We have root

Editorial 11/2012

18.10.2012

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in der zweiten Beta 2 von Ubuntu 12.10 tauchte im September ein neues Feature auf: Jede Suche in der sogenannten Home-Lens des Unity-Desktops – sie diente bisher ausschließlich zur lokalen Suche – blendet jetzt auch zur Anfrage passende Shop-Ergebnisse von Amazon.com ein [1]. Der Zweck ist klar: Die Funktion soll Canonical über Affiliate-Einnahmen Geld in die Kassen spülen.

Dass man bei der Suche auf dem lokalen Desktop plötzlich ungefragt Werbung von Online-Anbietern erhielt, das Übermitteln der Anfragen obendrein unverschlüsselt erfolgte und Canonical kein Wort dazu verlor, welche Daten dabei wohin wandern, das trieb vielen Anwendern Sorgenfalten auf die Stirn. Dies schlug sich nicht nur in zahlreichen Bugreports nieder, sondern auch in einer erbitterten öffentlichen Diskussion.

Schnell versprach Canonical, zumindest den sicherheitstechnischen Schnitzer auszuräumen und die Suchanfragen kümnftig via HTTPS zu versenden. Im Release soll sich die Amazon-Funktion dann ganz deaktivieren lassen. So weit, so gut: Dass ein Distributor über Werbung Geld verdienen möchte, muss einen nicht freuen, ist aber zweifellos völlig legitim. Damit hätte die Sache erledigt sein können.

Die Art allerdings, mit der Mark Shuttleworth anschließend in seinem Blog mit dem Thema umging [2], lässt sich nur mit dem Wort "haarsträubend" bezeichnen. Schon in der Einleitung qualifiziert er die Sorgen der Anwender als "FUD" ab, als Panikmache und Fehlinformation also – und dann folgt eine Serie von Halbwahrheiten und Falschinformationen durch Shuttleworth selbst.

"Wir zeigen keine Werbeanzeigen in Ubuntu", heißt es da weiter. Wie soll man es dann wohl bezeichnen, wenn Produkte aus dem Shop genau eines Anbieters samt Preisangaben bei einer Desktopsuche unverlangt auftauchen? Überhaupt verbessere das Feature nur den Nutzen der Suchfunktion, behauptet Shuttleworth. Dem widersprechen viele Anwender vehement: Ihnen nützt die Amazon-Werbung gar nichts, weil es die feilgebotenen Produkte in ihren Ländern schlicht nicht gibt. Zudem schlägt die Suche beispielsweise kommerzielle Windows-Software vor – selbst, wenn es das fragliche Produkt auch für Linux gäbe [3].

"Wir teilen Amazon nicht mit, wonach du suchst", wiegelt Shuttleworth hinsichtlich der Privacy ab – doch das ist nur die halbe Wahrheit: Wie man inzwischen weiß, wandern sehr wohl Daten an Amazon [4]. Dazu schreibt der bekannte Entwickler Etienne Perot: "Amazon [erhält] die IP des Anwenders sowie das Datum und die Zeit der Anfrage und kann durch Abgleich mit kürzlichen Suchen oder das Nachschlagen der gefundenen Produkte die gesuchten Begriffe ableiten." [5]

Dem Fass den Boden ins Gesicht schlagen aber einige Anmerkungen Shuttleworths, die unverblümt enthüllen, was er wirklich von Ubuntu-Anwendern hält. "Du traust uns nicht? Hm, wir sind [auf deinem Rechner ohnehin] Root", heißt es da barsch. Wem das neue Feature nicht gefalle, der könne ja auf die nächste LTS-Version Ubuntu 14.04 warten, da wäre das dann schon repariert, "rät" Shuttleworth. Und im Übrigen solle man doch da nicht groß herumdiskutieren, "don't feed the trolls".

Anwender, die sich ob eines überflüssigen und obendrein stümperhaft implementierten Werbefeatures berechtigt um den Schutz ihrer Privatsphäre sorgen, mit irreführenden Behauptungen abzuspeisen, das ist schon dreist. Sie obendrein auch noch als dümmliche Quengler hinzustellen und ihnen den Mund verbieten zu wollen, ist eine bodenlose Frechheit. Welche Konsequenz Sie daraus ziehen, überlasse ich Ihrem Urteil. Auf meinen Rechnern jedenfalls entziehe ich Canonical das Root-Recht, ein für allemal. 

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Kommentare
Grober Schnitzer von Canonical
Bogol (unangemeldet), Montag, 05. November 2012 10:40:18
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Ich werde wegen dieser Sache Ubuntu nun nicht fallen lassen. Allerdings bleibt ein herber Vertrauensverlust. In Zukunft wird man sich jede neue Release sehr, sehr kritisch ansehen müssen. Schlimm genug, Adware/Spyware ins Betriebssystem zu integrieren, aber schlimmer noch ist, wie Shuttleworth mit der Kritik umgeht und die Community wie iSheep behandelt. Gut - für manche Leute ist das passend, denn wenn man sich die Kommentare zu seinem Blog durchliest; die kann man eigentlich nur als uSheep bezeichnen.


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Kontrolle ob wirklich Ubuntu-frei
Gust (unangemeldet), Dienstag, 23. Oktober 2012 21:00:35
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dann werde ich von nun an immer am Zeitschriftenregal im Supermarkt vorbeilaufen und checken ob die LinuxUser auch wirklich Ubuntu-frei ist. Ich will keinerlei Erwähnung des Namens und auch keinerlei Artikel mehr über Ubuntu sehen. Sonst erkläre ich diese Zeitschrift als haarsträubend Bild-Zeitungsartig und entziehe ihr jegliche Kompetenz in Sachen Linux.

Na? Wie wäre das? Mal so richtig konsequent... eine Ubuntu-User dürfte es dann ja auch nicht mehr geben.

Ach... Ubuntu hat eine Menge Nutzer, die diese Zeitschrift kaufen? Tja, dann macht sich so ein Blödsinn-Editoral besonders gut.

Da bin ich nun mal gespannt. Ob diese Zeitschrift auch ohne Ubuntu CD und ohne Ubuntu-Artikel überlebt. Ich bezweifle es. Aber bashen und trollen... macht Spaß, nicht wahr?


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Re: Kontrolle ob wirklich Ubuntu-frei
wicwen (unangemeldet), Samstag, 27. Oktober 2012 13:13:55
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Wie stehts mit dem Ubuntu-Derivat Mint?


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Korrektur
Günni (unangemeldet), Dienstag, 23. Oktober 2012 12:30:50
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Es sollte Ubuntu statt Ubuntuusers heißen, wenn möglich korrigieren.


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Günni (unangemeldet), Dienstag, 23. Oktober 2012 12:00:02
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Schade, dass durch die Dummheit Shuttleworths jetzt die populärste Linux-Distribution unwiderruflich beschädigt wurde. Allein die aufgezeigte Haltung Shuttleworth ist für seriöse Nutzer alarmierend genug. Ich bin dann mal auf Linux Mint Debian .... Dennoch schade.

Aber danke für diese klare und richtige Stellungnahme. Facebookler und Amazonler, Schüler ...werden Ubuntuusers erhalten bleiben.


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Herr Luther war noch Ubuntu User?
K. R., Samstag, 20. Oktober 2012 13:11:50
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Wollte er nicht schon seit Ubuntu 9.x die Distro wechseln? Mir war so, als habe er das schon vor langer Zeit angekündigt.


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Wozu immer dieses Genörgel?
K. R., Freitag, 19. Oktober 2012 20:39:52
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Gibt es denn in der Linux Welt nichts Positives zu berichten? Muss bei gefühlt jeder 2. Ausgabe das Editorial nur aus Bashing, Kritik, Nörgeleien bestehen?

Mir verdirbt's langsam die Freude am Lesen. Viele Jahre Linux-Magazin gelesen, jetzt einige Jahre Linux-User (beides im Abo)

Ich werd' mir wohl die Ubuntu-User näher anschauen, da beschäftigt man sich nicht nur mit anderen Themen.
btw: Gerade auf Ubuntu 12.10 aktualisiert. Aus Gründen ;)


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Kommentare
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Günni (unangemeldet), Dienstag, 23. Oktober 2012 12:00:02
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Schade, dass durch die Dummheit Shuttleworths jetzt die populärste Linux-Distribution unwiderruflich beschädigt wurde. Allein die aufgezeigte Haltung Shuttleworth ist für seriöse Nutzer alarmierend genug. Ich bin dann mal auf Linux Mint Debian .... Dennoch schade.

Aber danke für diese klare und richtige Stellungnahme. Facebookler und Amazonler, Schüler ...werden Ubuntuusers erhalten bleiben.


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