Imitator

Zorin OS: Ubuntu-Derivat für Umsteiger

Linux gilt als das Chamäleon unter den Betriebssystemen: Nirgends sonst finden sich derart viele unterschiedliche Arbeitsoberflächen. Doch des einen Freud ist des anderen Leid: Viele Anwender scheuen sich, neue Bedienkonzepte zu erlernen – selbst dann, wenn sie sich alltäglich mit Schadprogrammen und Sicherheitslücken herumärgern müssen.

Daher setzt das aus Irland stammende Ubuntu-Derivat Zorin OS [1] auf Gnome und LXDE als Desktops, sodass Windows-Nutzer eine vertraute Umgebung vorfinden. Als Standard-Oberfläche dient Gnome 3.4.2 im klassischen Design, sodass sich auch Anwender ohne jegliche Linux-Kenntnisse sofort zurechtfinden. Das aktuelle Zorin OS 6.1 basiert auf Ubuntu 12.04 auf, das als Long Term Support-Variante auch auf dem Desktop noch lange Zeit Support erhält.

Versionen

Neben der als Core bezeichneten Version des Betriebssystems in 32- und 64-Bit-Varianten gibt es für ältere Computersysteme zusätzlich eine sogenannte Lite-Version sowie ein für Lehr- und Lernzwecke konzipiertes Educational-Image. Letzteres offeriert der Distributor wiederum für aktuelle und zusätzlich für ältere Hardware.

Core und Lite unterscheiden sich primär durch die Arbeitsoberfläche und den Kernel: Für ältere Hardware kommen der extrem Ressourcen schonende LXDE-Desktop sowie ein Kernel ohne PAE-Erweiterungen zum Einsatz. Damit lässt sich die Lite-Ausgabe auf so gut wie jeder x86-kompatiblen Hardware einsetzen. Dabei stehen unter den verschiedenen Varianten die gleichen Paketquellen bereit, sodass Sie keine Abstriche bei der Softwareauswahl hinnehmen müssen.

Überraschung

Nach dem Download und Brennen des etwa 1,4 GByte großen Core-Images auf eine DVD startet das Live-System in einen freundlich anmutenden Bildschirm, der außer der Panel-Leiste am unteren Rand und einigen links auf dem Desktop angeordneten Icons keine Überraschungen bietet.

Einen deutlichen Überraschungseffekt erlebten wir dagegen gleich beim ersten Test auf älterer Hardware: Offenbar haben die Entwickler massiv an einigen Grafiktreibern geschraubt, denn Zorin OS ließ sich auch von zwei unter Linux als sehr widerspenstig bekannten Grafikkarten von Intel und AMD/ATI nicht aus der Ruhe bringen. Bei der bislang von vielen Distributionen sehr schlecht unterstützten älteren Radeon-Grafikkarte von AMD/ATI aktivierte Zorin OS sogar problemlos 3D-Effekte – unter dem originalen Ubuntu 12.04 führt dies zum Absturz des Systems.

Die Software-Auswahl im Live-Modus weist wenige Besonderheiten auf: So dient als Standard-Webbrowser nicht etwa Firefox, sondern vielmehr Google Chrome in Version 23. Der glänzt speziell auf leistungsfähigeren Maschinen durch ein atemberaubendes Arbeitstempo. Ansonsten bietet die Distribution in den einzelnen Programmgruppen eine überschaubare Auswahl an Applikationen, die jedoch alle gängigen Einsatzbereiche abdeckt.

Auf die Platte

Zorin OS lässt sich bei Gefallen ohne Probleme über ein grafisches Menü auf der Festplatte installieren. Sie klicken dazu im Live-Betrieb auf den Starter Install Zorin 6 auf dem Desktop oder starten den Installer durch Auswahl des Eintrags Start the installer directly im Grub-Bootmanager. Anschließend leitet Sie die Einrichtungsroutine in wenigen Schritten durch den Installationsprozess.

Da Zorin OS den von Ubuntu her bekannten Installer Ubiquity verwendet, gilt es jedoch – sofern Sie nicht bereits während der Systemeinrichtung einen Internet-Zugang aktiviert hatten – nach dem Abschluss der eigentlichen Routine und einem anschließenden Warmstart noch die Pakete zur deutschen Lokalisierung nachzuinstallieren. Danach präsentiert sich Zorin OS auch in deutscher Sprache einsatzbereit.

Gnomenu

Das irische Ubuntu-Derivat implementiert Gnomenu und ersetzt damit die noch unter Gnome 2.x übliche Menüstruktur mit den drei Hauptgruppen Anwendungen, Orte und System. Das Gnomenu orientiert sich im Erscheinungsbild am Menü von KDE 4, ohne jedoch dessen Ergonomie zu erreichen. So finden Sie im Gnomenu links die üblichen Programmgruppen, während rechts bunt durcheinandergewürfelt unterschiedliche Einträge auftauchen, die teils in Ordner verzweigen, teils jedoch auch Konfigurationswerkzeuge aufrufen.

Haben Sie im linken Bereich des Gnomenu eine Programmgruppe geöffnet, so erscheinen die in dieser Programmgruppe befindlichen einzelnen Applikationen links im Fenster, während der rechte Bereich unverändert bleibt. Sie kehren zu den Programmgruppen zurück, indem Sie unten links im Gnomenu auf den Eintrag Zurück klicken.

Finden die voreingestellte Menüstruktur und die Bedienoberfläche nicht Ihre Zustimmung, so können Sie per Mausklick den Desktop ändern. Zorin OS bietet dazu im Untermenü System Tools den Zorin Look Changer an, der drei vorkonfigurierte Erscheinungsbilder zur Auswahl stellt: Eher an Einsteiger aus der Windows-Welt richten sich die Optionen Windows 7 und Windows XP, während versiertere Linux-Anwender wohl eher auf die Option GNOME 2 zurückgreifen. Der Look Changer modifiziert sodann umgehend die Menüstruktur, ohne dass Sie sich abmelden oder einen Warmstart vornehmen müssten.

Browserwahl

Eine ähnlich einfach zu bedienende Auswahloption bietet Zorin OS bei der Auswahl des Webbrowsers. Unter Linux finden sich ja inzwischen sehr viele ausgereifte Browser, die unterschiedliche Entwicklungsschwerpunkte aufweisen. Sie können unter dem irischen Ubuntu-Derivat im Menü Internet den Zorin Web Browser Manager aufrufen, der anstelle des Standard-Browsers Google Chrome die drei Alternativen Opera, Firefox und Midori anbietet (Abbildung 1). Die Installation des gewünschten Browsers erfolgt per Mausklick auf die jeweilige Schaltfläche, sodass eine umständliche Suche nach den entsprechenden Paketen im Internet entfällt.

Abbildung 1

Abbildung 1: Gleich vier alternative Browser bietet der Browser-Manager an.

Software

Ubuntu ist bekannt für seinen enormen Software-Fundus. Zorin OS übernimmt die einzelnen Ubuntu-Repositories als Paketquellen und fügt noch diverse weitere hinzu. Zur Software-Installation dient jedoch nicht mehr – wie sonst bei nahezu allen Distributionen, die Debian als ursprüngliche Basis nutzen – Synaptic mit seiner altbekannten grafischen Oberfläche, sondern stattdessen das von Canonical entwickelte Software Center. Es blendet auf der Startseite kommerzielle Software inklusive des jeweiligen Preises in US-Dollar ein, bietet allerdings ansonsten in einer sehr übersichtlichen und leicht zu bedienenden Oberfläche in den Programmgruppen und auf den Applikationsseiten mehr Informationen als die herkömmlichen Installer. Auch beim Software-Center lassen sich neue Paketquellen problemlos hinzufügen. Dazu nutzen Sie das Menü Edit | Software Sources und wählen dort den Reiter Other Software. Somit steht einer Anpassung des Systems an Ihre ganz persönlichen Bedürfnisse nichts im Wege (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Das Software-Center bietet die bequeme Installation per Mausklick.

Fazit

Das irische Ubuntu-Derivat Zorin OS empfiehlt sich als Allrounder für Anwender, die von anderen Betriebssystemen umsteigen und dabei möglichst altbekannte Bedienkonzepte vorfinden möchten. Das System kombiniert die hervorragende Stabilität und schonende Ressourcennutzung von Linux mit einer entsprechend auf die Bedürfnisse der Zielgruppe hin angepassten Software-Auswahl, die ein sofortiges produktives Arbeiten ermöglicht. Zorin OS kann durch dieses Konzept durchaus dazu beitragen, auch wenig technikaffine Nutzer für das freie Betriebssystem zu begeistern. Zu bemängeln bleibt allerdings die noch unvollständige deutsche Lokalisierung, die sich insbesondere für Einsteiger bei der Systemverwaltung unangenehm bemerkbar macht. 

Infos

[1] Zorin OS: http://www.zorin-os.com

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