Editorial 12/2012

Wen kratzt's?

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Windows 8 ist da – das freut nicht jeden. Das neue Kachel-Interface von Microsoft orientiert sich in Sachen Bedienung derart einseitig an Touchscreen-Anforderungen, dass der klassische Desktop-Anwender allein deshalb schon mehr schlecht als recht damit klarkommt. Obendrein lässt sich das neue Windows ohne Einbindung in die Microsoft-Cloud gar nicht mehr sinnvoll nutzen – Apple lässt grüßen.

Das ist ganz offensichtlich erklärungsbedürftig: So schreibt Microsoft denn auch Händlern, die Computer mit Windows 8 anbieten, vor, wie sie Demo-Systeme einzurichten haben. Anhand des Nutzerkontos der virtuellen Verkaufshelferin Franziska Fiegler [1] sollen die Verkäufer dem Kunden im Laden demonstrieren, wie Windows 8 tickt – ohne persönliche Daten zu Demozwecken wären die Neuerungen des Systems nämlich schlicht nicht zu nutzen.

Parallel dazu behält man sich in Redmond über geänderte Nutzungsbedingungen für die eigenen Online-Dienste vor, "auf Informationen, die mit Ihrer Verwendung der Dienste in Verbindung stehen, zuzugreifen und diese offenzulegen, einschließlich, aber nicht beschränkt auf ihre persönlichen Informationen und Inhalte, oder Informationen, die Microsoft durch Ihre Verwendung der Dienste über Sie erfasst" [2]. Daten her oder Funktionen weg – das ist nicht die feine englische Art.

Dass die Benutzer Windows 8 nur zögernd annehmen, verwundert da wenig. In den ersten fünf Tagen hätten 4 Millionen Anwender auf Windows 8 aktualisiert, äußerte sich Microchef Steve Ballmer Ende Oktober ungewohnt schmallippig auf der Entwicklerkonferenz "Build" in Seattle [3]. Beim Marktstart von Windows 7 hörte sich das noch ganz anders an: Da war von "fantastischen Verkäufen" die Rede [4], die schon binnen zweier Tage "alle Erwartungen übertroffen" hätten [5].

Ein besonderes Ei hat man sich in Redmond obendrein mit Windows 8 RT – dem ARM-Ableger des Betriebssystems – und dem Surface-Tablet gelegt. Selbst hartgesottene Windows-Fanboys wie der berühmt-berüchtigte Paul Thurrott ringen angesichts dieser Kombination sichtlich um Fassung [6]. Auch die meisten Vorabtester winken bei dem Thema ganz schnell ab [7], sogar OEMs wie Acer halten eigentlich schon lange angekündigte RT-Tablets zurück [8].

Vieles deutet darauf hin, dass Windows 8 sich letztlich als Flop Vista-artigen Ausmaßes entpuppt. Bricht 2013 also endlich das oft kolportierte "Jahr des Linux-Desktops" an? Nein, denn der Massenmarkt steckt mittlerweile unverkennbar in der Post-Desktop-Ära [9] – nicht zuletzt durch Linux, das ihn denn auch fest im Griff hat. Allerdings eben nicht als Desktop, sondern in Form von Android-Geräten. Warum das so ist und vermutlich auch in Zukunft bleibt, zeigt eine äußerst lesenswerte Analyse des Linux-Foundation-Chefs Jim Zemlin [10].

Mit Windows 8 ändert sich also für den Desktop-Linuxer wenig – auch technisch, wie die Artikel im Schwerpunkt beweisen. Einen Anlass zu Jubelrufen gibt es zwar nicht, einen zum Heulen und Zähneklappern aber genau so wenig. Der Linux-Desktop bleibt eine Nische – na und? In der fühlen wir uns auch weiter so pudelwohl wie bisher auch schon. 

Infos

[1] "Franziska Fiegler": http://tinyurl.com/lu1212-franziska

[2] Vertrag über Microsoft-Dienste: http://tinyurl.com/lu1212-ms-dienste

[3] 4 Millionen Updates auf Win8: http://heise.de/-1739982

[4] "Fantastisch verkauft": http://heise.de/-852435

[5] "Alle Erwartungen übertroffen": http://heise.de/-846731

[6] "Redmond, we have a problem": http://tinyurl.com/lu1212-thurrott

[7] "Fachpresse gespalten": http://t3n.de/news/microsoft-surface-rt-test-422335/

[8] Acer verschiebt Win-RT-Tablet: http://tinyurl.com/lu1212-acer

[9] Linux und die Post-Desktop-Welt: http://tinyurl.com/lu1212-postdesktop

[10] "Welcome Windows 8 to a Post-Desktop World": http://tinyurl.com/lu1212-zemlin

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Kommentare
Post Desktop würde ich vielleicht nicht sagen...
beccon (unangemeldet), Donnerstag, 29. November 2012 21:11:45
Ein/Ausklappen

Der Desktop wird nicht verschwinden, so wie auch der Host immer noch da ist ...

Dazu gibt es zuviele Büro-Arbeitsplätze, an denen größere Dokumente bearbeitet werden. Tablets sind dazu nicht so gut geeignet. Da gibt's auch Ärger mit der Berufsgenossenschaft wegen der Ergonomie...

Aber um so schlimmer. Microsoft hinterläßt den Eindruck, daß ihm der professionelle Bereich völlig egal ist. Mich würde z.B. interessieren, was z.B. eine Bank von einer "verbesserten Integration der sozialen Medien" in den Win8 Desktop hält. Da kann man ja gleich auf Facebook posten, was da jemand im Depot hat, oder über das neue Kleid der Kollegin xy ... Na prima

Vielleicht sollte man doch den Slim-Desktop wieder hervorholen oder weiter bei XP bleiben. Naja es kommt ja erstmal Win7, das jetzt viele Firmen erst einführen...

Conrad


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