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Selbstverlag

E-Books erstellen und bearbeiten mit Sigil

09.01.2013
Möchten Sie E-Books im freien EPUB-Format nicht nur konsumieren, sondern auch selbst erstellen, dann empfiehlt sich ein Blick auf den komfortablen und vielseitigen Editor Sigil.

Man muss sie nicht mögen, aber E-Books sind aus der heutigen Welt nicht mehr wegzudenken. Normalerweise kauft man die digitalen Schmöker als fertige Produkte, die sich dann nicht mehr verändern lassen. Zwar darf man Anmerkungen anbringen und Lesezeichen setzen – aber E-Books selbst schreiben? Der freie E-Book-Editor Sigil [1] erlaubt genau das. Anfang Dezember erschien die Version 0.6.2 dieser bemerkenswerten Software.

Sigil einrichten

Nicht alle aktuellen Distributionen führen Sigil bereits in ihren Repositories. Es gibt jedoch Pakete für Arch Linux, Fedora, Gentoo, OpenSuse, Slackware und einige weitere Distributionen [7]. Unter Ubuntu und dessen Derivaten richten Sie Sigil über ein PPA ein [8]. Daneben gibt es auch Installationsdateien für Mac OS X und 32/64-Bit-Windows. Zum Übersetzen des Quellcodes benötigen Sie Cmake, als Abhängigkeiten setzt Sigil Qt4 sowie Support für XML, SVG und WebKit voraus.

Das EPUB-Format

Neben proprietären Formaten für E-Books, wie beispielsweise Amazon sie nutzt, ist das als offener Standard veröffentlichte [2] EPUB ("Electronic Publication") weit verbreitet. Es basiert im Wesentlichen auf einer Reihe weiterer offener Standards und nutzt einen ZIP-Container für die formatierten Inhalte (Abbildung 1). Die Struktur der Inhalte bilden XML, XHTML und CSS-Sheets ab. Von diesen Standards lässt EPUB nur Teile zu, was die Gestaltung zwar einschränkt, aber auch vereinfacht.

Texte dürfen dabei UTF-8- oder UTF-16-codiert vorliegen, die Auszeichnungen erfolgen mit XHTML-Tags und um die Formatierungsdetails kümmern sich CSS-Sheets. Die Quelltexte lassen sich der besseren Übersichtlichkeit halber auf mehrere Eingabedateien verteilen (die normalerweise alle die Endung .xhtml erhalten) und dann zu einem E-Book zusammenbinden.

Neben dem eigentlichen Inhalt des Dokuments gehören diverse Metadaten zu einem E-Book. Eine genaue Beschreibung der Struktur eines E-Books liefert das Open Packaging Format OPF. Es schreibt beispielsweise vor, dass Metadaten in einer Datei mit der Erweiterung .opf liegen müssen. In dieser Datei listet ein sogenanntes Manifest (ein Abschnitt dieser XML-Datei) alle zum E-Book gehörenden Dateien auf.

Ein minimales Inhaltsverzeichnis findet sich unter spine, toc verweist auf eine ausführlichere Version in einer externen Datei. Die Datei mit dem ausführlichen Inhaltsverzeichnis trägt normalerweise den Namen toc.ncx. Die Endung .ncx kennzeichnet eine "Navigationsdatei" im XML-Format. Aus ihr heraus lassen sich Abschnitte und Unterabschnitte im E-Book direkt anspringen.

Die weiteren Metadaten des E-Books lagern im Verzeichnis META-INF/. Das Verzeichnis OEBPS enthält den eigentlichen Inhalt des E-Books, also formatierte Texte, Bilder und die zur Formatierung genutzten Vorlagen.

Sigil

Der EPUB-Editor Sigil gibt sich schlicht: Ohne ein geladenes Dokument startet Sigil mit einem großem Fenster zur Eingabe von Text, Code und Bildern. Sie können nun direkt mit den Eingaben für ein neues Dokument beginnen. Sigil erinnert hierbei an eine Kreuzung aus Textverarbeitung und HTML-Editor. Wenn Sie den Mauszeiger über einem Schalter in den beiden gut bestückten Werkzeugleisten stehen lassen, erhalten sie eine Kurzhilfe zur jeweiligen Funktion.

Für das Eingeben und Bearbeiten bestehender EPUB-Dokumente bietet Ihnen Sigil zwei unterschiedliche Modi an: Voreingestellt aktiviert das Programm analog zur klassischen Textbearbeitung einen WYSIWYG-Modus. Für komplexere Aufgaben oder zur Fehlerbehebung können Sie aber auch in die Quelltextansicht wechseln (Abbildung 1). Hier finden Sie alle (XHTML-)Tags im Dokument und können sie gezielter als in der WYSIWYG-Darstellung auswählen.

Abbildung 1: Die Quelltextansicht von Sigil erlaubt exakte Manipulationen am EPUB-Dokument vorzunehmen.

Neben der direkten Eingabe von Texten erlaubt Sigil auch, HTML- oder Klartextdateien (.TXT) sowie EPUB-Container in ein bestehendes EPUB-Dokument zu importieren. In der Praxis bedeutet das, dass Sie den Editor von Sigil nicht unbedingt nutzen müssen, aber können. Die anderen Komponenten des Programms stehen Ihnen aber immer noch zur Verfügung.

Schreiben mit Sigil

Natürlich können Sie den Editor von Sigil zum Schreiben Ihrer E-Books verwenden. Dagegen spricht allerdings zweierlei: Zum einen müssen Sie sich an eine neue Software gewöhnen. Das spielt gerade beim Schreiben von Texten eine relativ große Rolle, denn das Schreibprogramm soll den Fluss der Gedanken ja möglichst nicht hemmen. Zum anderen verführt die WYSIWYG-Fähigkeit von Sigil zu einem ausufernden Markup. Ein inflationärer Einsatz von Formatierungen erschwert dem Leser nicht nur das Aufnehmen des Texts, sondern verringert auch die Signalwirkung einer Auszeichnung.

Daher erstellen Sie den Text besser mit dem gewohnten Schreibwerkzeug, etwa mit LibreOffice. Anschließend kommt Sigil dann als Formatierungswerkzeug für die Auszeichnungen sowie für die Layout- und Syntax-Kontrolle zum Einsatz. In dieser Phase können Sie auch Hyperlinks als Verweise für Ihr Dokument setzen. Falls Sie Libre- oder OpenOffice verwenden, steht Ihnen mit Writer2epub [3] sogar ein Plugin für das direkte Konvertieren nach EPUB zur Verfügung. Aber auch hier sollten Sie mit Sigil die Ergebnisse kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren. Formatierungen lassen sich erhalten, wenn Sie zum Speichern HTML oder besser gleich EPUB verwenden.

Als Zeichensatz unterstützt Sigil Unicode (UTF-8/16). Damit lassen sich auch "esoterische" Zeichen direkt nutzen. Speziell für viel genutzte Sonderzeichen hält Sigil eine Palette bereit, aus der Sie die benötigten Glyphen direkt auswählen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Oft benötigte Sonderzeichen stellt Sigil in einer Palette bereit. nbsp steht für einen Leerzeichen ohne Zeilenumbruch, die *sp-Varianten für unterschiedlich breite Leerräume.

Eine Reihe von Funktionen, die man bei einer Textverarbeitung im Menü erwarten würde – etwa solche zum Ändern der Schriftgröße – suchen Sie in den Schalterleisten vergeblich. Derartige Änderungen müssen Sie bei Bedarf direkt im Quelltext vornehmen (Abbildung 5). Dort haben Sie aber auch genaue Kontrolle über diese Anpassungen.

Abbildung 3: Viele Anpassungen, wie etwa Zeichensatzgrößen, nehmen Sie direkt im Quelltext vor.

Auch Wechsel im Dokument zu eigenen Schriften lassen sich nur über diesen Umweg erreichen. Für das gesamte Dokument stellen Sie die Schriften als "Aussehen" im Bearbeiten-Menü unter Einstellungen vorab ein. Doch Vorsicht: Erstens gibt es keine Garantie, dass jeder E-Book-Reader diese Schriften auch wirklich gut darstellt. Zweitens lenken spezielle "Schmuckschriften" den Leser eher ab. Drittens müssen Sie die fraglichen Fonts in die Ausgabedateien einbetten, was das E-Book ziemlich aufbläht.

Spezielle Strukturen

Für viele spezielle Strukturen offeriert Sigil gar kein eigenes Werkzeug bereit – ein typisches Beispiel stellen Tabellen dar. Da diese aber durch XHTML bereitgestellt werden, lassen sie sich auch mit Sigil nutzen und bearbeiten. Eine Tabelle definieren Sie in der Quelltextansicht durch die entsprechenden Tags (<table>), sofern das beim Konvertieren aus dem Quelltext noch nicht geschehen ist.

Komplexere, wiederkehrende Strukturen lassen sich bei Sigil als sogenannte Clips zur Verfügung stellen. Sie fügen solche Clips über das Kontextmenü (rechte Maustaste) direkt ein, Beispiele dazu enthält der Menüpunkt Example Clips. Das Werkzeug zum Definieren von Clips erreichen Sie mittels [Alt]+[C] oder über Werkzeuge | Clips.... Es öffnet sich ein neuer Dialog mit einer Liste der vorhandenen Schnipsel (Abbildung 4). Hier wählen Sie entweder – am besten in der Quelltextansicht – den gewünschten Code aus und fügen ihn mittels Clip Einfügen ins Dokument ein oder rufen mit der rechten Maustaste ein Kontextmenü auf, über das Sie neue Clips definieren.

Abbildung 4: Clips enthalten fertigen Code. Neue Clips definieren Sie direkt in der Quelltextansicht.

Sigil legt seine Konfigurationsdateien im Home-Verzeichnis unter .local/share/data/sigil-ebook/sigil/ ab. Dort finden Sie neben Wörterbüchern für die Rechtschreibprüfung und den letzten Such- und Ersetzen-Funktionen und auch die Clips (in sigil_clips.ini). Sie können diese Dateien bei Bedarf auch manuell mit einem Texteditor bearbeiten.

Die Funktionen zum Suchen und Ersetzen verarbeiten auch reguläre Ausdrücke [4] und ermöglichen so das automatische Konvertieren beispielsweise aus LaTeX heraus. Suchanfragen speichert Sigil und stellt sie unter Werkzeuge | Gesicherte Suchen zum erneuten Anwenden bereit. Vorab enthält diese Liste schon einige vorgefertigte, oft benötigte Suchen und Ersetzungen.

Sigil erlaubt das Einbinden von Bildern in den Formaten JPG, GIF, PNG und SVG. Über Einfügen | Bild, [Umschalt]+[I] oder den entsprechenden Schalter in der Werkzeugleiste wählen Sie die gewünschte Bilddatei aus. Zusätzliche Eigenschaften wie die Höhe (height="...") oder Breite (width="...") legen Sie anschließend in der Quelltextansicht fest. Nicht mehr benötigte Bilder entfernen Sie mittels Werkzeuge | Lösche unbenutzte Bilddateien aus dem E-Book. Das klappt analog auch für Style-Sheets.

Valider Code

Eine der großen Stärken von Sigil stellt das Validieren des erzeugten E-Books dar. Der mehrere Schritte umfassende Vorgang stellt sicher, dass das Dokument den Standards entspricht. Sigil berücksichtigt dabei sowohl den (X)HTML- und CSS-Code als auch die Strukturen des E-Books sowie die Metadaten.

HTML-Code untersucht Sigil üblicherweise mittels Tidy [5] auf syntaktische Fehler. Sigil integriert dieses Werkzeug bereits, sodass Sie Fehler schnell erkennen und beheben können. Findet Sigil einen Fehler, meldet das Programm dies mit einem Fenster, in dem es die ungefähre Position im Quelltext anzeigt (Abbildung 5).

Abbildung 5: Einfache syntaktische Fehler repariert Sigil meist problemlos. Sonst stellt der manuelle Modus die richtige Wahl dar.

Auch Metadaten können unvollständig oder fehlerhaft sein. Mit dem integrierten Metadaten-Validierer Flightcrew [6] prüft Sigil die Metadaten und findet beispielsweise nicht benutzte Dateien und Ähnliches.

In sogenannten Berichten fasst Sigil Informationen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen. Dabei liefert das Programm Details zu den eingebundenen HTML/CSS-Dateien, den Bilder und vieles Weiteres (Abbildung 6).

Abbildung 6: In Berichten dokumentiert Sigil, aus welchen Dateien die angezeigten Informationen stammen.

TIPP

Amazons E-Books-Reader unterstützen EPUB nicht. Allerdings können diese Reader derzeit noch ein unverschlüsseltes MOBI-Format lesen, in das Calibre [9] EPUB-E-Books bei Bedarf übersetzt. Viele freie E-Books, die meisten davon im EPUB-Format, finden Sie beim Projekt Gutenberg [10].

Fazit

Sigil präsentiert sich als einfach zu bedienender Editor für EPUB-Dokumente. Zahlreiche Tastenkürzel helfen, auf die wichtigsten Funktionen schnell zuzugreifen. Die unterschiedlichen Modi von der Quelltextansicht bis zur kompletten WYSIWYG-Vorschau erweisen sich als sehr nützlich, ebenso wie die verschiedenen eingebauten Validierungswerkzeuge für Rechtschreibung, Syntax und Metadaten.

Viele spezielle Funktionen legen Hyperlinks und Ähnliches an und helfen so beim Erstellen von E-Books. Hier wäre ein Assistent, der durch die einzelnen Schritte führt (siehe Kasten "EPUBs bauen") für Anfänger eine gute Ergänzung. Insgesamt hinterlässt der Editor aber einen guten Eindruck – eigentlich schade, dass er nur für E-Books ausgelegt ist. 

EPUBs bauen

Das Erstellen einen E-Books im EPUB-Format mit Sigil umfasst im Wesentlichen die folgende fünf Schritte:

  • Das vorbereitete Dokument (eventuell mit RTF Auszeichnungen oder im HTML-Format) laden.
  • Autor(en) und Titel hinzufügen.
  • Ein Cover angeben.
  • Ein Inhaltsverzeichnis erstellen und hinzufügen.
  • Das Dokument validieren.

Nach dem Erstellen des E-Books sollten Sie dieses idealerweise noch einmal auf verschiedenen Readern testen – der Teufel steckt bei EPUBs oft im Detail.

Glossar

Markup

Auszeichnungen im Text. Sie sollten diese möglichst sparsam einsetzen, um eine gute Lesbarkeit zu erzielen.

Infos

[1] Sigil: http://code.google.com/p/sigil/

[2] EPUB-Format: http://www.hxa.name/articles/content/epub-guide_hxa7241_2007.html

[3] Writer2epub: http://extensions.openoffice.org/de/node/4615

[4] Reguläre Ausdrücke: Frank Hofmann, "Schnipseljagd", LU 09/2011, S. 84, http://www.linux-community.de/24091

[5] Tidy: http://tidy.sourceforge.net

[6] Flightcrew: http://code.google.com/p/flightcrew/

[7] Sigil-Pakete: http://code.google.com/p/sigil/wiki/LinuxDistroPackages

[8] Sigil-PPAs: https://launchpad.net/~rgibert/+archive/ebook

[9] Calibre: Frank Wieduwilt, "Künftig digital", LU 03/2010, S. 60, http://www.linux-community.de/20049

[10] Freie E-Books: http://www.gutenberg.org

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