AA_flowers_greenbay_sxc_1396667.jpg

© Greeenbay, sxc.hu

Vereinzelte Blüten

Stärken und Schwächen des kommenden Calligra 2.6

28.02.2013
Die neue Version des Software-Pakets Calligra steht vor der Tür. Ein Test zeigt, dass auf die Entwickler noch viel Arbeit wartet.

Im April 2012 erschien mit der Version 2.4 das erste Release von Calligra, nachdem sich das Projekt von KOffice abgespaltet hatte [1]. Nun steht die etwas verspätete Veröffentlichung der Version 2.6 ins Haus, die mit einigen Neuerungen aufwartet. Wie LibreOffice positioniert sich Calligra als vollständiges Office-Paket, das sich jedoch dank der Qt-Basis ausgezeichnet für den Einsatz unter KDE eignet. Typische Tastenkürzel, gewohnte Dialoge sowie eine allgemein gute Integration erleichtern den Umgang mit den Modulen.

Mit der Version 2.6 erhält Calligra-Suite (siehe Tabelle "Calligra: Komponenten im Überblick") bereits das zweites größere Update nach der ersten Version 2.4. Das nährte die Hoffnung, dass das Release runder und stabiler läuft als die vorherigen Versionen: In der Version 2.5 zeichnete sich insbesondere die Textverarbeitung Words nicht durch die notwendige Reife aus [2].

Um nachzuprüfen, ob Calligra 2.6 in dieser Hinsicht Besserung verspricht, haben wir dessen aktuellste Vorabversion – den Release Candidate 3 (RC3) mit der Versionsnummer 2.5.94 – näher unter die Lupe genommen.

Calligra: Komponenten im Überblick

Komponente Funktion
Words rahmenorientierte Textverarbeitung
Sheets klassische Tabellenkalkulation
Stage Präsentationen
Kexi Datenbankmodul
Flow Diagramme und Flowcharts zeichnen
Karbon Verktorgrafiken zeichen
Plan Projekte verwalten
Author E-Books erstellen und publizieren
Krita Illustrationen erstellen
Active Tablet-Applikation

Author und Words

Eine der wichtigsten Neuerungen der Version 2.6 stellt ein neues Mitglied der Calligra-Familie namens Author dar. Es unterstützt Autoren beim Schreiben und Veröffentlichen von elektronischen Büchern. Dabei richtet es sich insbesondere an jene, die einen Roman schreiben wollen oder solche, die auf die digitalen Stärken von E-Books setzen und Multimedia-Daten einbinden wollen.

Wie vom Projektteam bereits beim Release der Author-Alpha angekündigt, ähnelt das Modul in der ersten Version sehr stark der Textverarbeitung Words [3]. Die Funktionen zum Formatieren und für das Layout auf der rechten Seite des Fensters (Abbildung 1) erweisen sich als fast identisch mit jenen von Words.

Abbildung 1: Author unterscheidet sich aufgrund des Forks aus Words optisch fast überhaupt nicht von der Textverarbeitung.

Unter der Haube verbesserten die Entwickler unter anderem die Statistiken zum Text, also die Funktionen zum Zählen der Wörter und Zeichen (Abbildung 2). Speziell für Author entwickelten sie neue Optionen zum Export in die E-Book-Formate EPUB und Mobi, die nun auch in Words bereitstehen.

Abbildung 2: Die Statistikfunktionen zum Text fallen in der aktuellen Version von Words auführlicher aus.

Bei Bedarf exportieren Sie Ihre Texte über File |Export in eines der Formate. Im Dialog für den Export wählen Sie unter Filter je nach Wunsch Mobipocket e-book oder electronic book document aus.

In Tests ließen sich größere Dokumente aus dem ODT-Format problemlos in beide Formate exportiert. Allerdings klappte die Anzeige der Resultate nicht in jedem Fall: Einige Bilder zeigte der Reader nicht an, Listen erhielten direkt nach dem Symbol für einen Eintrag einen Umbruch (Abbildung 3).

Abbildung 3: Beim Export ins EPUB-Format traten im Test zahlreiche Probleme bei der Integration von Bildern auf.

Wesentlich bessere Ergebnisse ließen sich unter LibreOffice mit der Erweiterung Writer2Epub [4] erzielen (Abbildung 4). Da beide mobile Formate gegenüber einem gedruckten Dokument Lücken in Bezug auf die unterstützten Elemente aufweisen, wäre ein Assistent sinnvoll, der dabei hilft, den Text so zu optimieren, dass er in beiden Format keine Probleme bereitet. Derzeit gilt es hier, auszuprobieren und selbst im Internet zu recherchieren.

Abbildung 4: LibreOffice und ein entsprechendes Addon lieferten bessere Ergebnisse beim Konvertieren in das EPUB-Format.

Stärken …

Wie für Calligra-Anwendungen typisch versteckt Author seine Funktionen nicht in tiefen Menüstrukturen, sondern macht sie durch die Positionierung am rechten Rand des Fensters leicht zugänglich.

Zur besseren Übersicht haben die Entwickler alle Funktionen in sinnvolle Einheiten gruppiert, die sogenannten Dockers. Bei Bedarf lösen Sie die einzelnen Bereiche durch einen Klick auf das kleine Symbol mit der Raute aus der Seitenleiste heraus und ordnen sie beliebig auf dem Bildschirm an. Gerade bei Widescreen-Bildschirmen erweist sich diese Fensteraufteilung als ideal, weil Sie so den gesamten Bildschirm ausnutzen können.

Im Gegensatz zum altbackenen LibreOffice mit seinem an MS Word 2003 gemahnenden Interface sowie zu den bei gestandenen Anwendern oft unbeliebten Ribbons aus dem Office-Paket von Microsoft bringt der Ansatz von Calligra eine willkommene Abwechslung in den Büroalltag.

Beim Test der Version 2.5 traten insbesondere beim Einfügen und Ändern des Textflusses um Grafiken in Words Abstürze auf. In Calligra 2.6 dagegen machen diese Funktionen einen stabilen Eindruck. Sowohl bei einem neu in Words erstellten Dokument wie bei einem alten OpenOffice-Dokument mit über hundert Seiten und vielen verlief das ausgiebige Einfügen und Anpassen der Bilder ohne einen einzigen Absturz.

Grafiken fügen Sie ein, indem Sie über den Docker Add Shape bei gedrückter linker Maustaste den Button Image an die für das Bild gewünschte Position ziehen. Daraufhin öffnet sich ein Dialog zum Einfügen der Datei. Nach dem Integrieren der Grafik rufen Sie bei Bedarf über die rechte Maustaste deren Eigenschaften auf und passen den Textfluss sowie die Position oder den Ankerpunkt der Grafik im Text an. Die Auswahl der möglichen Formate beschränkt sich zwar auf PNG, JPG und GIF, doch dürfte das die meisten Situationen im Alltag abdecken.

… und Schwächen

Trotz der verbesserten Stabilität traten in den Tests mehrere Abstürze beim Öffnen und Speichern großer Dokumente auf, die aus LibreOffice stammten. In einem Fall ließ sich unter Author und Words ein Dokument mit 170 Seiten und 70 Grafiken nicht erfolgreich öffnen. Bei der getesteten Version handelte es sich zwar wie angemerkt "nur" um den RC3. Allerdings sollte eine zentrale Funktion in diesem Stadium schon mehr Stabilität aufweisen. Eine Migration von alten Dokumenten aus LibreOffice empfiehlt sich daher voraussichtlich nur bedingt.

Beim Bearbeiten längerer Dokumenten, die direkt aus Words stammen, erweist sich die Software allerdings ebenfalls nur als bedingt tauglich: So leidet die Performance bei Dokumenten mit mehreren hundert Seiten merklich. Das Scrollen fällt schwer, und das Bearbeiten von Text in Kopfzeilen ging im Test nur zäh von der Hand. Ebenfalls überraschend war der Absturz beim Einfügen eines Inhaltsverzeichnisses für ein Dokument mit lediglich zwanzig Seiten und sechs Überschriften.

Ganz nach Plan

Neben den üblichen Anwendungen bietet Calligra mit Plan ein Werkzeug für die Projektplanung an (Abbildung 5). Das erfuhr mit der Version 2.6 vor allem unter der Haube Verbesserungen. Neben einer vereinfachten Routine zum Erstellen eines Projekts und kleinen Anpassungen beim Bedienkonzept haben die Entwickler die Informationen im Zeitplan modifiziert und dessen Granularität optimiert.

Abbildung 5: Mit Plan verwalten Sie Projekte mit mehreren Ressourcen.

Plan unterstützt mehrere Ressourcen und eignet sich laut Eigendarstellung für mittelgroße Projekte. Abhängig von den Rahmenbedingungen, wie den zur Verfügung stehenden Ressourcen und den Terminen für Start und Ende des Projekts errechnet Plan einen Zeitplan. Unter Berücksichtigung des aktuellen Status passt die Software diesen im Nachhinein bei Bedarf an.

Die Funktionen von Plan gliedern sich über die Ansichten. Diese erreichen Sie über die Schaltflächen auf der linken Seite des Fensters. Die Planung beginnen Sie jedoch, indem Sie nach dem Start der Applikation in der Schalterleiste auf Edit Main Project klicken und im folgenden Dialog einen Namen für das Projekt sowie den Zeitraum festlegen.

Jetzt benötigt das Projekt noch einen Kalender, den Sie über die Ansicht Work & Vacation definieren. In dieser legen Sie ganz einfach einen Kalender an und definieren die Arbeitstage sowie die tägliche Arbeitszeit. Bei Bedarf hinterlegen Sie im Kalender zudem Feiertage, die Sie allerdings von Hand eingeben müssen.

Die Einträge für Arbeit und Material hinterlegen Sie in der Ansicht Resources. Hier beginnen Sie zunächst damit, eine Gruppe anzulegen und dieser einzelne Ressourcen hinzufügen. Dabei besteht die Möglichkeit, jede Ressource einem Kalender zuzuordnen und festzulegen, wieviel Prozent der täglichen Arbeitszeit für das Projekt bereit steht. Nimmt ein Mitarbeiter Urlaub, legen Sie unter Work & Vacation einen neuen Kalender an und tragen dort die fraglichen Tage ein.

Zum Projekt gehörende Aufgaben verwalten Sie in der Ansicht Tasks. Hier fügen Sie bei Bedarf jeder Aufgabe eine oder mehrere Ressourcen hinzu und geben an, wie viel Stunden Sie für die einzelnen Schritte der Aufgabe vorsehen.

Im nächsten Schritt definieren Sie die Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Aufgaben. Dazu wechseln Sie in die Ansicht Dependencies (Graphic). Hier findet sich jede zuvor angelegte Aufgabe als kleine Grafik in Form eines Kästchens wieder. Bei gedrückter linker Maustaste verbinden Sie die Kästen miteinander, indem Sie am jeweils rechten schwarzen Kästchen einer Aufgabe beginnen und auf dem linken schwarzen Kästchen der folgenden Aufgabe den Mauszeiger absetzen (Abbildung 6).

Abbildung 6: Plan arbeitet mit verschiedenen Ansichten. In dieser Ansicht definieren Sie die Abhängigkeiten zwischen Aufgaben.

Um den genauen zeitlichen Ablauf zu berechnen, legen Sie in der Ansicht Schedules einen neuen Zeitplan an. Dazu klicken Sie in der Symbolleiste auf Add Schedule und danach auf den Button Calculate, damit Plan den Zeitablauf berechnet. Das Ergebnis erscheint im Reiter Result. Um den weiteren Verlauf im Projektplan zu protokollieren, klicken Sie auf Baseline. Damit haben Sie den Ausgangszeitplan definiert und erkennen mögliche Risiken im Ablauf.

Verfügen Sie bereits über Erfahrung mit Projektplanungssoftware, dann kommen Sie mit Plan sehr schnell zurecht. Allerdings weicht die Arbeitsweise über die Ansichten etwas von jener der meisten gängigen Programme ab. Möchten Sie auf ein Gantt-Diagramm nicht verzichten, wechseln Sie in die entsprechende Ansicht (Abbildung 7).

Abbildung 7: Die Gantt-Ansicht sorgt für Übersicht über die Abläufe im Projekt.

Generell erweist sich der Calligra-Projektplaner als recht stabil: Im Gegensatz zu Words stürzte Plan im Test nur ein einziges Mal ab. Der Fehler trat beim Einsatz der Report-Funktion auf.

Bühne frei für Stage

Beim Präsentationsmodul Stage kommt in Calligra 2.6 ein neues Framework für Animationen zum Einsatz. Stage arbeitet mit dem Format ODP, das auch in LibreOffice für Präsentationen zum Einsatz kommt.

Für das Erstellen neuer Präsentationen bringt Stage bereits einige ansehnliche Templates mit (Abbildung 8). Beim Bearbeiten der Folien gehen Sie so vor, wie auch bei anderen Programmen dieser Art: Auf der linken Seite fügen Sie unter Document neue Folien hinzu oder löschen vorhandene. Wie bei Words oder Author finden Sie auf der rechten Seite Werkzeuge für das Layout (Abbildung 9).

Abbildung 8: Die Präsentationssoftware Stage bringt einige interessante Templates mit.
Abbildung 9: Anwender mit Erfahrungen in Powerpoint oder Impress finden sich in Stage schnell zurecht.

Die neuen Funktionen für bewegte Effekte nutzen Sie, indem Sie links oben über den Schalter mit dem Filmklappen-Symbol das Werkzeug Animation auswählen. Ein Klick öffnet die Optionen am unteren rechten Rand des Fensters (dort erscheinen grundsätzlich die verfügbaren Optionen des aktuellen Werkzeugs). Über Slide Transistions wählen Sie einen Übergang zur nächsten Folie aus. Mithilfe der darunter liegenden Auswahlliste legen Sie außerdem bei Bedarf eine vom ausgewählten Übergang abhängige Richtung für die Bewegung fest.

Abbildung 10: Das neue Framework für Animationen bietet zahlreiche Möglichkeiten, Effekte in Stages einzubauen.

Als besondere Stärke der Animationen erweisen sich die Shape-Effekte. Sobald Sie einen Textrahmen oder eine Grafik markieren, besteht die Möglichkeit, einen solchen Effekt hinzuzufügen, indem Sie auf das Symbol mit dem grünen Pluszeichen klicken. So blenden Sie Grafiken auf verschiedene Weise ein und wieder aus oder bewegen diese bei Bedarf kurz, um die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf einen bestimmten Eintrag zu lenken.

Abbildung 11: Mit den Shape-Animationen setzen Sie Textrahmen oder Grafiken gekonnt in Szene.

Insgesamt weiß Stages durch seine durchdachte Oberfläche zu gefallen, die alle notwendigen Funktionen zum Erstellen von ansprechenden Folien beinhaltet, ohne dabei zu spartanisch zu geraten. Die Animationen arbeiten zuverlässig und die Anwendung läuft absolut stabil.

Weitere Änderungen

Auch für die Tabellenkalkulation Sheets gibt es in Calligra 2.6 Neuerungen zu vermelden: Die neue Version gibt Übersetzern die Möglichkeit, die Standard-Skripte an die lokale Sprache anzupassen. Darüber erhielt die Komponente ein neues Werkzeug zum Optimieren von Funktionen. Ein ähnliches Werkzeug existiert in Microsoft Excel unter dem Namen Solver, in Sheets heißt es Function Optimizer.

Hinter dem Optimizer verbirgt sich ein Tool, mit dem Sie sogenannte Was-wäre-wenn-Analysen vornehmen. Auf diese Weise sehen Sie, ob Gleichungen tatsächlich alle Aufgaben lösen, für die Sie sie erstellt haben. Sie rufen das Werkzeug über Tools | Function Optimizer auf. Im sich daraufhin öffnenden gleichnamigen Dialog wählen Sie eine Funktion aus und legen fest, inwiefern Sie diese optimieren wollen (Abbildung 12).

Abbildung 12: Der Function Optimizer hilft bei Was-wäre-wenn-Analysen in der Tabellenkalkulation Sheets.

Fazit

Die Module der Calligra-Suite bieten eine stimmige, schön anzusehende Oberfläche, die geradezu dazu einlädt, die Software zu nutzen. Allerdings gleichen einige Anwendungen gewissen italienischen Automobilen: Zwar optisch ansprechend, weisen sie kleine Fehler auf, die unter Umständen drastische Folgen nach sich ziehen.

In der aktuellen Version kam es im Test zu Problemen beispielsweise beim Umstellen der Sprache für die Rechtschreibprüfung oder beim Wiederherstellen eines komplexen Dokuments nach einem Absturz. So etwas macht hinterlässt einen schalen Nachgeschmack, insbesondere wenn es ausgerechnet bei der Textverarbeitung auftritt, der wichtigsten Komponente jeder Bürosuite.

Die Idee hinter dem neuen Modul Author erscheint pfiffig. Allerdings stellt sich angesichts der wenigen gegenüber Words ergänzten Funktionen die Frage, ob dafür wirklich ein eigene Anwendung nötig war. Möglicherweise hätten die Entwickler Ressourcen und Energie zunächst lieber ganz auf die wichtigen Werkzeuge wie die Textverarbeitung konzentrieren sollen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Calligra-Entwickler weiter am Ball bleiben und ihre Software bald auf eine solidere Basis stellen. Solange sollten Sie sich aus dem Calligra-Angebot die Perlen heraussuchen. Zu denen zählen insbesondere die Projektverwaltung Plan sowie die Tabellenkalkulation Sheets. Auch die Präsentationssoftware Stages liefert ein äußerst positives Beispiel für Stabilität und durchdachten Funktionsumfang. Es eignet sich insbesondere als intuitivere Alternative zu Impress aus dem LibreOffice-Paket.

Wer gerne am PC zeichnet, sollte sich zudem das an dieser Stelle nur am Rand erwähnte Krita näher ansehen: Auch das läuft bombnenstabil und macht einen sehr ausgereiften Eindruck. 

Glossar

EPUB

Electronic Publication. Offener Standard für elektronische buchorientierte Dokumente, der sich für die Anzeige auf Mobilgeräten eignet. Dank dynamischem Textfluss passt sich der Inhalt an den verwendeten Bildschirms an.

Mobi

Kurzform für Mobipocket. Ein für Amazons Kindle optimiertes Format, das unterschiedliche Schriftgrößen unterstützt.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 5 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

Dieses Heft als PDF kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

Kommentare