Editorial 05/2013

Restricted Boot

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

UEFI Secure Boot und kein Ende: Jetzt hat die größte spanische Linux-Anwender-Vereinigung Hispalinux – sie vertritt rund 8000 Mitglieder – bei der EU-Kommission diesbezüglich eine Beschwerde gegen Microsoft eingereicht (siehe Aktuelles ab S. 16). In der 14-seitigen Eingabe wirft der Hispalinux-Vorsitzende, der Rechtsanwalt Jose Maria Lancho, Microsoft vor, deren Secure-Boot-Implementation sei faktisch ein technisches Gefängnis für Betriebssysteme. Es behindere das Booten anderer Betriebssysteme und damit den Wettbewerb, womit es nicht nur den Benutzern schade, sondern auch der europäischen Software-Industrie.

Die Beschwerde dürfte wenig Aussicht auf Erfolg haben. Wie aus einer unabhängig von der Beschwerde schon vorher ergangenen Auskunft des EU-Wettbewerbskommissars Joaquín Almunia an das Europäische Parlament hervorgeht, beobachtet die EU-Kommission schon seit längerem die Implementierung von Microsofts Sicherheitsanforderungen in Windows 8 genauestens. Man habe dabei keinerlei Hinweise darauf gefunden, dass Redmonds Praktiken irgendwelche EU-Richtlinie oder Gesetze verletzen. Tatsächlich hat Microsoft in seinen Zertifizierungsvorgaben alles getan, um Windows-8-PCs trotz Secure Boot auch für andere Betriebssystem offen zu halten. Wo es trotzdem klemmt, erweist sich als Ursache der Schwierigkeiten immer wieder eine schlampige Implementation durch die Hersteller der UEFI-Firmware, der Hardware oder beides.

Ist also alles im grünen Bereich? Mitnichten, denn die Hispalinux-Beschwerde geht nicht nur am Ziel vorbei, sondern trägt alle Züge eines bereits verlorenen Rückzugsgefechts. Während Microsoft auf dem PC widerwillig noch andere Betriebssysteme neben Windows duldet, darf der Benutzer eines Windows-RT-Tablets oder Windows-Phones nur das booten, was Redmond erlaubt. Noch schlimmer: Auf Smartphones und Tablets quer über alle Hersteller hinweg und von Android über iOS bis Windows RT ist das längst die Regel statt einer Ausnahme. Obwohl diese Geräte zahlenmäßig den PC mittlerweile verdrängt haben und zum Alltagsumfeld praktisch jeden Europäers gehören, stört das offenbar niemand, geschweige denn, dass sich ein EU-Wettbewerbshüter darum scheren würde.

Das Gefährlichste an dieser Form der Restriktion: Weil sie inzwischen so alltäglich ist, haben sich mittlerweile viele Benutzer schlicht daran gewöhnt und bemerken gar nicht, wenn ein Anbieter die Daumenschrauben noch weiter anzieht. Das etwa Apple willkürlich auch die Inhalte zensiert, die auf den Geräten angezeigt werden dürfen, scheint inzwischen schon niemanden mehr zu interessieren. Hier geht es aber nicht mehr bloß um Wettbewerb, hier geht es um das freie Spiel der Meinungen. Vom Restricted Boot führt der Weg direkt zum Restricted Content – und daran sollten wir uns weder gewöhnen noch es zulassen. 

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