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Durchstarten

Arch-Abkömmling Chakra mit KDE 4.10

19.03.2013 Chakra Linux verbindet ein topaktuelles KDE 4.10 mit einem wieselflinken Unterbau auf Basis von Arch Linux.

Das Chakra-Projekt [1] entstand ursprünglich mit dem Ziel, eine auf Arch Linux basierende Live-CD mit KDE zu erstellen. Erst im späteren Verlauf der Entwicklung koppelte sich das System ab, um der Distribution mehr Eigenständigkeit zu verleihen.

Chakra gehört – wie Arch Linux – zu den Rolling-Release-Systemen, sodass es zwangsläufig häufiger Updates gibt. Allerdings frieren die Entwickler den Zustand einiger Kernkomponenten ein. Der Zyklus für die größeren Neuerungen orientiert sich dabei im Wesentlichen an KDE. So war Chakra Linux 2013.02 die bis Redaktionsschluss erste und einzige Distribution mit KDE SC 4.10. Einen Artikel zur aktuellen KDE-Version finden Sie in der Rubrik "Praxis" in dieser Ausgabe.

Das international strukturierte Chakra-Team [2] zeigt sich sehr professionell organisiert. Gemäß dem KISS-Prinzip wollen die Entwickler möglichst einfache Lösungen beim Unterbau ohne zusätzliche Zwischenschichten mit einer optisch ansprechenden Oberfläche kombinieren.

Die Distribution zeichnet sich durch eine Reihe selbst entwickelter Werkzeuge aus, wie etwa den Installer Tribe. Die Entwickler verwendet als Codenamen für die Versionen traditionell die Namen bedeutender Erfinder, wie "Carl Benz" bei der jetzt veröffentlichten Version 2013.02 [3].

Grundlagen

Sie finden die aktuelle Version der Distribution auf der Heft-DVD der Media-Ausgabe. Alternativ laden Sie das System in Form eines ISO-Images von der Homepage [4] herunter. Seit einiger Zeit stellt das Team keine Abbilder mehr für die i686-Architektur bereit und unterstützt ausschließlich 64-Bit-Systeme. Ergänzende Informationen finden Sie im recht umfangreichen Wiki [5], darunter ein in Deutsch verfasstes Handbuch für Einsteiger  [6], das Sie alternativ mit einem Klick auf Beginners Guide im Welcome-Widget aufrufen.

Neben KDE SC 4.10 besteht eine der wichtigsten Neuerungen von Chakra 2013.02 im aktuellen Kernel 3.7.6. Dank der darin bereits enthaltenen Anpassungen beschädigt eine Parallelinstallation mit Windows 8 im Secure-Boot-Modus von UEFI die Firmware von Samsung-Notebooks nicht. Ferner bietet Chakra Linux 2013.02 die Version 9.0.2 der 3D-Grafikbibliothek Mesa samt neuester Nvidia- und Catalyst-Treiber.

Die übrigen Aktualisierungen betreffen überwiegend Pakete, wie den Network-Manager (0.9.6.4) oder Virtuoso (6.1.6). Was Fedora und OpenSuse erst für die jeweils kommenden Versionen vorsehen, ist in Chakra 2013.02 bereits umgesetzt: So liefern die Entwickler MariaDB statt MySQL als Standard-Datenbank aus, als Webbrowser kommt Rekonq zum Einsatz. Firefox 18.0.2 und Chromium 24.0.1312.68 stehen aber als "Bundles" bereit.

Installation

Chakra ist als Live-Medium konzipiert und verwendet jetzt Gfxboot, sodass im Live-Betrieb mehr Optionen für Spracheinstellungen und Tastaturlayout bereit stehen. Der Festplatten-Installer Tribe beruht größtenteils auf der Arbeit von Lukas Appelhans [7] aus Arnsberg. Er lässt sich unmittelbar nach dem Booten der Live-DVD per Desktop-Icon Install Chakra aufrufen. Die Integration des 3D-Globus Marble in der Tribe-Installer zur Auswahl der Zeitzone trägt zur Optik der Software bei (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Entwickler Lukas Appelhans hat den 3D-Globus Marble in den Tribe-Installer integriert.

Optisch ansprechend fällt auch der Tribe-Dialog zum Anlegen eines Benutzers sowie für das Passwort des Systembenutzers aus. Die Idee, beide in einem Dialog zusammenzufassen, gefällt, weil beide Schritte miteinander im Zusammenhang stehen. Wenn Sie unterhalb der Daten des Benutzers Select to use the above password as the Administrator password aktivieren, entfällt die Eingabe eines eigenen Root-Passworts. Möchten Sie dagegen einen separaten Root-Account, geben Sie das Passwort an dieser Stelle ein – Chakra verhält sich dann wie OpenSuse oder Fedora. Wahlweise lässt sich hier auch ein automatisches Login für den angelegten Benutzer aktivieren.

Tribe ist zwar überaus hübsch, aber nach wie vor unfertig. So zeigt das Tool bei kleinen Auflösungen (1024x768) nicht alle erforderlichen Informationen an, etwa im Partitionierungsmodul (Abbildung 2). Erfahrene Linux-Nutzer benötigen Informationen dieser Art zwar nicht unbedingt, Einsteiger lässt Tribe aber an dieser Stelle im Regen stehen – zumal der Installer sich um die eigentliche Partitionierung gar nicht kümmert, sondern diese an den KDE-Partition-Manager auslagert.

Abbildung 2

Abbildung 2: In Tribe stören kleinere Design-Fehler.

Der KDE-Partition-Manager bietet erfahrenen Linux-Nutzern zwar viel Flexibilität, ermöglicht aber ebenso wenig wie Tribe selbst ein automatisches Partitionieren und stellt keine fortgeschrittenen Möglichkeiten bereit, etwa für KVM oder RAID. Immerhin kommt Tribe mit GPT zurecht.

In Chakra 2013.02 steht noch immer kein grafisches Werkzeug zum Verwalten der Pakete bereit. Entwickler Lukas Appelhans arbeitet allerdings seit geraumer Zeit an einem entsprechenden Tool namens Akabei. Der neue Paketmanager enthält zwar inzwischen alle geplanten Funktionen (siehe Kasten "Akabei"), aber vor der endgültigen Freigabe bedarf es noch einiger Tests.

Akabei

Lukas Appelhans arbeitet bei Chakra maßgeblich am Installer Tribe und dem künftigen Pacman-Frontend Akabei. Dessen Stand kennzeichnete Appelhans noch bei Chakra "Archimedes" als frühe Alpha. Inzwischen ist Akabei aber deutlich weiter, wie eine Nachfrage ergab. Offenbar sind inzwischen fast alle für die erste stabile Version geplanten Funktionen implementiert.

Derzeit fehlen nur noch Kleinigkeiten wie eine bessere Fehlerbehandlung. Außerdem kam gegenüber der ersten Alpha-Version die PolicyKit-Integration hinzu, das Download-Backend stellte Appelhans von Wget auf Libcurl um. Ursprünglich war zu Weihnachten 2012 eine zweite Akabei-Alpha-Version geplant, die bislang aber noch nicht erschienen ist, weil das Team noch eine Reihe von Fehlern behob.

Daher ist das Tool noch nicht in Chakra 2013.02 enthalten. Sie haben aber die Möglichkeit, eine Reihe von Programmen, wie Firefox, Chromium, Gimp, Filezilla oder den Skype-Client für Linux, über sogenannte Bundles [8] nachträglich zu installieren. Dazu klicken Sie im KDE-Menü auf den Eintrag Bundle Manager in den Favoriten (Abbildung 3). Ein Klick auf Installed Packages liefert eine Liste der installierten Pakete im per Default auf dem Desktop platzierten Widget Welcome Chakra Settings.

Abbildung 3

Abbildung 3: Über so genannte Bundles installieren Sie komfortabel Nicht-KDE-Programme nach.

Calligra oder LibreOffice

Als auf KDE fokussierte Distribution verwendet Chakra als Office-Paket die Calligra-Suite in der aktuellen Version 2.6.0 – sicher nicht für jeden Anwender die beste Lösung. Allerdings gefällt gegenüber LibreOffice und OpenOffice die deutlich bessere KDE-Integration.

Dieser Umstand macht das Paket schlanker als LibreOffice mit seinen komplexen Abhängigkeiten von und zu Java oder Python. Gegenüber den Versionen 2.5 und 2.4 hat die KDE-Office-Suite zwar deutlich an Stabilität gewonnen, empfiehlt sich aber noch immer nicht für große Projekte [9].

Fazit

Chakra konzentriert sich im Gegensatz zu Arch Linux ganz und gar auf KDE und versucht zudem seit geraumer Zeit, mit eigenen grafischen Tools auch Einsteiger zu erreichen. Derzeit befindet es sich in einer Art Schwebe, weil der grafischen Paketmanager nicht fertig ist und der optisch gelungene Installer noch Defizite aufweist. Das liegt nicht nur an begrenzter Manpower, sondern an Entscheidungen im Upstream bei Arch Linux.

Derzeit gibt es aber keine aktuellere KDE-Distribution, und die Geschwindigkeit des Systems beeindruckt, sogar im Live-Betrieb. Wer ohne Wenn und Aber KDE will, der liegt mit Chakra genau richtig. Das gut bestückte Wiki sowie die freundliche Community helfen Einsteigern, die Wartezeit bis zur Fertigstellung von Akabei zu überbrücken. 

Kleine Chakra-Historie

Die Geburtsstunde von Chakra geht auf KDEmod [10] zurück, ein Projekt zum Erstellen von KDE-Paketen für Arch Linux. Während Arch Linux seinerzeit nur die kompletten KDE-Module bereit stellte, gelang das mit KDEmod für einzelne Programme. Als der Mailänder Entwickler Dario Freddi und später Lukas Appelhans das Pacman-Frontend Shaman für Arch entwickelten, sah der heutige Chakra-Projektleiter Jan Mette das als den richtigen Anlass für eine eigene, auf KDE basierenden Live-CD auf Basis von Arch Linux [11].

Das Frontend Shaman basierte wie Pacman selbst auf der Bibliothek Libalpm und funktionierte zwar seinerzeit recht gut, musste aber wegen der direkten Abhängigkeit von der Bibliothek mit Admin-Rechten laufen. Um das Problem zu beheben, schreib Dario Freddi die Bibliothek Aqpm, einen Qt-Wrapper, der teilweise sogar bereits PolicyKit-Integration bot und mit dessen Hilfe sich Shaman als normaler Nutzer ausführen ließ.

Allerdings lief Aqpm nie richtig stabil. Die auf Plugins basierende Weiterentwicklung Shaman 2 bringt Backends für PackageKit und Apt mit, setzt derzeit aber immer noch auf dem nicht stabil funktionierenden Aqpm auf. Weitere Arbeiten am Projekt liegen daher auf Eis, bis die für Chakra vollständig neu entwickelte und von Pacman unabhängige Paketverwaltung Akabei fertig ist.

Zwar kam bis Chakra 2012.07 zwischenzeitlich Appset-qt als Frontend für Pacman zum Einsatz, allerdings konnte die Software nicht mit komplexen Updates umgehen und verschwand daher wieder in der Versenkung. Zur Zeit steht Chakra daher ohne grafischen Paketmanager dar und verweist zum Installieren zusätzlicher Software auf die Kommandozeile oder auf die vom Team bereit gestellten Bundles.

Zum damaligen Kern-Entwicklerteam gehörte neben Freddi und Appelhans übrigens auch Phil Miller [13], der häufig als Initiator des Chakra-Projektes genannt wird. Miller hat das Projekt im Frühjahr 2012 verlassen, um beim ebenfalls auf Arch Linux basierenden Manjaro Linux [14] mitzuarbeiten.

Glossar

KISS-Prinzip

Keep it simple, stupid. Die laxe Aufforderung, eine Sache, in diesem Kontext Software, so einfach wie möglich zu gestalten. Das gewährleistet ein leichtes Warten und einen reibungslosen Einsatz.

GPT

GUID Partition Table. Standard, um Partitionen auf einem Datenträger über eine global eindeutige ID anzusprechen. Es handelt sich um einen Nachfolger der Tabellen im Master Boot Record.

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