© Medialinx AG

Flinker Winzling

Live-System Porteus als Allrounder im Alltag einsetzen

15.04.2013
Das Live-System Porteus erweist sich als ein flexibler Werkzeugkasten für viele Alltagsaufgaben. Ein einzigartiges Konzept erlaubt die problemlose Installation neben einem vorhandenen System.

Ende Februar erschien die Version 2.0 von Porteus [1], einem Fork von Slax [2]. Das wiederum basiert auf Slackware [3], der ältesten heute noch aktiv gepflegten Distribution. Slackware unterscheidet sich in Bezug auf Konzept, Konstruktion und Auswahl der Software deutlich von den heutigen Mainstream-Distributionen.

Sie erhalten Porteus in mehreren Varianten zum Download. Als Kernel kommt in jedem Fall die recht aktuelle Version 3.7.8 zum Einsatz. Die 32-Bit-Variante der Distribution setzt auf Razor-qt als Desktop, die 64-Bit-Version bringt KDE SC 4.9.5 sowie LXDE mit. Beide finden Sie auf den Datenträgern der DVD-Edition dieser Ausgabe. Daneben offeriert das Projekt auch noch eine Spielart mit XFCE 4.10 (Abbildung 1).

Die Entwickler haben Porteus primär als Live-System konzipiert. Dabei lässt sich ein Blockieren des optischen Laufwerks vermeiden, indem Sie das System beim Booten (Abbildung 2) über die Option Copy To RAMkomplett im Arbeitsspeicher ablegen. Dafür benötigt Porteus zwischen 320 (LXDE, 32 Bit) und 800 MByte RAM (KDE, 64 Bit). Das Verfahren beschleunigt als angenehmen Nebeneffekt den Start von Programmen erheblich.

Abbildung 1: Porteus unterstützt eine Reihe von Boot-Optionen. Als Bootloader kommt PloP zum Einsatz.

Daneben stehen im Bootscreen je nach Version die Desktops KDE, LXDE oder XFCE, ein Text-Modus sowie ein PXE-Server zur Auswahl. Bei Anwahl der Option Always Fresh löscht das neu gestartete System zunächst alle bei einer vorherigen Sitzung gespeicherten Daten. Der Punkt PloP BootManager startet einen alternativen Bootmanager [4], der viele Eigenschaften mit Grub teilt, daneben aber zusätzliche bereitstellt. Diverse Boot-Parameter [5] erlauben das gezielte Starten des Systems. Bei Einsatz von PloP erlaubt Ihnen der Bootmenü-Eintrag Boot from the first hd, direkt von der ersten Festplatte zu booten.

In der Praxis erweist sich Porteus als ein ausgesprochen schnelles System: Von der Bootauswahl bis zum Erscheinen des Desktops vergehen selbst auf älterer Hardware gerade einmal 25 Sekunden.

Live nutzen …

Live-Systeme verlieren beim Herunterfahren des Systems zwangsläufig die während der Arbeit angelegten Daten und Konfigurationen. Um das zu verhindern, bietet Porteus an, Änderungen als Overlay-Filesystem zu speichern und später erneut bereitzustellen. Eine Möglichkeit dazu bieten sogenannte Container, die Sie bei Bedarf sogar auf FAT- und NTFS-Datenträgern anlegen. Die dabei verwendete Datei save.dat geben Sie dann als Argument des Cheatcodes changes= an. Das Porteus-Forum enthält viele zusätzliche Informationen zu diesem Thema [6].

Die Art, wie Sie Porteus installieren, unterscheidet sich von der anderer Distributionen: Das gesamte System liegt im Verzeichnis /porteus. Diese Methode erlaubt es, Systeme ohne Partitionieren anzulegen und wieder zu entfernen. Zudem eröffnet es die Möglichkeit, mehrere Varianten nebeneinander zu installieren. Im Unterschied zu Ubuntu legt Porteus einen Root-Account an, in den Sie mit dem Passwort toor wechseln. Als Anwender verwenden Sie zunächst das Benutzerkonto guest mit identischem Passwort.

… oder fest einrichten

Beim Einrichten von Porteus auf der Festplatte installieren Sie entweder den Bootmanager PloP gleich mit oder nutzen einen bereits vorhandenen Grub. In letzterem Fall bietet es sich an, das Skript zum Finden von bootfähigen Installationen zu erweitern [7]. Dabei treten allerdings mitunter Probleme auf [8] – der in Listing 1 gezeigte Eintrag in /etc/grub.d/40_custom funktionierte im Test unter unter Ubuntu 12.04. Die vom Installer angebotene Möglichkeit, den Bootloader nachträglich mit Porteus-installer-for-Linux.com einzurichten, führt dagegen zur Installation von PloP im MBR.

Listing 1

#! /bin/sh -e
echo "Adding PORTEUS v2.0 entry" >&2
cat << EOF
menuentry "PORTEUS v2.0" {
set root='(hd0,msdosPartitionsnummer)'
linux /boot/syslinux/vmlinuz
initrd /boot/syslinux/initrd.xz
}
EOF

Module und Bundles

Wie alle Distributionen kennt auch Porteus ein Paketsystem und Repositories [9]. Pakete heißen hier allerdings "Module" oder "Bundles". Sie funktionieren im Prinzip genau wie bei anderen Distributionen, im Detail zeigen sich aber einige deutliche Unterschiede. Porteus nutzt ein eigenes Paketsystem mit dem speziellen XZM-Format. Das erfordert es, Archive aus anderen Repositories zunächst zu konvertieren.

Als Paketquellen stehen neben denen von Slackware und Slax noch weitere bereit. Selbst der Einsatz von Debian-Paketen wäre theoretisch unter Porteus möglich, in der Praxis erweist sich das aber als nicht ganz einfach: So traten im Test dabei mehrfach Probleme auf, die dazu führten, dass sich größere Programme (Emacs, Luminance, Darktable) nur mit massiven manuellen Nacharbeiten nutzen ließen.

Das Modulkonzept bietet einige bei anderen Distributionen nicht vorhandene Möglichkeiten: Es verbindet Features von Live-Systemen mit denen einer festen Installation. Mit einem Doppelklick auf ein Modul im Dateimanager aktiviert dieser das Modul. Das funktioniert beispielsweise mit Konqueror, Thunar, Dolphin und PCmanFM. Die Programme landen nach einmaligem Download virtuell im Dateisystem. Auf die gleiche Weise entfernen Sie sie wieder.

Der ganze Vorgang dauert oft nur Sekundenbruchteile, die heruntergeladenen Module speichert Porteus nach Möglichkeit dauerhaft für einen erneuten Einsatz. Beim Aktivieren bindet Porteus das Modul transparent ein. Auf diese Weise bleibt das Grundsystem immer sehr schlank – was die Suche entlang von $PATH beschleunigt.

Software-Ausstattung

Eine Reihe spezieller Tools dienen zum Verwalten des Systems: Das Porteus Settings Centre fasst die wichtigsten zusammen (Abbildung 2). Sie haben hier die Möglichkeit, das System an eine Landessprache anzupassen, die Hardware zu konfigurieren (Monitor, Soundkarte, Drucker), eine Firewall einzurichten, Porteus-spezifische Einstellungen vorzunehmen oder das System auf anderen Datenträgern zu installieren.

Abbildung 2: Zum Verwalten des Systems setzt das Porteus-Projekt auf eigene Entwicklungen.

Natürlich steht bei den geringen Größen der ISO-Images kein komplett ausgestattetes Linux-System mit LibreOffice und Gimp bereit. Tatsächlich sind nur sehr wenige Anwendungen aktiviert – dazu gehören aber ein Mediaplayer und Anzeigeprogramme für Bilder – alles andere fügen Sie über das Modulsystem nachträglich hinzu. Für diese Aufgabe steht der Porteus Package Manager bereit. Seine Aufgabe liegt darin, Pakete in den verschiedenen Repositories zu finden, sie bei Bedarf zu konvertieren und zu aktivieren. In manchen Fällen funktioniert das problemlos, allerdings bei weitem nicht immer.

Porteus eignet sich aufgrund der modularen Struktur als Baukasten für verschiedene Aufgaben. Die Arbeit im Terminal ist dabei natürlich meistens die erste Wahl. Zahlreiche Alias-Konstrukte und Porteus-spezifische Skripte helfen bei häufig auftretenden Aufgaben: chkbase.sh überprüft die Komponenten des Systems, save-changes erzeugt ein Modul aus den vorgenommenen Änderungen, update_module aktualisiert die Module.

Porteus unterstützt darüber hinaus das Erzeugen eigener Versionen der Distribution. Sie finden dazu ein Shell-Skript mit dem Namen make_iso.sh im Ordner /porteus. Es generiert ISO-Images mit dem momentanen Zustand des Systems, berücksichtigt also die derzeit aktivierten Module.

Fazit

Porteus sticht aus der Masse der kleinen Live-Systeme schon allein wegen des hohen Arbeitstempos hervor. Besonders positiv fallen auch das simple Setup sowie die einfache Erweiterungsmöglichkeiten auf. Als Beiwerk erweist sich Porteus also als ideal, da es keine eigene Partition benötigt.

Allerdings machen es die teilweise ungewöhnlichen Konzepte und Methoden der Distribution erforderlich, viel Neues zu lernen und ausprobieren. Die selbst gestrickten Tools überzeugen nicht in allen Fällen; oft war im Test manuell Nacharbeit nötig. Besonders der Paketmanager als zentrale Applikation ließ deutlich zu wünschen übrig. Vor allen Dingen bei neuester Software fährt man oft besser damit, diese selbst zu kompilieren. 

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 3 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Related content

Kommentare