Voll fokussiert

Texte schreiben mit Focuswriter

Textverarbeitungen galten lange als das Autorenwerkzeug schlechthin. Dank umfangreicher Formatierungsfunktionen sowie dem Einbetten von Tabellen und Grafiken kann jedermann auf einfache Art und Weise schöne und informative Dokumente erstellen. Das erscheint als unglaublicher Fortschritt im Vergleich zum Füllfederhalter oder der Schreibmaschine, mit denen man früher ein leeres Blatt Papier mit Inhalt befüllte.

Allerdings reizen die wenigsten Anwender die Möglichkeiten einer Textverarbeitung aus. Viele können auf Inhaltsverzeichnisse, Kopfzeilen oder Fußnoten verzichten und betrachten Symbolleisten und überhaupt das layoutzentrierte Arbeiten lediglich als Ablenkung vom Wesentlichen: dem Schreiben.

Doch selbst, wenn man es schafft, sich auf den Text zu konzentrieren, bleiben immer noch Systemnachrichten und ähnliche Störfaktoren, die zusätzlich von der Textproduktion ablenken. Kaum ist man in das Werk vertieft, meldet sich der IM-Client mit einer neuen Nachricht vom besten Kumpel oder das Betriebssystem signalisiert sechs neue wichtige Updates, deren Installation man unbedingt sofort vornehmen sollte.

Abhilfe schaffen hier Werkzeuge für das "distraction-free writing", das ablenkungsfreie Schreiben. Sie lassen die alte Metapher vom leeren Blatt Papier wieder aufleben, indem sie sich im Vollbildmodus öffnen und alles andere ausblenden. Der Autor sieht nur noch einen leeren Bildschirm und eine Einfügemarke. System- und Fensterleisten sowie das Programmmenü verschwinden gnädig im Hintergrund, der Funktionsumfang beschränkt sich auf das Nötigste. Der Arbeitsprozess zielt darauf ab, den Text dann erst nach Fertigstellung in einem anderen Programm zu formatieren oder gleich zum Layout an andere übergeben.

Zu dieser Kategorie zählt der Focuswriter (http://gottcode.org/focuswriter/) des Entwicklers Graeme Gott. Im Ubuntu Software-Center findet sich allerdings lediglich eine veraltete Version des Programms. Um mit der aktuellsten Ausgabe zu arbeiten, binden Sie zunächst das Repository des Entwicklers ein laden den entsprechenden Paketquellen-Schlüssel (Listing 1, Zeile 1 bis 3). Anschließend müssen Sie nur noch die Paketquellen aktualisieren und Focuswriter einrichten (Zeile 4 und 5).

Listing 1

$ sudo add-apt-repository 'deb http://download.opensuse.org/repositories/home:gottcode/xUbuntu_12.10/ /'
$ wget http://download.opensuse.org/repositories/home:gottcode/xUbuntu_12.10/Release.key
$ sudo apt-key add - < Release.key
$ sudo apt-get update
$ sudo apt-get install focuswriter

In medias res

Nach dem ersten Start von Focuswriter sehen Sie lediglich einen grauen Hintergrund und eine blinkende Einfügemarke (Abbildung 1). Weder eine Menüleiste noch Fensterrahmen oder Benachrichtigungspanel stören die spartanische Oberfläche. Sie können sofort und ohne Ablenkung mit dem Schreiben starten.

Abbildung 1

Abbildung 1: Focuswriter startet im Vollbildmodus und blendet alles andere aus. Dank der Texthervorhebung wissen Sie in langen Texten immer, an welcher Stelle Sie gerade arbeiten.

Sobald Sie den Mauszeiger an den oberen Bildschirmrand bewegen, erscheint die Menüleiste, über die Sie alle Funktionen der Anwendung erreichen. Textverarbeitungen wie OpenOffice Writer bieten hier umfassende Formatierungsmöglichkeiten. Das Angebot von Focuswriter liegt dagegen kaum über jenem einer Schreibmaschine. Formatvorlagen unterstützt das Programm nicht. Sie können den Text jedoch fetten, kursivieren oder unterstreichen, Absätze und Textblöcke links- oder rechtsbündig beziehungsweise mittig ausrichten sowie Absätze einrücken. All diese Optionen stehen im Menü Formatieren zur Verfügung und lassen sich über Tastenkürzel aufrufen, die Sie unter Einstellungen | Voreinstellungen | Shortcuts Ihren Wünschen anpassen.

Nach dem Schreiben sollten Sie das Speichern des Texts nicht vergessen. Focuswriter legt die Dateien ohne weitere Anweisungen im Open-Document-Textformat .odt ab. Bei Bedarf sicheren Sie den Text aber auch als einfache Textdatei oder als Rich Text (RTF). Auch das Speichern erledigen Sie über das Menü.

Hilfswerkzeuge

Bewegen Sie die Maus an den linken Bildschirmrand, erscheint die sogenannte Szenenansicht (Abbildung 2, links). Mithilfe der Szenen, die Sie im Text mit zwei Rauten-Symbolen (##) einleiten, lässt sich der Text beliebig gliedern. Die Rauten dienen Focuswriter dabei als Sprungmarke, über die Sie in einzelne Textstellen ansteuern, ohne dazu scrollen zu müssen. In der Szenenansicht dürfen Sie zudem Szenen verschieben. Daneben können Sie die angezeigten Abschnitte filtern, indem Sie in das Textfeld am unteren Rand der Szenenansicht einen Suchbegriff eingeben.

Abbildung 2

Abbildung 2: Über die Szenenansicht können Sie einzelne Textabschnitte aufrufen und verschieben. Statistiken und geöffnete Dokumente werden am unteren Rand angezeigt.

Sobald Sie den Mauszeiger an den unteren Bildschirmrand bewegen, liefert Focuswriter dort eine Übersicht aller geöffneten Dokumente und zeigt Statistiken zu diesen an. So informieren Sie können sich über die jeweilige Anzahl an Zeichen, Worten und Seiten. In der Voreinstellung zählt Focuswriter lediglich die Wortanzahl. Die anderen Informationen aktivieren Sie bei Bedarf unter Einstellungen |Voreinstellungen: Dort wechseln Sie in den Reiter Statistiken und aktivieren die gewünschten Kontrollkästchen unter Inhalt.

Um einen Anhalt für die Anzahl der bereits gefüllten Seiten zu erhalten, stellen Sie hier unter Seitengröße ein, wie viel Text auf eine typische Seite des Ausgabemediums passt. Die Angabe können Sie auf Basis von Zeichen-, Absatz- oder Wortanzahl vornehmen.

Arbeiten Sie auf einen Termin hin und müssen den Text zu einem bestimmten Zeitpunkt abliefern müssen, kann es helfen, sich ein Tagesziel zu setzen, um Ihren Text am Ende rechtzeitig zu vollenden. Ein solches Tagesziel können zum Beispiel "2000 Wörter" oder "30 Minuten lang schreiben" sein. Hinterlegen Sie diese Angabe unter dem Reiter Allgemein in den Programmeinstellungen, zeigt Focuswriter am unteren Bildschirmrand an, wie nahe Sie ihrem Tagessoll schon sind (Abbildung 2, unten). Als zusätzliche Hilfe steht ein Timer zur Verfügung, den Sie über Werkzeuge | Wecker einstellen.

Designfrage

Die Arbeitsfläche von Focuswriter lässt sich über den Menüpunkt Einstellungen | Designs fast nach Belieben an die eigenen Vorlieben anpassen. Über Hinzufügen erstellen Sie dazu ein neues Aussehen und versehen es mit der gewünschten Hinter- und Vordergrundfarbe oder sogar einem Hintergrundbild (Abbildung 3). Auch die Schrift des Textes lässt sich den eigenen Wünschen anpassen.

Abbildung 3

Abbildung 3: Die minimalistische Oberfläche von Focuswriter lässt sich umfassend an den eigenen Geschmack anpassen.

Die Website http://blog.scrybr.com hält gut zwei Dutzend Focuswriter-Designs für fast jeden Geschmack bereit. Sie importieren die Vorlagen nach dem Entpacken über den Design-Dialog. Zwar wird diese inoffizielle Website nicht mehr gepflegt, und Focuswriter übernimmt beim Import die angebotenen Schriften auch nicht immer. Dennoch sind die hier angebotenen Hintergründe einen Blick wert.

Fazit

Focuswriter bietet eine höchst gelungene Umsetzung der Idee des ablenkungsfreien Schreibens. Damit positioniert sich das Tool als angenehme Hilfe nicht nur für Vielschreiber. Dank des verwendeten Standard-Formats ODT lassen sich die erstellten Texte im Nachhinein problemlos in OpenOffice weiter layouten. 

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