Boxenstopp

Fedora 18 "Spherical Cow" im Überblick

Red-Hat-Entwickler haben ihre Finger in viele wichtigen Open-Source-Projekten, wie dem Kernel, dem Gnome-Projekt oder KVM. Aus diesem Grund ist Fedora 18 [1] nicht nur für die eigene Community interessant, hier integrierte Technologien finden sich mittelfristig oft in anderen Distributionen wieder.

Das zeigt sich unter anderem an der Entwicklung rund um UEFI Secure Boot. Der aktuelle Ansatz sieht vor, dass das System einen mit Zertifikaten von Microsoft signierten Bootloader benutzt [2]. Das ist die Voraussetzung dafür, auf PCs mit Windows 8 Fedora bei aktiviertem Secure-Boot zu starten. Bei Fedora lädt der Microsoft-signierte Bootloader (Shim) via Grub 2 standardmäßig ausschließlich den signierten Kernel und die zu diesem Kernel gehörende Module. Das sichert den kompletten Boot-Prozess, Ausnahmen erfordern unter Umständen viel Handarbeit (siehe Kasten "Grafiktreiber")

Grafiktreiber

Möchten Sie proprietäre Grafiktreiber mit Fedora 18 einsetzen, müssen Sie Secure Boot in der UEFI-Firmware deaktivieren. Eine weitere Alternative bestünde allenfalls darin, den Kernel mit selbst erzeugten Signaturen auszustatten und im Setup als vertrauenswürdig bekannt machen. Mehr Einzelheiten zu Thema UEFI Secure Boot und Fedora finden Sie im "UEFI Secure Boot Guide" des Fedora-Projekts [12] sowie im Blog des Kernel-Entwicklers Josh Boyer [13].

Aus dem Netz

Das Projekt stellt die Distribution in verschiedenen Formen mit unterschiedlicher Lokalisation bereit. In diesem Beitrag kommt die klassische, Version als installierbare Live-CD mit Gnome-Desktop zum Einsatz. Diese Version finden Sie auch auf der Media-Edition dieser Ausgabe oder auf der offiziellen Download-Seite [3] in Varianten für x86- und AMD64-Architekturen.

Das ISO passt übrigens (genauso wie die meisten anderen Varianten mit Ausnahme des XFCE-Spins) mit einer Größe von knapp 916 GByte nicht mehr auf eine CD. Möchten Sie Fedora also zum Installieren zunächst auf einen optischen Datenträger brennen, brauchen Sie einen DVD-Rohling.

Neben der Standard-Gnome-Version finden Sie den KDE-Spin der Live-CD ebenfalls auf der Download-Seite, sowie sämtliche verfügbaren Spins auf der einer separaten Homepage [4]. Ferner gibt es Fedora in Form verschiedener Netinst- oder USB-Stick-Images und in etlichen Spezial-Varianten.

Anaconda runderneuert

Einer der wesentlichen Gründe für die enorme Verzögerung von mehr als zwei Monaten gegenüber dem ursprünglichen Termin bestand in der kompletten Neuimplementation des Installationsprogramms Anaconda [5]. Der Installer wirkt jetzt viel moderner und führt schneller zum Ziel (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Der neue Anaconda-Installer brachte die Entwickler ins Schwitzen und sorgt für eine Verzögerung des Releases um mehr als zwei Monate.

Übernehmen Sie die Voreinstellung Automatische Partitionierung gewählt, dann erledigen Sie die komplette Installation mit wenigen Mausklicks, denn Anaconda beginnt nach einem Klick auf Installation starten im Hintergrund direkt mit dem Einrichten der Festplatte und den Kopieren von Dateien. Dabei weist der Installer zwischendurch mit kleinen Abfragen auf fehlende beziehungsweise optionale Angaben hin. So fragt er etwa nach dem Root-Passwort und ermöglicht die Eingabe von Zeitzone und Tastaturbelegung.

Nach dem Kopieren der Daten weist Anaconda darauf hin, dass es noch einige Konfigurationen vornehmen muss. Dazu klicken Sie auf Konfiguration fertigstellen. Sekunden später haben Sie die Möglichkeit, den Installer über Quit zu verlassen und Fedora 18 neu zu booten.

Im Anschluss an den ersten Neustart gilt es, die Lizenzinformationen zu bestätigen, einen Benutzer zu erstellen und einen NTP-Server aus der angebotenen Liste auszuwählen. Aufgrund des Zeitdrucks haben die Fedora-Entwickler nicht alle im alten Anaconda enthaltenen Funktionen in die neue Oberfläche eingebaut. Einige der Neuerungen in Anaconda wirken zudem weniger gelungen, etwa das manuelle Partitionieren. Zudem scheint das Programm allgemein noch Fehler zu enthalten.

Temporär zum Opfer fiel etwa die Funktion, die es ermöglichte, beim Installieren zusätzliche Paketquellen einzubinden. Die Funktion half bislang, wenn Sie das System von einem Datenträger installierten, der Release-Zyklus schon weit fortgeschritten war oder der Wechsel auf ein neues Release kurz bevorstand. Die Entwickler planen aber, die Funktion in Fedora 19 wieder zu integrieren.

FedUp und Aktualisierungen

Da Aktualisierungen momentan über den Installer nicht gelingen, kommt dem Thema im laufenden Betrieb eine umso höhere Bedeutung zu. Eine der Neuerungen in Fedora 18 besteht folgerichtig darin, dass das zu Packagekit gehörende Update-Tool Aktualisierungen nicht mehr in jedem Fall direkt einspielt, sondern für ausgewählte Komponenten zunächst lokal ablegt – und zwar so, dass Systemd diese beim nächsten Neustart automatisch erkennt und beim Booten einspielt.

Diese Vorgehensweise soll Probleme mit Aktualisierungen im laufenden Betrieb verhindern. Die System-Updates offline genannte Funktion, Aktualisierungen nur noch beim Neustart des Systems im Update-Modus zu installieren, bevor das reguläre System bootet, vermeidet also inkonsistente Zustände. Wer dem skeptisch gegenüber steht, hat selbstverständlich nach wie die Möglichkeit, sämtliche Updates klassisch via Yum von der Kommandozeile aus einzurichten.

Fedora 18 bringt zudem ein neues Paketmanagement-Werkzeug namens DNF [6] mit, das auf dem Code von Yum 3.4 aufsetzt und das altgediente Tool in einer der künftigen Versionen vollständig ersetzen soll. Neu an DNF ist, dass die Software zum Auflösen von Abhängigkeiten die Bibliothek Libsolv [7] verwendet, die Dependencies deutlich besser bereinigt. Bei OpenSuse kommt die Bibliothek schon länger zum Einsatz. DNF und Yum setzen in Fedora 18 auf der RPM-Version 4.10 auf [8], die angeblich stabiler und schneller arbeitet.

Möchten Sie von Fedora 17 auf Fedora 18 aktualisieren, steht dazu mit dem Fedora Upgrader FedUp ein neues Tool bereit [9]. Es lädt genau wie das alte PreUpgrade die einzuspielenden Pakete der neuen Version herunter und erstellt einen Boot-Eintrag. Im Unterschied zum Vorgänger spielt das neue Tool die Updates nach Auswählen des betreffenden Menü-Eintrags mit Hilfe von Dracut und Systemd direkt ein, noch bevor das System startet. FedUp funktioniert allerdings ausschließlich bei einem Update von Fedora 17.

Kernel und Grafik

Fedora 18 bootet nach einer frischen Installation derzeit noch mit einem Kernel 3.6.10-4, allerdings stand nach dem Aktualisieren der Software-Quelle Updates in PackageKit ein aktualisierter Kernel 3.7.2-204 bereit.

Der Grafik-Stack basiert auf Wayland 1.0, samt Referenz-Composite-Manager Weston, einem X-Server 1.13 und den OpenGL-Treibern Mesa 3D 9.0. Was 3D-Treiber für Nvidia- und AMD angeht, unterstützt Fedora bekanntlich von Haus aus nur die freien Treiber.

Das Setup ermöglicht zusammen mit einigen speziellen Anpassungen in Fedora 18 eine (derzeit noch experimentelle) Unterstützung der PRIME-Infrastruktur, die das Aktivieren von Grafikchips zur Laufzeit ermöglicht, etwa bei Nvidias Optimus-Chips. Inwieweit die noch experimentelle Prime-Unterstützung mit Fedora 18 funktioniert, ließ sich im Test mangels passender Hardware nicht verifizieren.

Desktops

Traditionell dient bei Fedora Gnome als Standard-Desktop. Der Unmut über die eine oder andere Designentscheidung der Gnome-Macher wächst auch bei Fedora-Entwicklern und Nutzern. Red Hat finanziert zum Teil die Arbeit an Gnome. Die in den Fedora-Paketquellen erstmals enthaltenen Forks Cinnamon und Maté zeigen, dass sich der Wind eventuell dreht. Die mit der aktuellen Nautilus-Version einher gehenden Beschneidungen gleichen Sie so Dank des ebenfalls in den Paketquellen enthaltenen Dateimanager-Forks Nemo (Abbildung 2) wieder aus.

Abbildung 2

Abbildung 2: Fedora 18 liefert den Gnome-Fork Cinnamon und demzufolge den Nautilus-Fork Nemo mit.

Die Unterstützung für Microsoft Exchange in den Online-Konten (Abbildung 3) sowie Skydrive in Gnome Documents geht ebenfalls auf die neue Gnome-Version zurück. Allerdings stürzte Documents beim Startversuch wiederholt ab, Gnome-Online-Accounts kam mit dem im Test eingesetzten Google-Account nicht klar.

Abbildung 3

Abbildung 3: Gnome Online Accounts unterstützt jetzt auch Microsoft Exchange.

Überhaupt erwies sich das System als wackelig: Nautilus stürzte wiederholt ab, sobald ein angeschlossenes iPhone abgezogen wurde ,oder meldete einen Fehler, obwohl das Gerät sich korrekt auszuhängen versuchte. Die Gnome Shell selbst stützte ebenfalls häufig aus verschiedenen Gründen ab. Beim Test auf einem Notebook traten Problemen mit dem Gnome-Network-Manager auf, der den Breitbandzugang über ein Mobilgerät ohne Warnung ausschaltete.

Ebenfalls neu in Gnome 3.6.2 ist die überarbeite Druckerverwaltung im Gnome-Control-Center, die das Finden und Konfigurieren von lokalen und Netzwerk-Druckern noch einfacher macht. Tatsächlich klappte das Erkennen, Installieren, Konfigurieren und Hinzufügen eines WLAN-Druckers vollautomatisch, also mit einem Mausklick.

Fazit

Der Zustand von Fedora 18 geht anscheinend über das hinaus, was die Nutzer von den Vorgängerversionen kennen und zu tolerieren bereit sind. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Fedora 18, nachdem es bereits zwei Monate hinter dem Zeitplan lag, jetzt unbedingt veröffentlicht werden sollte, ganz entgegen dem sonstigen Qualitätsanspruch der Fedora-Macher.

Der Kernel-Entwickler Alan Cox bezeichnet denn in seinem Blog Fedora 18 auch als "schlimmste Red-Hat-Version, die ich je gesehen habe". Nach seiner Ansicht stellt der neue Installer den größte Problemfall dar und ist nach Cox' Dafürhalten nicht zu gebrauchen [10].

Das System weist allerdings ohne Frage noch einige Kinderkrankheiten auf, weshalb Sie Fedora 18 noch ein paar Wochen zur Reife gönnen sollten. Spannend bleibt die Frage, ob die Fedora-Gemeinschaft komplett auf ein Modell mit Rolling-Release umsattelt [11], ebenso wie Ubuntu und OpenSuse es derzeit lebhaft diskutieren. 

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