Linux bietet nicht nur eine unvergleichliche Vielfalt an Software, sondern darüber hinaus unzählige Desktops, sodass für jeden Geschmack die passende Oberfläche bereit steht. Viele Distributionen bringen eine der großen Bedienoberflächen KDE oder Gnome mit. Wer mehr will, greift zwangsläufig zum Paketmanager. Für einen kurzen Test erweist sich die Installation vieler Pakete allerdings oft als unverhältnismäßiger Aufwand.

Wesentlich flexibler zeigt sich das in Frankreich entwickelte Hybryde Linux [1], das auf Ubuntu 12.04 LTS basiert und aus dem Stand heraus einen Wechsel zwischen neun verschiedenen Arbeitsumgebungen ermöglicht. Dabei verfolgen die Entwickler ein eigenes Konzept: Statt die einzelnen Oberflächen umständlich über eine entsprechende Option im Login-Manager zu wechseln, gelingt das Umschalten per Mausklick in einem Menü – ohne Logout.

Los geht's

Hybryde Linux kommt als rund 1,6 GByte großes ISO-Image, das bereits alle Desktop-Umgebungen enthält [2]. Nach dem Brennen und anschließendem Start des Systems von der Live-DVD erscheint zunächst das Dashboard, eine mittig positionierte kleine Dock-Leiste. Hier finden Sie eine großen Schaltfläche Hybryde sowie Icons für den Aufruf eines Dateimanagers und des Terminals.

Ein Klick auf die Hybryde-Schaltfläche öffnet das Hy-Menü, in dem Sie oben neun unterschiedliche Desktop-Varianten als kleine Symbole finden. Zur Auswahl stehen KDE, Gnome 3, Gnome Classic, Unity, Enlightenment E17, LXDE, Xfce, Openbox und FVWM. Durch einen Klick auf die Schaltfläche starten Sie die gewünschte Oberfläche.

Im unteren Bereich des Hy-Menüs finden Sie zusätzlich eine Reihe von Einträgen, die in die unterschiedlichen Programmgruppen verzweigen. Darüber hinaus bietet ein Auswahlfeld unten links im Hy-Menü die Möglichkeit, einen Fenstermanager auszuwählen. Von Haus aus ist Compiz eingestellt, so dass diverse optische Effekte bereits funktionieren. Alternativ stehen Metacity, Mutter oder Kwin bereit.

Auf dem Desktop selbst befinden sich lediglich links oben zwei Symbole zur Installation des Systems auf einer Festplatte und zum Öffnen des Beispiel-Ordners. Unabhängig vom gewählten Desktop finden Sie stets rechts mittig eine kleine Schaltfläche mit einem kreisförmigen Kreissymbol in Grün, der zurück ins Dashboard führt. Bei Bedarf wechseln Sie innerhalb von wenigen Sekunden die Arbeitsumgebung mit insgesamt drei Mausklicks.

Installation

Die Installation auf der heimischen Festplatte gestaltet sich etwas aufwändiger als der Desktop-Wechsel. Zwar führt Sie die Ubuntu-Routine Ubiquity in gewohnt einfacher Weise durch das gesamte Prozedere, allerdings haben die Entwickler von Hybryde Linux es nicht geschafft, die von Ubuntu her bekannte Unart der unvollständigen Sprachunterstützung zu beheben.

Nach der erfolgreichen Installation auf mobilen Rechnern ohne DSL-Anschluss finden Sie daher zunächst einen Desktop weitgehend in französischer Sprache vor, obwohl beim Setup die deutsche Sprache aktiviert war. Deshalb gilt es zunächst mithilfe eines Internetzugangs die nötigen Pakete aus dem Netz nachzuladen und zu installieren.

Danach zeigt sich Hybryde deutlich eingängiger für den deutschsprachigen Raum, und zwar unabhängig vom verwendeten Desktop: Sie finden nun Menüs wie Programmnamen und Dialoge nahezu komplett in gewohnter Anordnung und deutscher Sprache vor. Einzige Ausnahme bildet hier Enlightenment E17, das sich mit der deutschen Sprache trotz entsprechender Einstellung nicht recht anfreunden will.

Das Hy-Menü vermag seine französische Herkunft ebenfalls nicht ganz zu verleugnen – allerdings erschließen sich aufgrund sprachlicher Ähnlichkeiten die Funktionen der einzelnen Schaltflächen selbst ungeübten Nutzern sehr schnell (Abbildung 1).

Abbildung 1: Erst nach der nachträglichen Installation einiger Pakete präsentiert sich die Oberfläche fast durchgängig in deutscher Sprache.

Software-Vielfalt

Ubuntu gehört zu den Distributionen mit der umfangreichsten Software-Auswahl schlechthin. Mehr als 30 000 Programme finden Sie in unzähligen Repositories, sodass selbst ausgefallene Anforderungen das System kaum vor Probleme stellen. Selbstverständlich enthält das Ubuntu-Derivat mit Synaptic die gewohnt komfortable Oberfläche für das Paketmanagement. Sie finden das Tool in den Menüs der verschiedenen Arbeitsoberflächen. Doch bereits von Haus bringt Hybryde Linux auf der DVD die gängigsten Programme mit: LibreOffice liegt in Version 3.5.4.2 bei, der Bildbearbeiter Gimp findet sich in Version 2.6.12 und Firefox ist in Version 12.0 mit an Bord.

Die meist kleinen Programme, die vor allem bei den Arbeitsoberflächen KDE und Gnome zum regulären Lieferumfang gehören, stehen dank sorgfältiger Implementation der entsprechenden Bibliotheken nahezu durchgängig unter allen Desktops in den zugehörigen Programmgruppen bereit. Das eröffnet die Möglichkeit, typische KDE-Programme unter XFCE nutzen, ohne diese komplett nachzuziehen. Sie finden daher bereits ab Werk in allen Programmgruppen eine Fülle von Applikationen, trotz der auf der DVD lediglich belegten 1,6 GByte Speicherplatz.

Optisches

Die einzelnen Desktops bieten bereits eine recht ansprechende Optik. Darüber hinaus erlaubt es das Hy-Menü, durch Anklicken der Schaltfläche Options zusätzliche Hingucker wie Conky, den Cairo-Desktop oder auch transparente Fenster zu aktivieren. Zusätzlich Themes runden bei Bedarf das Erscheinungsbild nach Wunsch ab.

Im Test zeigten diese Optionen jedoch in einigen Kombinationen ernsthafte Probleme: So ist nicht jede Option auf allen Desktops sinnvoll, und einige visuelle Gimmicks stellen erhöhte Anforderungen an die Hardware. Manche Effekte erfordern eine OpenGL-Unterstützung durch die Hardware, die ältere Grafikkarten nicht bieten.

Hybryde Linux gibt in solchen Fällen einen entsprechenden Hinweis aus und schaltet in einen Fallback-Modus zurück, ohne die entsprechenden Effekte zu aktivieren. Eine Ausnahme bildet auch hier wieder Enlightenment E17: Der Desktop bietet von Haus aus bereits sehr umfangreiche visuelle Effekte, die geschickt in Software implementiert sind und keiner gesonderten Hardware-Unterstützung mehr bedürfen.

In der Praxis

Im Test auf mehreren Rechnern unterschiedlicher Hardware-Generationen zeigte die Distribution einige Schwächen, die jedoch – abgesehen von der noch etwas unvollständigen Sprachunterstützung des jungen Projektes – allesamt auf die Basis Ubuntu zurückzuführen waren. Hier schlägt insbesondere die mangelhafte Pflege der Treiber seitens der Ubuntu-Entwickler durch, die bei älteren Rechnern zu Problemen führt.

Wer beispielsweise ältere Varianten der beliebten Radeon-Grafikkarten des Herstellers ATI/AMD in seiner Hardware verbaut hat, sieht sich in vielen Fällen mit Grafikfehlern konfrontiert, die meist nur durch ein manueller Wechsel auf den VESA-Treiber behebt. Dies betrifft – ebenso wie der mittlerweile berühmt-berüchtigte Festplatten-Bug [3] – vor allem Mobilrechner.

Bei Notebooks fällt zudem nach wie vor negativ auf, dass das Anpassen der Helligkeit des Displays bei vielen Modellen nicht korrekt funktioniert: Sie müssen diese bei jedem Neustart manuell nachregeln – ebenfalls eine Folge von Fehlern in Ubuntu-Treibern. Hier besteht nach wie vor Bedarf an Korrekturen.

Fazit

Hybryde Linux Evolution v1 erweist sich als eine interessante neue Distribution, die durchaus für den Einsatz im Alltag taugt und sich optisch nicht zu verstecken braucht. Das System bietet dank der Basis Ubuntu einen riesigen Software-Fundus und eignet sich – da es auf der Long-Term-Support-Variante von Ubuntu aufsetzt – für einen Betrieb über mehrere Jahre hinweg, ohne dass ständige zeitraubende Updates für das komplette System anfallen.

Durch die nahezu nahtlose Integration von neun Desktops besteht für jeden Anwender die Möglichkeit, die neuesten Entwicklungen im Bereich der Arbeitsoberflächen anzuschauen und ohne aufwändige Installation zu entscheiden, mit welchem Desktop er arbeiten möchte. 

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 2 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Related content

Kommentare