Zahlenspiele

Editorial 12/2012

20.12.2012

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mussten wir vor einem Monat noch darüber spekulieren, wie sich die jüngste Windows-Inkarnation wohl im Markt machen würde, liegen jetzt erste Zahlen vor: In den fünf Wochen nach dem Verkaufsstart habe man Windows 8 rund 40 Millionen Mal verkauft, gab Windows Chief Financial Officer Tami Reller jüngst bekannt [1]. In Sachen Upgrades schlüge die neue Version damit sogar den Verkaufserfolg von Windows 7. Durch den IT-Blätterwald rauschte diese Verlautbarung in Form von zahlreichen Meldungen des Stils "Windows 8 beliebter als Windows 7".

Das wiederum sorgte in der Redaktion und im Diskurs mit Kollegen aus der Windows-Medien-Welt für heiße Diskussionen. Mochten – übrigens unabhängig von der Fraktion – die einen gar nicht fassen, wie sich Benutzer für den "Kachelofen" erwärmen können, fühlten sich die anderen in ihrem Gefühl bestätigt, Windows 8 markiere den gelungenen Aufbruch in die Post-PC-Ära. Mich persönlich hat an der Angelegenheit am meisten beeindruckt, wie gut geschmiert die Marketing-Maschine aus Redmond auch diesmal wieder läuft und Fakten problemlos so hinbiegt, dass die eigenen Produkte als alternativloses Must-have dastehen.

Macht man sich allerdings die Mühe, genauer hinzusehen, dann fällt schnell auf, dass Windows-CFO Reller einige wichtige Details dezent ausgelassen hat. So umfassen die 40 Millionen "verkauften" Windows 8 auch sämtliche OEM-Lizenzen, die PC-Hersteller für ihre Hardware erstanden haben, sowie alle Endkunden-Updates – jeweils ohne Angabe der genauen Zahlen.

Bei beiden Benutzergruppen bleibt unklar, wie viele Installationen denn tatsächlich getätigt wurden: Die Hardware-Produzenten kaufen die Lizenzen erstmal auf Vorrat, um sie dann später Stück für Stück mit ihren Produkten zu bündeln. Endkunden ködert Microsoft mit einem nur bis Ende Januar gültigen Update-Sonderangebot – anschließend steigen die Preise deutlich. Das legt den Verdacht nahe, dass viele Anwender sicherheitshalber noch schnell zum günstigen Update gegriffen haben, es vermutlich aber nur "für alle Fälle" in die Schublade legen.

Die wirklich entscheidende Zahl aber bleibt Microsoft bislang schuldig: wie viele Endkunden sich denn nun wirklich ein neues Windows 8 zugelegt haben. Allzuviele dürften es wohl nicht gewesen sein, denn sonst müsste man in Redmond nicht derart mauern, sondern könnte wie bei der Markeinführung von Windows 7 mit Superlativen um sich werfen.

Ein Indiz dafür liefert auch die Tatsache, dass sich Windows RT, der "kleine Bruder" von Windows 8, extrem schlecht verkauft. Obwohl als Tablet-Betriebssystem voll im Trend und obendrein mit der selben angeblich bahnbrechenden Oberfläche wie Win8 ausgestattet, will es kaum jemand haben. So lässt Microsoft jetzt statt geplanter vier nur noch zwei Millionen Einheiten seines Surface-Tabletts fertigen [2]. Bände spricht zudem, dass gleichzeitig Windows-Chef Sinofsky nach 23 Jahren überraschend Microsoft verlässt [3]. Zufall?

Im Zusammenhang mit Microsofts Lizenz-Zahlenspielereien hat übrigens Carla Schroder auf der News-Site LXer [4] auf eine Tatsache hingewiesen, die wir als Linux-Anwender nie aus dem Hinterkopf verlieren sollten: Jedesmal, wenn wir einen Rechner mit vorinstallierten Windows kaufen, schießen wir uns selbst ins Knie. Auch wenn wir Windows von der Platte werfen und Linux installieren, verschaffen wir Microsoft einen "Verkauf" und suggerieren den Hardware-Herstellern, ohne das Betriebssystem aus Redmond ließe sich nichts absetzen. 

Infos

[1] "40 Million Licenses Sold": http://www.tinyurl.com/lu0113-leblanc

[2] "Microsoft fährt Surface-Produktion zurück": http://heise.de/-1759248

[3] "Rätselhafter Abgang": http://tinyurl.com/lu0113-sinofsky

[4] "You're shooting yourself in the foot": http://tinyurl.com/lu0113-schroder

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