Canonical hat mit seinem Ubuntu eine der erfolgreichsten Linux-Distributionen für Endanwender auf dem Desktop oder Notebook im Portfolio. Dank des halbjährlichen Release-Zyklus bietet das Unternehmen eine stets aktuelle Distribution, die obendrein als einfach zu installieren und zu konfigurieren gilt. Nun möchte sich das Unternehmen mit "Ubuntu on Smartphones" auch auf Mobiltelefonen ausbreiten. Wir haben uns das Ubuntu-Phone auf der CES 2013 in Las Vegas genauer angesehen.

Hardware

Canonical demonstriert seinen neuesten Wurf auf einem handelsüblichen Galaxy Nexus von Samsung, das einen mit 1 GHz getakteten Dual-Core-Prozessor besitzt. Diese Geräteklasse mit einem Cortex A9 und mehr als 512 MByte RAM nennt Canonical als untere Grenze der Hardware-Ausstattung. Erst Smartphones mit Quad-Core-CPUs und mehr als 1 GByte RAM stellen genug Power bereit, um Ubuntu auch auf einem großen Display flüssig laufen zu lassen.

In der Präsentation zeigt sich das Nexus durch Ubuntu denn auch ein wenig überfordert: Von den unter Android gewohnten flüssigen Animationen und Übergängen ist auf dem Ubuntu-Nexus nicht mehr viel zu sehen. Mika Meskanen aus dem Design-Team von Canonical begründet dieses träge Verhalten mit dem nicht mehr aktuellen Code-Stand der Software. Aktuelle Builds würden deutlich flüssiger laufen, hätten es aber nicht mehr durch die Qualitätskontrolle vor der Messe geschafft.

Schick oder Schock?

Das Look & Feel des Systems erinnert stark an die von Canonical in Eigenregie entwickelte Desktop-Umgebung Unity – was wenig verwundert, weil "Ubuntu on Smartphones" auf die selbe Code-Basis zurückgreift. Unter der Haube ist Canonicals mobiler Ableger dem Android-System näher als man denkt: Beide Systeme verwenden den selben Kernel.

Nach dem Start des Smartphones zeigt es zunächst einen "Welcome Screen" genannten Bildschirm. Es kennt keinen Lockscreen (Abbildung 1) wie Android oder iOS, sondern wird über Wischgesten von jeder Bildschirmkante aus entsperrt. Je nach Kante öffnet man eine Sidebar mit den wichtigsten Apps, die Einstellungen oder wechselt zwischen laufenden Anwendungen.

Auf der linken Seite platziert Ubuntu die Launcher genannte Seitenleiste (Abbildung 2). Hier legen Sie häufig genutzte Apps zum schnellen Start ab, zudem erscheinen die gerade laufenden Anwendungen hier als Icons. Die Seitenleiste aktivieren Sie mit einem Wisch vom Bildschirmrand. Zwischen den laufenden Apps wechseln Sie einfach durch Wischen nach links respektive rechts hin und her.

Ein Wisch von unterhalb des Displays nach oben blendet im ansonsten Button-freien Display die Menüleiste ein. Im Gegensatz zum Android-System kommt "Ubuntu on Smartphones" daher ohne virtuelle Buttons aus. Daher bietet es noch mehr Platz auf dem Display für Inhalte.

Die vom Desktop bekannten sogenannten Linsen auf den Homescreens kommen auch hier zum Einsatz. Unity führt dort verschiedene Informationen zusammen, die es damit übersichtlich darstellt. Es gibt Linsen für die installierten Apps, für Bilder oder Videos und für die Kontakte.

Neben den Kontakten zeigen die Linsen die lokal vorhandenen Mediendateien an, führen aber auch – über eine Suche – zu Musik, Büchern oder Videos, die verschiedene Online-Anbieter zum Kauf bereitstellen. Die App-Übersicht enthält alle installierten Apps sowie solche, die im Ubuntu-Software-Center zur Installation bereitstehen. Letzteres arbeitet ähnlich wie der Google Play Store, und versieht Apps mit einer kurzen Beschreibung sowie einer Benotung der User-Community. Ein paar Klicks später landet eine zur Installation vorgemerkte App dann auf dem Gerät.

Apps

Die App-Welt auf dem Ubuntu-Smartphone bleibt entsprechend des noch sehr frühen Entwicklungsstadiums des Systems entsprechend überschaubar. Aktuell ist die einzige native App (also extra für das System entwickelt) die von Canonical vorinstallierte Galerie. Sie soll als Demo zeigen, was Ubuntu-Handy-Apps alles leisten.

Ergänzt wird die Anwendungsauswahl durch HTML5-Web-Apps, die wie ein normales Programm auf dem Handy laufen. Twitter, Facebook oder GMail stehen damit auch jetzt schon zum Einsatz bereit. Die Web-Apps integriert Ubuntu wie eine native Anwendung im System: Sie bekommen ein Icon im Anwendungsmenü und haben Zugriff auf System-Routinen, etwa die Benachrichtigungen bei Events.

Für externe Entwickler bietet Canonical ein Ubuntu QML Toolkit an, das es erlaubt, native Apps zu erstellen. Interessierte Entwickler mit Kenntnissen in QML und Qt haben somit einen Startvorteil.

Ubuntu überall

Mit seinen neusten Entwicklungen möchte Canonical nicht nur das Smartphone erobern, sondern auf sämtlichen digitalen Geräten präsent sein. Das Unternehmen sieht für "Ubuntu on Smartphones" auch den Einsatz auf Tablets vor. Unity läuft als "Ubuntu-TV" auch auf Fernsehern, die Sie nur mit der Fernbedienung steuern. Laptops und Desktops gelten ja sowieso als Domäne von Ubuntu. Es ist allerdings das Handy, das Canonical derzeit in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt.

Moderne Smartphones wie das Samsung Galaxy S III besitzen mit ihren Vier-Kern-CPUs ausreichend Rechenpower, um auch ein großes Display anzusteuern. Das Ubuntu-Phone lässt sich daher via HDMI mit einem Bildschirm verbinden, auf dem dann die vom PC bekannte Unity-Oberfläche erscheint. Auf dem Handy selbst muss dabei nicht zwingend die Ubuntu-Instanz laufen – wie in Abbildung 3 zu sehen, kann dies auch unter Android geschehen.

Fazit

Bis Canonicals "Ubuntu on Smartphones" eine ernsthafte Rolle beim Reigen um die Gunst des Kunden spielt, gilt es noch einige Hürden zu nehmen, nicht zuletzt die geringe Auswahl an Apps. Nach eigenen Angaben arbeitet das Unternehmen jedoch mit Partnern auch aus der Spielebranche zusammen, um in Zukunft mehr native Anwendung anzubieten. Das frei verfügbare SDK wird zudem Entwickler aus der Open-Source-Szene interessieren.

Fraglich bleibt, ob Canonical gut daran tut, extrem auf Gesten zu setzen. Die schaffen zwar Platz auf dem Touchscreen, indem sie Bedienelemente überflüssig machen, jedoch lassen sich Gesten nicht so einfach entdecken: Sie muss man vorab erlernen, um das Gerät flüssig bedienen zu können. Dies steht in deutlichem Widerspruch zur erfolgreichen Bedienphilosophie von Android und iOS. 

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 2 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Dieses Heft als PDF kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare