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Multifunktional

Kompakter Allrounder für ältere Computer

20.12.2012 Aus der Mitte der karitativen Organisation Emmaus entstammt eine Distribution, die mit einer außergewöhnlichen Programmwahl besticht.

Frankreich gilt als Hochburg freier Software. Neben dem bekannten Mandriva Linux und dessen Community-Fork Mageia stammen viele kleinere Distributionen aus dem westeuropäischen Land. Mit Emmabuntüs2 1.02, das auf Xubuntu 12.04.1 basiert, steht nun ein interessanter Allrounder mit teils völlig unbekannter Software bereit, der alle Altersgruppen anspricht. Hinter dem System steckt die gemeinnützige Emmaus-Organisation [1] und verfolgt das Ziel, für ältere Computersysteme ein Betriebssystem für jedes Anwendungsszenario zu bieten.

Los geht's

Das aktuelle, mit rund 3 GByte recht umfangreiche ISO-Image steht im Web [2] zum Download bereit. Nach dem Brennen einer bootfähigen DVD startet das System sehr gemächlich in einen XFCE-4.8-Desktop.

Auf den ersten Blick sticht dabei das gut bestückte Cairo-Dock am unteren Rand ins Auge, das dem Desktop ein elegantes und modernes Aussehen vermittelt. In der Leiste haben die Entwickler neben einzelnen Applikationen zusätzlich Programmgruppen integriert. Berühren Sie mit der Maus eines dieser Symbole, so öffnet sich ein kleines Fenster mit den jeweiligen Startern.

Auf diesem Weg erreichen Sie die gewünschten Applikationen recht schnell. Die am oberen Rand befindliche Leiste wirkt auf den ersten Blick von Gnome 2 entlehnt, weist jedoch nicht die typischen Menügruppen Anwendungen, Orte und System auf, sondern lediglich links einen einzigen Button für das Hauptmenü. Hinter diesem befinden sich die Punkte für die Konfiguration und weitere Programme.

Emmabuntüs fragt bereits beim Start in bester Ubuntu-Manier, ob Sie den Live-Modus bevorzugen oder die Distribution auf die Festplatte packen möchten. Außerdem bietet Ihnen die Startroutine an, unfreie Programme zu installieren. Dazu blendet das Setup eine Liste mit diversen Applikationen ein, die es nach Setzen eines Häkchens aktiviert und die bei stationärem Betrieb auf der Festplatte landen (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Unfreie Zusatzprogramme installieren Sie per Mausklick in einem eigenen Dialog.

Möchten Sie das System deutlich flüssiger bedienen als im Live-Betrieb, so sollten Sie sich für die Installation auf einer Festplatte entscheiden. Doch ausreichend freier Platz sollte dazu vorhanden sein: Die Distribution belegt bereits in der Standardkonfiguration rund 8 GByte Speicher. Entscheiden Sie sich zusätzlich für die Installation einiger nicht freier Programme, wie Picasa, Teamviewer, dem Flashplayer oder Skype, so ist schnell die Grenze von 10 GByte überschritten.

Vielfalt

Diese hohen Anforderungen an den Speicherplatz resultieren aus dem enormen Softwarefundus, den Emmabuntüs auf der DVD bereithält. Dabei sind Programme aus allen Desktop-Welten vertreten. So finden Sie neben typischen Gnome-Vertretern wie Rhythmbox oder Gnumeric auch Applikationen aus der KDE-Fraktion, wie Digikam oder K3b, sowie XFCE-Applikationen wie Xfburn oder Orage.

Die Entwickler von Emmabuntüs integrieren jedoch auch Boliden, deren Entwicklung unabhängig von einem Desktop läuft, in großer Anzahl. So findet sich neben LibreOffice in Version 3.5.4.2 auch OpenOffice4Kids 1.3 sowie die Webbrowser Firefox 15.0.1 und Chromium 18. Auch Gimp 2.6.12 zum Bearbeiten von Bildern fehlt nicht.

Besonders auffällig fällt die Softwareauswahl unter dem Menüpunkt Bildung aus: Hier finden Sie neben den großen Sammlungen Gcompris und Childsplay sowie Pysycache für die jüngeren Semester das komplette Sortiment der Abuledu-Applikationen. Dabei handelt es sich um wenig bekannte Logik- und Lernspiele für Kinder und Jugendliche, die allerdings bislang ausschließlich in französischer Sprache vorliegen.

Unter Grafik sammelt sich das komplette Spektrum dessen, was unter Linux Rang und Namen hat: Neben unzähligen Tools zum Bearbeiten von Bildern stecken hier auch Programme für spezielle Effekte wie Panorama und Hugin. Darüber hinaus finden Sie in dieser Gruppe verschiedene Scan-Applikationen. Etwas aus dem Rahmen fallen mehrere E-Book-Reader, darunter der FBReader und Calibre im Menü Büro sowie Evince und der LRF-Viewer zum Lesen von E-Books im Sony-Dateiformat im Menü Grafik.

Tools

In den Menüs System und Werkzeuge finden Sie eine ganze Reihe nützlicher und interessanter Programme zur Systemadministration sowie zum vernetzten Computing: So ist Bleachbit [3] zum weitgehend automatischen Löschen überflüssiger Dateien mit an Bord, mithilfe von Ubuntu Tweak [4] drehen Sie dagegen an eigentlich verborgenen Stellschrauben.

Mit Multisystem [5] packen Sie mehrere Betriebssysteme auf ein USB-Medium, und Boinc [6] erlaubt Grid-Computing. Dank der vorinstallierten Virtualbox-Software nutzen Sie andere Systeme in virtuellen Maschinen, sofern Ihr Computer genügend Rechenleistung und freie Ressourcen besitzt.

Integration

Durch die Installation von Wine besteht zudem die Möglichkeit, eine stetig wachsende Zahl von Windows-Programmen zu betreiben. Die französische Distribution liefert dazu eine aktuelle Version der Software mit. Um Windows-Software zu installieren, laden Sie zunächst im Menü Wine | Konfiguriere Wine die Gecko-Umgebung herunter und installieren diese. Es empfiehlt sich zudem, die unfreien Microsoft-Schriftarten zu installieren, da einige Windows-Programme diese voraussetzen.

Danach aktivieren Sie bei eingelegter Programm-CD das jeweilige Setup durch einen Rechtsklick auf das Dateisymbol und anschließender Auswahl von Öffnen mit | Mit "Wine Windows-Programmstarter" öffnen. Nach fertiger Installation tauchen die Windows-Programme entweder in den Menüs auf oder im Menü Wine | Programs.

Sprachchaos

Das größte Manko von Emmabuntüs liegt in der noch recht unvollständigen Lokalisierung. Viele Programme erscheinen trotz entsprechender Konfiguration nicht mit deutschen Menüpunkten, sondern mit englischen oder gar französischen. Teilweise entsteht das Chaos durch die Basis Ubuntu: Bei unseren Tests ließ sich die deutsche Sprachunterstützung nicht komplett nachinstallieren.

Die Abuledu-Programme gibt es dagegen von Haus aus lediglich in Französisch. Dies sorgt besonders bei Anwendern, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, für größere Irritation: In Frankreich speist sich die EDV-Fachsprache nicht wie andernorts üblich größtenteils aus dem Englischen. Somit tauchen hier Begriffe auf, die sich dem Unkundigen nicht gleich oder gar nicht erschließen.

Fazit

Das französische Emmabuntüs ist schon aufgrund seiner Software-Vielfalt auf jeden Fall einen Blick wert. Dass das System auf Xubuntu aufsetzt, bürgt für eine ordentliche Hardware-Erkennung. Aufgrund der sehr umfangreichen Auswahl an Programmen entfällt eine umständliche Suche und Installation zusätzlich benötigter Software weitgehend.

Die solide Basis und der enorme Softwarebestand dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Projekt noch einen langer Weg bis zur vollen Reife bevorsteht. Die sehr unvollständige Lokalisierung steht derzeit einem Einsatz außerhalb französischsprachiger Länder im Weg. Sollte Emmabuntüs diese Probleme bewältigen, eignet sich die Distribution durchaus als Allrounder auch für ältere Computer. 

Infos

[1] Emmaus: http://www.emmaus-international.org

[2] Emmabuntüs: http://emmabuntus.sourceforge.net

[3] Bleachbit: Erik Bärwaldt, "Sanfte Reinigung", LU 08/2009, S. 64, http://www.linux-community.de/18942

[4] Ubuntu Tweak: Erik Bärwaldt, "Volle Kontrolle", LU 10/2009, S. 34, http://www.linux-community.de/19375

[5] Multisystem: Erik Bärwaldt, "Gut verpackt", LU 04/2012, S. 74, http://www.linux-community.de/25647

[6] Boinc: http://boinc.berkeley.edu

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