung 3: Der Installationsassistent fragt Namen, Benutzernamen und Passwort umständlich in drei aufeinander folgenden Dialogen ab.

Immerhin erlaubt die 64-Bit-Fassung für Rechner mit Intel- und AMD-Prozessoren (Architektur amd64) jetzt die Installation auf Systemen mit UEFI. Auf Secure Boot versteht sich Debian 7 allerdings noch nicht: Hier bleibt nur der Ausweg, die Technik im BIOS zu deaktivieren.

Auf Wunsch liest der Assistent alle Ausgaben am Bildschirm mittels Sprachsynthese laut vor, was vor allem Sehbehinderten ohne Braillezeile zugute kommt. Um die Funktion zu aktivieren, drücken Sie im Bootmenü [S] und bestätigen die Auswahl mit [Eingabe].

Die deutsche Stimme klingt allerdings wie ein amerikanischer Roboter auf Helium, bleibt aber immerhin verständlich. Satzzeichen, Klammern und Sonderzeichen liest sie jedoch nicht vor, was teilweise etwas verwirrt. Die Sprachsynthese steht derzeit für etwa zwei Dutzend Sprachen bereit, der Assistent spricht demgegenüber insgesamt 73 verschiedene Sprachen.

Über das Setup bauen Sie in dieser Release bei Bedarf IPv6-Verbindungen auf und erledigen die Installation über WPA-verschlüsselte WLAN-Verbindungen. Als Standard-Dateisystem nutzt Debian 7 endlich ext4. Btrfs hat den Status einer Technologievorschau, die sie auf eigene Gefahr einsetzen.

Alle auf einen

Eine der größten Neuerungen von "Wheezy" liegt im sogenannten Multiarch-Support. Er ermöglicht, Pakete für unterschiedliche Prozessorarchitekturen parallel auf ein und demselben System zu installieren. Bislang ließen sich nur auf Intel- und AMD-Prozessoren einigermaßen komfortabel 32-Bit-Programme in einem 64-Bit-System betreiben.

Das bei Multiarch zum Einsatz kommende Paket ia32-libs ist derzeit als "Übergangspaket" klassifiziert und nutzt bereits das neue Multiarch-Konzept. Haben Sie ia32-libs schon installiert, müssen Sie daher nach dem Umstieg auf Debian 7 zunächst explizit die Multiarch-Unterstützung als Benutzer root aktivieren:

# dpkg --add-architecture i386
# apt-get update

Um die Multiarch-Unterstützung kümmern sich die entsprechend angepassten Werkzeuge dpkg und apt-get. Der Befehl dpkg --print-architecture nennt die Architektur des aktuell genutzten Prozessors, dpkg --add-architecture i386 fügt die i386-Architektur zu den unterstützten hinzu (siehe Tabelle "Architekturen").

Architekturen

Name Ziel
i386 x86-Intel- und AMD-Prozessoren, 32 Bit
amd64 x86-Intel- und AMD-Prozessoren, 64 Bit
armel ARM EABI
armhf ARMv7 (EABI hard-float ABI)
s390x IBM System z
ia64 Intel Itanium
mips MIPS (big-endian)
mipsel MIPS (little-endian)
powerpc PowerPC
s390 IBM S/390
sparc SPARC

Beim Installieren von Paketen hängen Sie den Namen der Architektur durch einen Doppelpunkt getrennt an den Paketnamen an. So spielt etwa der folgende Befehl das Sokoban-Spiel im xsok-Paket in der 32-Bit-Fassung für Rechner mit Intel- und AMD-Prozessoren ein (i386-Architektur):

# apt-get install xsok:i386

Geben Sie die Architektur nicht an, installiert Dpkg das Paket für die aktuelle Architektur. Bereits vorhandene DEB-Pakete, etwa von kommerziellen Spielen, akzeptiert das Paketmanagement weiterhin. Wer allerdings als Entwickler das neue Konzept unterstützen möchte, muss seine Pakete leicht anpassen [2]. Neben Debian unterstützen übrigens schon andere Distributionen wie Ubuntu das Multiarch-Konzept.

Die Programme und Bibliotheken einer Architektur sammelt Debian 7 jeweils in bestimmten Unterverzeichnissen, die Bibliotheken für die i386-Architektur lagern unter /lib/i386-linux-gnu. Entwickler haben so die Möglichkeit, mit der Multiarch-Funktion und passenden Cross-Compilern Programme wesentlich komfortabler für mehrere Architekturen zu erstellen [3].

Servierfertig

Für Entwickler hält Debian 7 unter anderem die GNU Compiler Collection 4.7.2, Python 2.7.3 und 3.2.3 sowie das OpenJDK in den Versionen 6b27 und 7u3 bereit. Server-Betreiber freuen sich über Apache 2.2.22, PHP 5.4.4 sowie die Datenbanken MySQL 5.5.30 und PostgreSQL 9.1.

Debian 7 offeriert zudem erstmals vorbereitete Pakete für OpenStack in der Version 2012.1 ("Essex") und die Xen Cloud Platform. Das ermöglicht es Administratoren, schnell und einfach eine eigene Cloud aufzusetzen. Samba gibt es aber weiterhin nur in der Version 3.6.6, Samba 4 folgt voraussichtlich erst in Debian 8 "Jessie".

Die meisten Pakete haben die Entwickler mit dem Hardening-Flag des GCC-Compilers übersetzt. Das erschwert Angriffe auf laufende Anwendungen. Des Weiteren ist in Debian 7 das (unter anderem auch in OpenSuse zum Einsatz kommende) Apparmor aktiviert. Das System erlaubt es, die Rechte von laufenden Programmen über Regeln gezielt einzuschränken.

Während viele andere große Distributionen den Startvorgang an das extrem flotte Systemd abgegeben haben, verwendet Debian 7 nach wie vor das alte Sys-V-Init. Allerdings lässt sich Systemd als Technologievorschau nachinstallieren und sogar parallel zu Sys-V-Init ausprobieren. Um den Startvorgang an Systemd zu übergeben, genügt es, den Kernel-Parameter init=/bin/systemd zu verwenden.

Das Verzeichnis /tmp liegt jetzt vollständig im Hauptspeicher (RAMTMP). Das Fassungsvermögen fällt somit kleiner aus als zuvor, zudem gehen die Inhalte nach einem Neustart verloren. Darüber hinaus haben die Entwickler die Verzeichnisse /lib/init/rw, /var/run, /var/lock und /dev/shm ins Verzeichnis /run verlagert.

Abbilder

Wie schon bei den Vorgängern stellen die Entwickler Debian 7 auf verwirrend vielen Medien bereit: So gibt es Images für CDs, DVDs und – im Fall der Architekturen amd64 und i386 – sogar Blu-Rays. Mit dabei ist wieder das besonders schlanke Netinst-Image, das alle Pakete über das Internet nachzieht.

Während Sie bei den DVDs im Bootmenü die Auswahl hinsichtlich der Desktop-Umgebung haben, fällt bei den CDs die Wahl direkt mit dem passenden Image. Auf der DVD versteckt sich die Auswahl übrigens äußerst gut hinter Advanced Options | Alternative desktop environments. Diesen Menüpunkt erreichen Sie, wenn Sie mit den Pfeiltasten immer weit nach unten fahren.

Die Entwickler versprechen außerdem Medien, die Pakete für gleich mehrere Architekturen enthalten (Abbildung 4). Zum Redaktionsschluss gab es jedoch lediglich ein DVD-Image und ein Image für die Installation über das Netzwerk mit Paketen für die Architekturen amd64 und i386.

Abbildung 4: Die Multiarch-DVD bietet die Möglichkeit, sowohl die 32-Bit- als auch eine 64-Bit-Fassung zu installieren.

Abschließend gibt es noch Images mit einem Live-System, das wahlweise als Rettungsmedium oder zum unverbindlichen Kennenlernen dient [4]. Zum Redaktionsschluss standen für jede der vier unterstützten Desktop-Umgebungen jeweils zwei Images parat, je eines für i386 und eines für amd64.

Obendrein existieren noch ein Rettungs- und ein Standardsystem, die zwar noch auf eine CD passen, aber ohne grafische Benutzeroberfläche kommen. Wenn Sie eine Debian-6-Installation aktualisieren möchten, finden Sie dazu in den Informationen zur Veröffentlichung eine ausführliche Anleitung [5].

Fazit

Die Debian-Entwickler halten ihre Distribution stabil wie einen Fels. Auch diesmal legen sie sichtlich Wert auf erprobte Software. Dies bedeutet allerdings für Anwender, dass vorwiegend ältere Software zum Einsatz kommt. Insbesondere durch den Kernel 3.2 bedingt unterstützt Debian 7 neue und zukünftige Hardware schlechter als die Konkurrenz-Distributionen.

Dank Multiarch besitzt das System gerade im Hinblick auf die immer populärer werdenden ARM-Geräte großes Potenzial. Derzeit stellt die Funktion aber vor allem auf Desktop-PCs den parallelen Betrieb von 32- und 64-Bit-Programmen sicher.

Die UEFI-Unterstützung war überfällig, die Sprachsynthese stellt eine große Hilfe für sehbehinderte Nutzer dar. Unter dem Strich präsentiert sich Debian 7 als behutsame Weiterentwicklung und richtet sich an alle, die langfristig ein stabiles System benötigen. 

Infos

[1] Debian-Projekt: http://www.debian.org

[2] Multiarch-Howto: http://wiki.debian.org/Multiarch/HOWTO

[3] Multiarch für Entwickler: https://wiki.ubuntu.com/MultiarchCross

[4] Live-Systeme herunterladen: http://www.debian.org/CD/live/

[5] Veröffentlichungshinweise für Debian 7: http://www.debian.org/releases/wheezy/amd64/release-notes/

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