Tops & Flops

Editorial 02/2013

17.01.2013

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der ersten im neuen Jahr erscheinenden Ausgabe bietet es sich an, die vergangenen zwölf Monate kurz Revue passieren zu lassen. Ohne langes Drumherum präsentiere ich Ihnen im Folgenden die jeweils fünf Dinge rund um Linux, die mich persönlich 2012 am meisten gefreut beziehungsweise am meisten geärgert haben. Die Reihenfolge stellt keine Wertung dar, sonder hält sich schlicht ans Alphabet: Ich finde alle fünf "Tops" großartig, alle fünf "Flops" unterirdisch.

Tops

Der Modellfall LiMux weist klar den Weg für die Zukunft der öffentlichen IT: Das Projekt der Münchener Stadtverwaltung migrierte fast reibungslos 15 000 Arbeitsplätze auf freie Office-Programme und Formate, davon 11 000 komplett auf Linux. Gleichzeitig konsolidierte es auch einen Flickenteppich von Legacy-Anwendungen, entsorgte einen Quasi-Monopol-Anbieter und sparte gegenüber Microsoft-"Alternativen" selbst nach konservativer Lesart mindestens 10 Millionen Euro an Steuergeldern ein.

Dass es keine Eintagsfliege ist, hat Mageia spätestens mit seinem zweiten Release im Mai 2012 bewiesen. Das Projekt macht damit unmissverständlich klar, dass selbst komplexeste freie Projekte wie eine komplette Distribution sich im Notfall schnell vom einem Unternehmen abnabeln können, das – aus welchen Gründen auch immer – die Bedürfnisse der Community ignoriert oder unterdrückt.

Als leistungsfähige Computing- und Entwicklungsplattform für nur 35 US-Dollar schickt sich der Raspberry Pi an, die digitale Kluft zu beseitigen und jedem Schulkind rund um die Welt das Programmieren so geläufig zu machen wie Lesen und Schreiben. Im Zusammenspiel mit Linux dürfte das einen ähnlichen gesellschaftlichen Schub verursachen wie die Heimcomputer-Welle der 1980er und vor allem die Entwicklung von Gebieten wie Automatisierung, Robotik und autonomer Systeme befördern.

Als erste reines Open-Source-Unternehmen knackte Red Hat 2012 die magische Grenze von einer Milliarde Dollar Umsatz. Die Basis dieses Erfolges bildet das vom Unternehmen zwar massiv unterstützte, aber trotzdem freilaufende Community-Projekt Fedora. Damit demonstriert Red Hat eindrucksvoll, wie exzellent sich freie Software, wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Nutzen kombinieren lassen.

Wie keine andere Innovation des Jahres 2012 verspricht Valves Portierung seiner Spieleplattform, Steam for Linux, Linux endgültig aus der Ecke des vermeintlichen Nerd-Betriebssystems heraus zu katapultieren. Anspruchsvolles State-of-the-Art-Gaming auch und gerade auf dem freien Betriebssystem könnte Linux schnell auf viele Desktops bringen, die es sonst nie gesehen hätte.

Flops

Den Friedensnobelpreis mag die Europäische Union möglicherweise verdient haben, eine Auszeichnung für die Förderung freier Software und freien Informationsflusses jedoch definitiv nicht: Noch immer erzwingen viele EU-Behörden den Einsatz von MS-Office und proprietären Dokumentenformaten, und mit der Einführung eines europäischen Einheitspatents droht die Union nun Software-Patenten und Patenttrollen Tür und Tor zu öffnen.

2007 beschloss die Bürgervertretung in Freiburg, künftig ganz auf freie Formate und freie Software zu setzen. Das städtische IT-Ressort jedoch führte einen schlampigen Mischbetrieb von MS Office 2000 und OpenOffice ein, der zwangsläufig scheiterte. Daraufhin warf man im November 2012 aufgrund eines "Gutachtens" eines Microsoft-nahen Anbieters FOSS und freie Formate ganz über Bord. Kostenpunkt nach vorsichtigen Schätzungen: 800 000 Euro oder mehr.

Das Entfallen zahlreicher klassischer Desktop-Funktionen in Gnome 3 provozierte ein massives Abwandern von Anwendern und Distributionen zu Alternativen wie LXDE, Maté und Cinnamon. Erst als sogar Kernentwickler warnten, das Projekt starre jetzt "in den Abgrund", bauten die Gnome grummelnd einige unverzichtbare Komponenten wie Hauptmenü oder Taskbar via Extensions nach.

Mit der viel zu späten und uneinheitlichen Reaktion auf das von Windows 8 erzwungene UEFI Secure Boot haben sich die großen Distributoren und allen voran die Linux Foundation ein Armutszeugnis ausgestellt. Auch zwei Monate nach der Markteinführung des neuen Windows und entsprechender PCs gibt es für Linux-Anwender noch immer keinen einheitlichen, simplen Weg, UEFI Secure Boot zu nutzen.

Die Shopping Lense von Ubuntu 12.10 bringt bei jeder Desktop-Suche Amazon-Produktwerbung auf den Bildschirm und verschickt dazu ungefragt Daten. Anwender, die sich dagegen wehren, diffamiert Mark Shuttleworth als Nörgler und Trolle. Trockener Kommentar von GNU-Urgestein Richard Stallman: Ubuntu ist Spyware, Canonicals Verhalten unentschuldbar.

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