Digitales Pult

Evolution im Computerkabinett

LinuxAdvanced gehört bereits zu den älteren Semestern unter den Distributionen und blickt auf etliche Jahre kontinuierliche Entwicklung zurück. Nicht Studenten oder Firmen führen bei diesem Projekt die Feder, sondern ein Team unter der Leitung der österreichischen Gymnasiallehrer Mag. Dr. Klaus Misof und MMag. Rene Schwarzinger, die als aktive Pädagogen genaue Kenntnis vom Schulalltag haben. Daher handelt es sich bei LinuxAdvanced auch nicht nur um eine weitere Lern-Distribution, sondern um einen Allrounder für Computerkabinette mit ganz spezifischen Anforderungen.

Erster Start

Für den Test schickte das Team aus dem niederösterreichischen Krems einen USB-Stick mit der neuen Version 12.1. Im Download-Bereich der Webseite [1] finden Sie ein ISO-Image zum Brennen auf eine DVD, wobei das System jedoch aus dem Live-Betrieb heraus das Einrichten eines USB-Stick als Boot-Medium erlaubt.

Allerdings zeigten sich beim ersten Start vom USB-Stick zunächst Probleme mit der Hardware: Das System wollte im normalen Modus partout nicht booten. Schuld am Hänger war die im Testgerät verbaute WLAN-Karte von Intel vom Typ 5100a/g/n, die unter anderen Distributionen ebenfalls häufig Probleme verursacht und eine proprietäre Firmware zum Betrieb benötigt.

Nach dem Abschalten der Komponente startete das System anstandslos in einen Desktop auf Basis von Gnome 3.4.2. Dieser präsentiert sich in dunklen Farbtönen mit lediglich dem Panel am oberen Bildschirmrand und einigen Icons auf der linken Seite.

Die Distribution, die bereits vor gut drei Jahren auf dem Prüfstand stand [2], hat sich seither drastisch verändert. Ein Klick auf den Eintrag Aktivitäten oben links in der Leiste und anschließend auf die Schaltfläche Anwendungen sorgt für die erste Überraschung: Lediglich alphabetisch sortiert listet LinuxAdvanced alle Anwendungen mit Icons auf dem Desktop auf. Das verdeutlicht sofort, welch enorme Menge Software die Entwickler ins System gepackt haben. Durch das heillose Tohuwabohu geht andererseits jeder Überblick verloren (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: LinuxAdvanced bringt viel Software mit, präsentiert diese aber extrem unübersichtlich.

Rechts am Bildschirmrand erscheint nun eine Leiste mit Programmgruppen. Klicken Sie das jeweilige Menü an, bringt das Ordnung ins Durcheinander. Die Gruppen zeigen sich zum größten Teil gut bestückt mit Applikationen, wobei sich die Distribution in Sachen Aktualität keine Blöße gibt: Der Webbrowser Iceweasel liegt in Version 10.0.4 bei, LibreOffice in Version 3.5.3.2 sowie Gimp in der aktuellen Version 2.8. Dazu gesellt sich der Mediaplayer VLC in Variante 2.0.1.

Ein Blick in die Menüs offenbart zudem, dass die Entwickler Applikationen aus unterschiedlichen Desktop-Welten integriert haben: Hier üben Gnome-Programme, KDE-Software und Tools, die unabhängig von einer Desktop-Umgebung arbeiten, eine friedliche Koexistenz. Die Software erweist sich dabei als weitgehend korrekt für deutschsprachige Anwender lokalisiert, sodass Sie keine Sprachpakete nachzuladen brauchen.

Als weiterer Pluspunkt des Systems offenbart sich die Integration der Windows-Laufzeitumgebung Wine: Sie ermöglicht es, viele Windows-Programme unter LinuxAdvanced zu betreiben. Hier gilt es zwar beim ersten Start noch das Wine-Gecko-Paket zu installieren, anschließend steht dem Einsatz von Windows-Applikationen jedoch nichts mehr im Weg. Dies hilft vor allem angesichts der Tatsache, dass deutsche Verlage viele Lehrmittel nach wie vor lediglich als Windows-Software ausliefern.

LA-Tools

Von Beginn an lag bei dem System der Fokus auf der Arbeit an Hilfsprogrammen, die das System von einer reinen Lern-Distribution abheben und für den universellen Einsatz fit machen. Daher finden sich bei der niederösterreichischen Debian-Variante viele Eigenentwicklungen, die sich im Untermenü LA Tools versammeln. Das erreichen Sie im Gnome-Desktop über das Menü Debian Live user, welches sich ganz rechts im Panel am oberen Bildschirmrand befindet. Nach dem Start der LA-Tools finden Sie verschiedene Programme zusammengefasst in einem Fenster mit entsprechenden Schaltflächen (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Die LA-Tools gehören zu den Eigenentwicklungen des Projektes, die das System für den universellen Einsatz fit machen.

Mithilfe der LA-Tools packen Sie das System mit wenigen Mausklicks auf die Festplatte, wobei der Installer zwar durch seine Liniengrafik im Terminal optisch etwas altbacken wirkt, dafür jedoch einfacher zum Ziel führt, als etwa die grafische Einrichtungsroutine bei Ubuntu. Mit den LA-Tools machen Sie das System außerdem bei Bedarf bootfähig, installieren es auf einem USB-Stick oder löschen temporäre und nicht mehr benötigte Datenbestände.

Applikationen

Zusätzlich zu den bereits im System vorhandenen Softwarepaketen dürfen Sie unter LinuxAdvanced selbstverständlich auch zusätzliche Programme zu installieren. Die Distribution bietet dazu gleich zwei grafische Werkzeuge an: Im LA-Tool-Manager finden Sie den Eintrag LA-Apps-Installer. Dieser bietet eine Auswahl von Programmen zu verschiedenen Szenarien sowie einige Addons für den Webbrowser Iceweasel.

Die zweite Möglichkeit, zusätzliche Software zu nutzen, bietet die reguläre Paketverwaltung mit Gnome-Packagekit als grafischem Frontend. Hier steht der gesamte Software-Fundus von Debian bereit, der sich derzeit auf mehr als 30 000 Programme beläuft (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: LinuxAdvanced bringt gleich zwei Programme zum Installieren von Software mit.

Sofern Sie die Distribution von einem USB-Stick gestartet haben und sie sich somit im Live-Modus befindet, haben Sie die Möglichkeit, die zusätzlich installierten Programme durch die Funktion LA-Snapshot dauerhaft ins System auf dem USB-Stick einzubinden. Somit entfällt das umständliche manuelle Nachladen bei einem weiteren Systemstart im Live-Betrieb, wie es die DVD-Live-Variante erfordert.

Doch die LA-Tools übernehmen mehr als nur grundlegende Verwaltungsaufgaben: Die Schaltflächen LA-Teaching System und LA-Student-Connect ermöglichen den schnellen Aufbau und das effiziente Steuern eines Netzwerks für den schulischen Bereich. Das Teaching-System nutzt dabei den Rechner des Lehrers als Steuerzentrale, der die Rechner der Schüler verwaltet und bei Bedarf aus der Ferne steuert.

Da es zu diesem Zweck mit iTalc [3] bereits eine verbreitete, sehr leistungsfähige Software für diesen Zweck gibt, fallen die Erwartungen an den Funktionsumfang des Systems entsprechend hoch aus. Sie starten das Teaching-System nach dem erfolgreichen Vernetzen der Computer einfach auf dem Lehrerrechner durch einen Klick auf die Schaltfläche LA-Teaching System. Danach blendet die Software ein kleines Fenster mit der IP-Adresse des Lehrerrechners und einem zufällig generierten vierstelligen PIN-Code ein (Abbildung 4).

Abbildung 4

Abbildung 4: Mehr braucht es bei LA nicht zum Fernsteuern: IP-Adresse und PIN-Code.

Auf dem PC eines Schülers rufen Sie anschließend den Eintrag LA-Student-Connect auf. Ein Fenster nimmt nun die IP-Adresse des Lehrer-PCs, einen wahlfreien Namen des eigenen Computers und den PIN-Code vom Rechner des Lehrers auf. Sodann baut der Client über VNC umgehend die Verbindung auf. Auf dem zentralen PC sehen Sie nun den Desktop des Schüler-PCs.

Zusätzlich zeigt das Teaching-System in einem weiteren Fenster in rechteckigen, farblich hinterlegten Kästen die einzelnen Rechner der Schüler mit Namen an. Ein Rechtsklick in einem der Kästen öffnet ein Menü, das die Kommunikation mit dem betreffenden Computer gestattet. Dabei beobachten Sie entweder lediglich die Aktivitäten des Schülers oder übernehmen selbst die Kontrolle.

Zudem besteht die Möglichkeit, den PC des Schülers vom Internet zu trennen oder komplett zu sperren. Außerdem fahren Sie bei Bedarf die verbundenen Rechner bei Bedarf per Mausklick herunter. Je nach Aktion wechselt dabei die Farbe der auf dem zentralen Rechner angezeigten Kästen: Fahren Sie einen Rechner herunter, so wechselt die Farbe des Symbols von Grün auf Rot. Ein ockergelbes Rechteck signalisiert dagegen eine Sperre des Internets auf dem betroffenen Rechner (Abbildung 5).

Abbildung 5

Abbildung 5: Das Teaching-System ermöglicht die komplette Kontrolle des Netzes.

Gruppendynamik

Im Computerkabinett einer Schule ist es oftmals nötig, Rechner nicht einzeln zu steuern, sondern in Gruppen eingeteilt zu betreuen. Auch das Herunterfahren aller Schülerrechner am Ende einer Unterrichtseinheit geschieht aus Gründen des Komforts für alle Systeme simultan. Das Teaching-Tool bietet hier durch die im Kontextmenü des gestarteten Programms vorhandene Option A/B Gruppen die Möglichkeit, Gruppen einzurichten und zu verwalten.

Das Kontextmenü erreichen Sie bei gestartetem Teaching-System, indem Sie mit dem Mauszeiger in die rechte untere Ecke des Bildschirms fahren und dort mit der rechten Maustaste auf den eingeblendeten Eintrag la-teaching.rb klicken. Die jeweiligen Einstellungen nehmen Sie in einem gesonderten Fenster vor.

Zusätzlich bietet das Teaching-Tool die Option, Dateien zu verteilen. Dabei dürfen die Daten in beide Richtungen laufen, also sowohl vom Lehrer zu den Schülern als auch von Schülern zum Lehrer. Diese Option stellen Sie bei Bedarf ebenfalls im Kontextmenü des gestarteten Tools durch Klicken auf den Eintrag Kopieren ein (Abbildung 6).

Abbildung 6

Abbildung 6: Das Kopier-Tool macht es leicht, Dateien an alle Schüler zugleich zu verteilen.

Server-Dienste

Eine weitere höchst nützliche Funktion der LA-Tools finden Sie in den Schaltflächen LA-Apache und LA-MySQL. Ein Klick auf eine davon startet oder stoppt einen entsprechend vorkonfigurierten lokalen Web- beziehungsweise Datenbankserver. Gerade für Webentwickler, aber auch für Schüler der gymnasialen Oberstufe, die sich im Unterricht mit den Grundlagen des Webdesigns vertraut machen und eigene Seiten entwickeln möchten, bringen die Server einen hohen Nutzen.

Der Apache-Dienst verlangt bei LinuxAdvanced lediglich noch die Angabe des Seitenpfades (der in diesem Fall dem Htdocs-Verzeichnis entspricht), und schon dürfen die Schüler testen, ob die lokal abgespeicherte Seite den eigenen Vorstellungen entspricht. Der Dienst ermöglicht auch die Anzeige einer Seite unter verschiedenen Browsern ohne umständliche Konfiguration am Webserver.

Dokumentarisches

Im Gegensatz zu anderen Distributionen, die bei selbst entwickelten Programmen keine Hilfe bieten, geschweige denn eine zusätzliche Dokumentation, haben die Entwickler von LinuxAdvanced auf der Projektseite mehrere PDF-Dokumente mit Anleitungen bereitgestellt [4].

Zwar beziehen sich diese noch auf ältere, mit dem XFCE-Desktop ausgestattete Versionen des Betriebssystems, bieten aber dennoch bei spezifischen Fragestellungen nach wie vor eine nützliche Hilfe. Auf der Webseite mit den Dokumentationen befindet sich rechts oben auch ein Link zum bereits recht gut frequentierten Forum, einen Newsletter können Sie hier ebenfalls abonnieren.

Ergonomie

In Sachen Ergonomie gibt LinuxAdvanced Anlass zu herber Kritik. Grund ist die Entscheidung für die Desktop-Umgebung Gnome. Die hat mit ihrer Abkehr von der klassischen Menüstruktur seit Version 3 einen Paradigmenwechsel vollzogen, mit fatalen Folgen für die Ergonomie. So gilt es beim Aufruf neuer Programme ständig weite Wege mit der Maus quer über den gesamten Bildschirm zurückzulegen, denn der Desktop springt nach dem Beenden einer Applikation in die Grundstellung zurück.

Da heutzutage überwiegend Breitbildmonitore zum Einsatz kommen, fallen die weiten Wege umso lästiger aus. Vor allem für Anwender auf mobilen Systemen erweist sich die Arbeit oft als Tortur: Hier kombinieren die Hersteller breite Monitoren mit einem langsam arbeitenden Touchpad. Als Ausweg bleibt nur eine extern angeschlossene Maus. Selbst auf dem Testsystem, einem IBM Thinkpad mit Trackpoint, gestaltete sich die Navigation schwierig.

Hinzu kommt, dass in den meisten Schulen Pädagogen in heterogenen Umgebungen arbeiten. Die klassische Struktur des Menüs bei Microsoft-Betriebssystemen bis Windows 7 ist den meisten Pädagogen und Administratoren geläufig. Jeder Anwender von LinuxAdvanced muss nun zusätzlich ein völlig anderes Bedienkonzept verinnerlichen.

Andere Desktops wie XFCE oder LXDE mögen zwar optisch nicht an die unaufdringliche Eleganz von Gnome heranreichen, aber sie erleichtern den Zugang zu Linux als Betriebssystem, weil der Nutzer gewohnte Konzepte vorfindet.

Kernfrage

Ein weiterer massiver Kritikpunkt an LinuxAdvanced entsteht durch den verwendeten Kernel: Die Entwickler nutzen hier den Kernel 3.2.0 in der PAE-Version. Diese Kernel-Variante eignet sich nur für Maschinen, deren CPU über eine Erweiterung der Paging-Einheit verfügt, um mehr als 4 GByte RAM zu adressieren.

Zwar beherrschen alle aktuellen PC-Prozessoren diese Technologie; etwas älteren, für aktuelle Anforderungen noch recht leistungsfähige Prozessoren wie dem Intel Pentium M fehlt sie jedoch. Daher läuft LinuxAdvanced auf den entsprechenden Maschinen nicht.

Insbesondere vor dem Hintergrund der mageren Hardware-Ausstattung, über die selbst viele weiterführende Schulen in Deutschland verfügen, erscheint der Einsatz des PAE-Kernels unverständlich. Auch Schüler, die ein kleines Budget haben und daher noch ein Notebook mit einer älteren Centrino-CPU nutzen, haben keine Möglichkeit, das System zu installieren.

Fazit

Mit der neuen Version 12.1 von LinuxAdvanced legt das Kremser Entwicklerteam eine ausgesprochen stabile und ausgereifte Distribution vor. Es zeigt sich deutlich, dass das System aus der pädagogischen Praxis resultiert und die Entwickler mit den Gegebenheiten im schulischen Computerkabinett vertraut sind.

Das Teaching-System zum raschen Vernetzen von einem Lehrerrechner aus sucht im gesamten Linux-Universum seinesgleichen und lässt sich selbst von ansonsten wenig IT-affinen Pädagogen aus dem Stand bedienen. Der Konfigurationsaufwand fällt im Vergleich zum Platzhirsch iTalc minimal aus, die Möglichkeit zum Einbinden von Live-Systemen maximiert die Flexibilität.

Weniger erfreulich fällt die neue Linux-Version aus Niederösterreich jedoch in ergonomischer Hinsicht auf. Vor allem der Einsatz des PAE-Kernels dürfte einer weiteren Verbreitung an deutschen Schulen im Wege stehen. Abschreckend dürfte auf viele Pädagogen zudem das ungewöhnliche Bedienkonzept von Gnome 3 wirken, das einen erhöhten Aufwand beim Einarbeiten verursacht.

Jene Pädagogen und Heimanwender jedoch, die sich in der glücklichen Lage befinden, über aktuelle Hardware zu verfügen und den Aufwand nicht scheuen, finden in LinuxAdvanced eine der besten Distributionen, die derzeit für diesen Zweck erhältlich ist. 

Infos

[1] LinuxAdvanced: http://www.linuxadvanced.at/la_index.html

[2] Test LA 9: Erik Bärwaldt, "Fortgeschritten", LU 06/2009, S. 18, http://www.linux-community.de/18662

[3] iTalc: Tobias Doerffel, "Auf der Schulbank", LU 08/2008, S. 46, http://www.linux-community.de/16100

[4] Dokumentation: http://www.linuxadvanced.at/la_dokumentation.html

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