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Editorial 06/2013

13.05.2013

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

gerade hat das World Wide Web so etwas wie seinen 20. Geburtstag gefeiert: Am 30. April 1993 erteilte das CERN seinen Mitarbeitern Tim Berners-Lee und Robert Cailliau die offizielle Genehmigung, ihre intern bereits als Cernlib genutzte Libwww-Bibliothek als Public Domain kostenfrei zu verteilen. Damit begann der Siegeszug dessen, was wir heute als "das Internet" wahrnehmen.

Die Grundlage dieser Erfolgsgeschichte ist ein Prinzip, das man als Netzneutralität bezeichnet: Alle Daten im Netz sind auf dem Transportweg gleich zu behandeln, ohne Ansehen von Absender, Empfänger, Typ oder Inhalt. Nur das garantiert, dass ein simpler Anschluss genügt, um alle Daten im Netz auch wirklich unbehindert ansteuern zu können. Damit legt die Netzneutralität den Grundstein des freien, globalen Informationsflusses. Ohne sie hätte es weder eine weltumspannend kooperierende Open-Source-Gemeinde im Allgemeinen noch das freie Betriebssystem Linux im Besonderen je gegeben.

Zeitgleich mit dem WWW-Jubiläum hat die Telekom in unnachahmlicher Arroganz angekündigt, die Netzneutralität mal eben über Bord zu werfen. Allen "Neukunden" – und dazu zählen auch jene gut 10 Millionen Nutzer, die in den nächsten Jahren zwangsweise vertragstechnisch auf IP-Telefonie umgestellt werden – will man die Internet-"Flatrate" künftig auf Volumengrenzen limitieren, die im Zeitalter von Cloud und Multimedia-Streaming geradezu lachhaft wirken.

Rechnet man die angegebenen Werte mal spaßeshalber um, stellt sich heraus, dass nach Meinung der Telekom ein Anschlussinhaber seinen Zugang im Monat maximal 11 Stunden (täglich etwa 21 Minuten) tatsächlich voll nutzen darf. Überschreitet der Surfer diesen Wert, drosselt die Telekom auf 384 kbit/s – damit lässt sich nicht einmal mehr eine gängige Nachrichten-Website wie Spiegel-Online ohne Geruckel und Wartezeiten aufrufen.

Freilich gelten die Volumengrenzen nur, wenn man die Unverschämtheit besitzt, selbst ausgewählte Dienste auf der Leitung zu nutzen. Greift man zu den VoIP-, IP-TV- und Music-Streaming-Angeboten von Telekom und deren Geschäftspartnern, bleibt das betreffende Volumen "natürlich" aus der Rechnung. Damit verpasst die Telekom nicht nur dem einzelnen Nutzer, sondern der gesamten modernen Informationsgesellschaft eine schallende Ohrfeige und konterkariert den von der Politik zurecht für das 21. Jahrhundert als unverzichtbar betrachteten bundesweiten Breitbandausbau: Für 384 kbit/s braucht's den nun wirklich nicht.

Ich will Ihnen hier nun nicht ausmalen, was Flatrates à la Telekom samt Beschränkung auf "opportune" Dienste für Sie persönlich bedeuten würden, das können Sie sich selbst am besten ausrechnen. Ich sage: Warten wir nicht, ob und bis die Politik oder die Kartellbehörden eingreifen. Wer uns den Informationshahn zudreht, dem sollten wir den Geldhahn abdrehen. Genau das empfiehlt auch die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes: Stimmen Sie mit den Füßen ab, wechseln Sie als Telekom-Kunde den Anbieter. Jetzt – nicht erst, wenn es zu spät ist. Und klopfen Sie das Angebot des neuen Anbieters auf Netzneutralität ab. Gerade für uns Linux-Anwender ist die lebensnotwendig. 

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