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© Joerg Michael Gehrke, 123RF

Steam-Punk

Ausprobiert: Valves Steam-for-Linux-Beta

09.01.2013
Mit Steam for Linux kommen endlich aktuelle Spiele auf den Linux-Desktop. Valve steckt viel Energie in das Projekt – doch die ersten Schritte auf dem neuen Terrain wirken noch etwas wackelig.

Die Spieleplattform Steam [1] stellt seit September ersten Nutzern die Linux-Version ihrer Software zum Test bereit. In einer geschlossenen Beta-Phase gewährt Valve derzeit nur ausgewählten Anwendern den Zugang, eine offene Beta soll "in Kürze" an den Start gehen. Damit setzt einer der größten Spiele-Publisher künftig auf Linux als Plattform für seine Produkte.

Offiziell unterstützt Valve bislang nur Ubuntu oder andere Debian-basierte Distributionen. Daher kommt bei den Tests eine aktuelle Ubuntu-Version (12.10 "Quantal Quetzal") zum Einsatz. Mit einigen Basteleien gelingt es aber, Steam auch unter anderen Distributionen zu betreiben. Im Kasten "Valves Strategie" lesen Sie, warum das Unternehmen auf Linux als Plattform setzt.

Valves Strategie

Valve-Chef Gabe Newell (Abbildung 1) mag Windows 8 nicht. Das System sei "eine Katastrophe" erklärte er kürzlich in einem Interview. Der ehemalige Microsoft-Mitarbeiter setzt daher auf Linux als weitere Plattform für Spiele. Hinter Valves Engagement für das freie Betriebssystem steckt jedoch eventuell noch eine andere Motivation: Wie kürzlich durchsickerte, plant das Unternehmen eine eigene, PC-basierte Konsole für Spiele: Diese "Steam Box" soll PC-Spiele ins Wohnzimmer bringen. Und obwohl das bisher nicht in den offiziellen Ankündigungen stand, liegt es nahe, dass Valve – ähnlich wie Google bei Android – auf Linux als Unterbau für die Konsole setzt. Dementsprechend heftig brodelt in dieser Hinsicht die Gerüchteküche.

Abbildung 1: Valve-Chef Gabe Newell mag Windows 8 nicht und setzt auf Linux als Spieleplattform.

Grafiktreiber

Kurz nach der Nachricht, dass Valve einen Steam-Client für Linux plant, kündigte das Unternehmen außerdem an, Programmierer von freien Grafiktreibern bei deren Optimierung zu unterstützen. Linux leidet seit langem an mangelhaften Treibern für die 3D-Beschleunigung.

Ian Romanick, der bei seinem Brötchengeber Intel für die Treiberentwicklung für Linux zuständig ist, berichtete im Juli in seinem Blog über ein erstes Treffen mit den Valve-Entwicklern [2]. Die hätten sich dabei geradezu begeistert gezeigt über die Möglichkeit, den Quellcode der Treiber einzusehen und zu verändern, und beide Seiten hätten profitiert: Die Intel-Entwickler pflegten in der Folge Patches in ihre Treiber ein, welche die Geschwindigkeit des Spiels "Left 4 Dead 2" verbesserten, und Valves Entwickler konnten ebenfalls Probleme bei der Performance im Quellcode des Spiels beheben.

Intel setzt unter Linux ausschließlich auf Treiber mit offenem Quellcode. Von AMD gibt es zwei Treiber, einen mit offenem Quellcode und einen proprietären. Nvidia setzt ausschließlich auf geschlossene Treiber, wofür sich der Grafikkarten-Platzhirsch schon häufig harscher Kritik ausgesetzt sah. Der offene Nvidia-Treiber Nouveau stammt ausschließlich aus der Feder der Community. Sowohl für Grafikkarten von AMD/ATI als auch solche von Nvidia gilt, dass die ihre volle Geschwindigkeit erst mit den proprietären Treibern an den Tag legen.

Zum Zeitpunkt des Tests Mitte Dezember 2012 bot der Steam-Store bereits 40 Spiele für Linux an. Ärgerlich dabei: Nur von wenigen Games gibt es eine kostenlose Demo-Version für Linux. Vielen Spielehersteller portieren zwar die Vollversion auf das freie Betriebssystem, liefern aber ausschließlich für Windows eine Demo. Das Fehlen jeder Möglichkeit, vor dem Griff in den Geldbeutel festzustellen, ob das angepeilte Game unter Linux auch tatsächlich läuft, schreckt potenzielle Käufer freilich eher ab. Das von Valve angekündigte "Left 4 Dead 2" übrigens steht bislang noch gar nicht als Linux-Version bereit.

Client installieren

Valve bietet den Steam-Client als DEB-Paket zum Download an [3]. Das installieren Sie entweder über das Software-Center oder die Kommandozeile. Für Letzteres wechseln Sie in das Download-Verzeichnis und führen dort zur Installation folgende Befehle aus:

$ sudo dpkg -i steam.deb
$ sudo apt-get install -f

Der zweite Befehl dient dazu, die vom Paket benötigten Abhängigkeiten nachzuziehen. Anschließend taucht im Programm-Menü von Ubuntu der Steam-Client auf. Der fordert nach dem Start erst einmal zur Eingabe des Passworts auf, um um das Paket jockey-common nachträglich zu installieren. Es war nicht ganz klar, weshalb das nicht bereits beim Auflösen der Abhängigkeiten des Pakets passiert ist. Auch an anderer Stelle – etwa beim Update des Clients – umgeht Valve lieber das Paketmanagement der Distribution.

Nun fragt die Software nach den Zugangsdaten zur Steam-Plattform. Wer keinen Account besitzt, bekommt hier die Möglichkeit, einen anzulegen. Alternativ erstellen Sie den Zugang kostenlos auf der Webseite des Publishers. Prominent erscheint nun das Angebot, eine Beta-Version des Spiels "Team Fortress 2" kostenlos zu installieren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Den Steam-Client bedienen Sie ähnlich wie eine Webseite in einem Browser, im Store erscheint ein prominenter Link Linux. Das Spiel "Team Fortress 2" gibt es kostenlos.

Holpriger Start

Beim Versuch, "Team Fortress 2" einzurichten, erscheint die Meldung, dass das Spiel 4773 MByte an Platz verbraucht. Die im Test vorhandenen 6 GByte freier Plattenplatz hätten also ausreichen sollen, um den teambasierten Taktik-Shooter zu installieren. Doch nach einiger Zeit wurden wir unangenehm überrascht: Das System meldete, der Festplattenplatz sei nahezu vollständig belegt, der Download des Spiels bracht ab.

Ein Klick auf den Download zeigte, warum: Die Größe der Datei beträgt gut 12 GByte. Warum die Software vorher darauf verfiel, einen Umfang von knapp 5 GByte anzugeben, blieb unklar. Nach dem Vergrößern einer Partition auf dem Testsystem stand dann ausreichend Platz bereit, nun klappte die Installation des Spiels. Der Installer legt die Daten übrigens im Home-Verzeichnis unter .local/share/Steam ab: Gut zu wissen, falls Sie später Steam samt der mehreren GByte großen Downloads wieder entfernen möchten.

Beim Start des Spiels tauchte das nächste Problem auf: Zwar erklangen die ersten Takte der Intro-Musik, der Bildschirm blieb jedoch schwarz. Gleich anschließend beendete sich das Spiel wieder und es erschien das Fenster des Steam-Clients. Es gab weder Hinweis noch eine Fehlermeldung, die erklärt hätte, was schief gegangen war.

Etwas redseliger gibt sich die Software, wenn Sie sie von der Konsole aus aufrufen: Ein erneuter Start des Spiels erzeugte eine mehrere MByte große Debug-Ausgabe und die Meldung, dass im Spiel ein Speicherzugriffsfehler aufgetreten war. Einen Crash-Report übermittelte das Programm, so teilte es hier mit, automatisch an Valve – ohne vorher eine Zustimmung einzuholen.

Da das Problem vermutlich durch die Grafikkarte im Testsystem verursacht wurde, richteten wir im Anschluss die neuesten Grafiktreiber für Linux über das Paketarchiv xorg-edgers [4] ein. Doch auch das brachte keine Abhilfe, "Team Fortress 2" stürzte weiter ab.

Die Suche im offiziellen Linux-Forum bei Valve und im Netz förderte lediglich die Erkenntnis zutage, dass die relativ simple Grafikkarte des Testsystems (ein Intel GM965) vermutlich nicht in der Lage ist, das Spiel zu starten. Allerdings klappt der Start von "Team Fortress 2" auf dem selben Rechner unter Windows tadellos. Zwar ruckelt das Spiel deutlich, aber es lässt sich durchaus spielen.

World of Goo

Daraufhin unternahmen wir einen weiteren Versuch mit einem Spiel, das weniger Ansprüche an die Leistung der Grafik-Hardware stellt. Über den Steam-Store steht das Indie-Game "World of Goo" bereit: Dabei handelt es sich um ein Spiel, bei dem Sie vor der Aufgabe stehen, mit Bällen aus einer glibberigen Substanz ein Gerüst zu bauen, um ein Ziel zu erreichen.

Der Kostenpunkt für das Spiel liegt bei 8,99 Euro. Die ersten Levels gibt es – wie bei vielen im Steam-Store angebotenen Spielen – aber auch als kostenlose Demo. Diesmal war unser Spieleversuch von Erfolg gekrönt – "World of Goo" startete problemlos und lief auf dem Testsystem flüssig (Abbildung 3).

Abbildung 3: Auch das preisgekrönte Indie-Spiel "World of Goo" steht über Steam bereit und läuft unter Linux ohne Probleme.

Bei den meisten anderen Spielen verliefen die Versuche weniger glücklich: Einige zeigten zwar den Startbildschirm an, stürzen aber ab, sobald das eigentliche Spiel startete (Abbildung 4). Bei anderen scheiterte bereits der Start. Hinweise auf die Ursache gab es hier ebensowenig wie bei "Team Fortress 2". Lediglich auf der Konsole tauchten einige – in aller Regel wenig hilfreiche – Fehlermeldungen auf.

Abbildung 4: Fehlanzeige: Das Spiel "Waveform" zeigt zwar einen Intro-Screen, verweigert aber penetrant den Start. Hilfreiche Hinweise auf die Ursache sucht man vergebens.

Jenseits von Ubuntu

Obwohl Valve offiziell nur Ubuntu unterstützt, funktioniert Steam grundsätzlich auch unter anderen Distributionen. Im Test gelang es uns etwa, die Software erfolgreich unter Gentoo zu installieren. Ein Paket hierfür findet sich im Bugtracker der Distribution. Im Entwickler-Wiki von Valve finden sich Verweise auf experimentelle Pakete für zahlreiche andere Linux-Derivate [5].

Neben der Möglichkeit zum Zocken von Spielen bietet Steam zahlreiche direkt in den Client integrierte Community-Funktionen an (Abbildung 5). Ein eingebauter Client fürs Instant Messaging zeigt, wie viele Freunde gerade online sind, und bietet die Möglichkeit, mit diesen zu chatten. Über den Client haben Sie ebenfalls Zugriff auf das Forum auf der Steam-Webseite. Sie erhalten eine Meldung, sobald jemand dort auf einen Ihrer Beiträge antwortet.

Abbildung 5: Neben der Möglichkeit zum Zocken von Spielen bietet der Steam-Client zahlreiche integrierte Community-Funktionen an.

Im Hauptmenü bietet die Software die Möglichkeit, den Steam-Client zu aktualisieren. Steam ersetzt dabei eigenmächtig seine eigene Datei /usr/bin/steam und ignoriert dabei das Paketmanagement der Distribution völlig.

Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, zu überprüfen, ob die Grafiktreiber auf dem neuesten Stand sind. Doch der Aufruf dieses Menüpunkts führt lediglich zu einer Fehlermeldung – Steam sei nicht in der Lage, die Aktualität des Treibers zu prüfen, heißt es da. Hier liegt die Vermutung nahe, dass ebenfalls die eingesetzte Intel-Karte Probleme bereitete und die Software lediglich die Treiber der Marktführer AMD und Nvidia überprüft.

Fazit

Valve will Linux zur Plattform für Spiele machen. Das stellt für den Linux-Desktop eine enorme Chance dar, gegenüber proprietären Betriebssystemen Boden gut zu machen: Seit langem richten viele Enthusiasten nur deswegen noch ein Windows-System als Dual-Boot ein, damit sie gelegentlich einmal ein aktuelles Spiel zocken können. Der Weg zum Linux-Zocker-PC allerdings erscheint derzeit nach wie vor weit und steinig: Die Beta von Steam weist noch etliche drastische Macken auf. Valve hat aber freilich noch die Chance, diese vor der finalen Version zu beheben.

Entscheidend für den Erfolg dürfte aber werden, ob es dem Publisher auch gelingt, genügend Spiele-Entwickler davon zu überzeugen, einer Linux-Version ihrer Games zu veröffentlichen und dafür zu sorgen, dass diese stabil laufen. Während unter Windows über 2000 Spiele in Steam bereit stehen, gibt es unter Linux bislang nur eine kleine Auswahl. Was aber noch schwerer wiegt: Die wenigsten davon funktionierten auf dem Testsystem – vermutlich kamen bei den Versuchen der Entwickler nur wenige Systemkonfigurationen zum Einsatz.

Die Grafiktreiber bleiben unter Linux ein Sorgenkind. Sobald allerdings mehr 3D-Spiele für Linux bereit stehen, dürfte sich die Situation schnell verbessern. Mit jedem neuen Spiel steigt der Druck auf die Hersteller AMD, Nvidia und Intel, dafür zu sorgen, dass ihre Hardware unter Linux tadellos läuft. Somit profitiert der gesamte Linux-Desktop von Valves Schritt.

Äußerst fragwürdig erscheint die Entscheidung Valves, beim Steam-Client stellenweise das Paketmanagement der Distributionen zu umgehen. Das Unternehmen sollte sich hier besser bemühen, hier mit den Distributoren zu kooperieren. Einige Entwickler wären vermutlich sogar bereit, den Steam-Client direkt zu integrieren. 

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