Einer der führenden Hirnforscher Deutschlands, Manfred Spitzer, brachte in der NDR-Talkshow vom 3. August [1] seine Ansicht so auf den Punkt: "Jungen Menschen in der Schule Anwendersoftware beizubringen, ist ein Verbrechen". Spitzers Spezialgebiet ist die Neurodidaktik, ein Fach, das die Ansätze der Neuro-Wissenschaften mit praxisorientierten und pädagogischen Konzepten kombiniert und Lernerfolge empirisch misst, unter anderem anhand der Hirnfunktionen.

Spitzer weist insbesondere darauf hin, dass sich die Programme beispielsweise von Microsoft "alle Nase lang" ändern. Deshalb bringe es nichts, Anwendungssoftware zu lehren. Ähnliches beklagte bereits der schwedische Anwalt Mathias Klang auf der KDE Akademy 2012 in seiner Keynote: "Wir unterrichten das Benutzen, nicht den Code!" [2].

Die Experten sind sich einig: Dieses Vorgehen ist nicht nachhaltig. Derartige Methoden führen nicht nur zu "Digitaler Demenz" (so lautet der Titel von Spitzers neuestem Bestseller), sondern auch zu einer "Generation Gap". Besonders letztere hat jetzt das Linux Professional Institute zum Handeln veranlasst.

Generationslücke

Emiel Brok vom LPI Niederlande bringt das in einer wissenschaftlichen Untersuchung [3] auf den Punkt: Ihm zufolge zeigt sich die "Open Generation Gap" in der Kluft zwischen der stetig zunehmenden Anzahl an Open-Source-Anwendern und der trotzdem immer kleiner werdenden Menge an geschulten Open-Source-Professionals.

Seine Studie belegt, dass dieser Mangel vor allem daher rührt, dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen die Grundlagen der IT und insbesondere freie Software ignorieren. Weil diese Themen den Absolventen fremd bleiben, fragen Unternehmen erst gar nicht nach dieser Qualifikation und verzichten lieber ganz auf den Einsatz von Open-Source-Software.

Sprung über die Hürde

Strategien, um diese Hürde zu überwinden, sucht Brok in den Arbeiten von Everett Rogers [4] über Innovationszyklen und deren Verbreitung. Im Ergebnis präsentiert er Empfehlungen, wie sich diese Lücke überwinden ließe – nicht nur, aber vor allem für Bildungseinrichtungen. Die müssten umdenken, denn der Bedarf sei da, das zeigen Studien.

Der Linux Foundation zufolge wollen 80 Prozent der Admins in den Unternehmen entweder auf Open-Source-Software setzen oder mehr Programme aus diesem Umfeld nutzen. Zum gleichen Ergebnis kommen Accenture oder IBM. Allerdings fehlen Mitarbeiter mit dem richtigen Know-how.

Die Innovationsforschung gibt Brok zufolge sechs Faktoren vor, die maßgebend die erfolgreiche Adaption neuer Technologien beeinflussenn, und dabei schneidet Open-Source-Software eigentlich nicht schlecht ab. Vor allem in Sachen Nachhaltigkeit können Open-Source-Software und das damit verbundene Know-how punkten, meinen Brok und das LPI. Aber dafür braucht es ihrer Ansicht nach vor allem eines: Mehr Anwender und mehr Linux-Ausbildung für diese.

Deshalb hat sich das neuen "Linux Essentials Certificate Program" [5] vor allen Dingen eines zum Ziel gesetzt: Linux auch in Schulen und Bildungseinrichtungen voranzubringen und eine einfache, anwendergerechte Zertifizierung für Lehrer, Schüler und Einsteiger zu bieten.

Das Wiki auf der LPI-Website (Abbildung 1) beschreibt den typischen Adressaten: Die Zertifizierung zielt auf Anwender, die ein Grundwissen zum kompetenten Einsatz von Linux auf dem Desktop oder auf einem mobilen Gerät aufbauen möchten. Das Programm richtet sich an Jugendliche und diejenigen, für die Linux und Open Source Neuland bedeutet, und hilft diesen, den Platz von Linux und Open Source im größeren Umfeld der IT-Branche zu verstehen [6].

Abbildung 1: Die Website des Linux Professional Instituts bietet detaillierte Informationen über die Inhalte des Essentials-Zertifikats.

Aufbau

Immer wieder taucht im Linux-Essentials-Curriculum das Wort "grundlegend" auf, sei es bei den Konzepten freier und Open-Source-Software, Prozessen, Programmen oder der Hardware. Die Prüfung eignet sich nach Meinung des LPI explizit insbesondere für Jugendliche und Lehrer, die bereits über minimale Vorkenntnisse verfügen.

Großen Wert legt das Institut darauf, dass Anwender wissen, welche Alternativen die gängigen Linux-Distributionen für typische Arbeiten am PC bieten. Betriebssysteme, Distributionen, Office-Varianten, Browser, Mailprogramme, sogar Bild- und Video-Bearbeitung stehen auf der Liste der Inhalte. Dabei teilen sich die Lernziele in fünf Bereiche auf:

  • Community, Karriere im Open-Source-Umfeld
  • Orientierung auf einem Linux-System
  • Umgang mit der Kommandozeile
  • Das Linux-Betriebssystem
  • Sicherheit und Dateiberechtigungen

Die Teilbereiche weichen in Bezug auf den Grad der Schwierigkeit zum Teil stark voneinander ab: Dass einem eher oberflächlichen, konzeptorientierten Punkt wie "Community und Karriere" gleich zwei vergleichsweise tiefschürfende Kapitel mit vielen Befehlszeilenkommandos folgen, ist wohl der eiligen Zusammenstellung des Programms geschuldet – das Linux-Essentials-Konzept entstand innerhalb eines Jahres und dürfte in den nächsten Jahren noch einige Anpassungen erfahren.

Das Thema "Betriebssystem" tendiert wieder eher zu allgemeineren Inhalten. Zwar vermittelt es viele Konzepte gängiger Linux-Systeme, beschreibt aber zusätzlich die Hardware und zeigt deren Funktion in modernen Rechnern. Der letzte Themenbereich arbeitet wieder fast ausschließlich an der Kommandozeile. Er gibt dem Prüfling Gelegenheit zu beweisen, wie gut sein das Wissen über Benutzer- und Rechtemanagement ausfällt.

Die Spanne der vermittelten und geprüften Inhalte fällt beträchtlich aus: Zuerst lernt der Anwender Einiges über die Philosophie und Geschichte von Linux und Open-Source. Er erfährt, was Distributionen sind und wo Linux überall zum Einsatz kommt, zum Beispiel im noch recht jungen Embedded-Bereich. Neben den typischen Desktops und Anwendungen soll er Lizenzen, Programmiersprachen und Software für Server zumindest kennen und die jeweiligen Alternativen aus der Welt der proprietären Produkte nennen können.

Im zweiten und dritten Block geht es auf die Konsole. Hier stehen grundlegende Kommandos wie ls, man, grep, find und Bash-Interna wie history sowie Umgebungsvariablen auf dem Lehrplan, aber auch das Erstellen eigener Shell-Skripte mit regulären Ausdrücken, Tests, Schleifen und Bedingungen sowie das Auswerten von Eingaben der Benutzer.

Hardware, Netzwerk, Datenspeicher und generell die Wahl des richtigen Betriebssystem bilden den Mittelpunkt des vierten Bereichs – immer im Vergleich mit den Platzhirschen von Microsoft und Apple. Wer sich da durchgekämpft hat, erfährt im Endspurt der Prüfungsvorbereitung die Konzepte der Benutzerverwaltung auf Linux, lernt, was der Systemadministrator Root alles darf, wie man Benutzer, Gruppen und Dateirechte sinnvoll einsetzt und wie sich der Verzeichnisbaum eines typischen Linux-Systems gliedert.

Die Prüfung

In Kooperation mit den Virtual University Enterprises [7] bietet das LPI die Essentials-Prüfung weltweit an – allerdings steht derzeit die Infrastruktur noch nicht. Wer in Deutschland als einer der Ersten die Linux Essentials-Zertifizierung erwerben will, muss den Test im Linux-Hotel [8] ablegen, andere Prüfungszentren sollen folgen. Die Teilnahmegebühr von 50 Euro ist unabhängig vom Erfolg: Wer durchfällt, zahlt erneut, bis er es erfolgreich geschafft hat oder aufgibt.

Die Aufgaben liegen wie bei den anderen LPI-Tests typischerweise im Multiple-Choice-Format vor, aber auch als offene Fragen, bei denen der Proband eigenen Text eingeben muss. Zum Bearbeiten bleiben 60 Minuten Zeit, also etwa anderthalb Minuten für jede der 40 Fragen, wobei ein Tutorial den Einstieg erleichtert.

Fazit

Das Linux Professional Institut versucht die Quadratur des Kreises – und es hat dabei einen guten Kompromiss gefunden. Wenn jetzt Lehrer und Bildungseinrichtungen die Vorlage aufnehmen, stehen die Chancen nicht schlecht, für mehr und besser ausgebildeten Linux-Nachwuchs zu sorgen.

Die offiziellen, frei verfügbaren Schulungsunterlagen [9] (Abbildung 2) oder von Verlagen produzierte Werke [10] bieten da eine gute Grundlage – selbst für die, die vielleicht die eigentliche Prüfung scheuen, ihre Linux-Kenntnisse aber auf ein solides Fundament stellen wollen. 

Abbildung 2: Schulungsunterlagen unter Creative-Commons-Lizenz bietet – wie für alle LPI-Prüfungen – der Trainingsspezialist Linupfront.

Berufsschule München: Linux als Zusatzangebot

Wie sich Linux-Zertifizierungen organisch in das Bildungsangebot einer Berufsschule integrieren lassen, macht bereits seit 2005 die Städtische Berufsschule für Informationstechnik München beispielhaft vor: Sie bietet über den Pflichtunterricht hinaus als Ergänzung für die Schüler Wahlunterricht in Linux an (Abbildung 3).

Abbildung 3: Zukunftsweisendes Konzept: Die integrierte Linux-Zusatzausbildung der Städtischen Berufsschule für Informationstechnik in München.

Ab dem Schuljahr 2012/13 besteht die Möglichkeit, das Wahlfach Linux mit dem Schwerpunkt Linux Essentials zu besuchen und im Anschluss die Zertifizierungsprüfung Linux Essentials abzulegen. Im Zeugnis wird eine Bemerkung über den erfolgreichen Besuch eingetragen. Linux Essentials richtet sich vor allem an diejenigen Schüler, deren Schwerpunkt nicht auf der technischen Seite liegt, oder die, die Linux-Grundkenntnisse erlangen wollen.

Ergänzend zu diesem Linux-Essentials-Angebot haben die Lehrer Michael Niedermair und Joachim Wolf ein umfangreiches Übungsskript erstellt, das die von der Zertifizierung behandelten Themen anhand des Szenarios einer Schülerklassenfahrt behandelt. Es vermittelt und übt den Lehrstoff in fünf Bereichen mit Text, allgemeinen Übungen, Szenario-Übungen und Fragen. Das Skript [11] steht öffentlich-rechtlichen Schulen zur nichtkommerziellen Nutzung frei, andere Lizenzvereinbarungen sind nach Absprache möglich. (jlu)

Infos

[1] NDR-Talkshow: http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_talk_show/videos/ndrtalkshow1481.html

[2] "We teach use, but not code": Markus Feilner, "Steiniger Weg", Linux-Magazin 09/2ß12, S. 20

[3] Emil Brok: http://atcomputing.nl/Training/Publicaties/ogg.php

[4] "Diffusion of Innovations" (Zusammenfassung): http://en.wikipedia.org/wiki/Everett_Rogers

[5] LPI Essentials: http://www.lpi.org/linux-certifications/introductory-programs/linux-essentials

[6] Linux Essentials-Inhalte: http://wiki.lpi.org/wiki/LinuxEssentials(DE)

[7] Pearson VUE: http://www.pearsonvue.com/lpi

[8] Linux-Hotel: http://www.linuxhotel.de

[9] Freies Schulungsmaterial: http://shop.linupfront.de/product/lxes/

[10] Buch zu Linux Essentials: Christian Hesse, Michael Gisbers, "Linux Essentials", Open Source Press, https://www.opensourcepress.de/index.php?26&backPID=178&tt_products=354

[11] Linux-Essentials-Übungsskript: http://www.bsinfo.musin.de/index.php/zusatzangebote/linux-zertifizierung

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