Editorial 10/2012

Copywrong

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

6. August 2012, frühmorgens: Nach einem technisch gewagten Abstiegsmanöver setzt die Landestufe des NASA Mars Science Laboratory mit dem 900 Kilo schweren Rover Curiosity wie vorgesehen weich im Nordwesten des Kraters Gale südlich der Tiefebenen von Elysium Planitia auf. Schon eine Stunde später präsentiert die US-Weltraumbehörde auf ihrer Youtube-Seite ein atemberaubendes Video des Landemanövers – aber nur für zehn Minuten. Danach erscheint statt des Videos nur noch folgender Satz: "This Video contains content from Scripps Local News, who has blocked it on copyright grounds." [1]

2. September 2012, abends: Auf der 70. World Science Fiction Conference (Worldcon) wird in Chicago der Hugo-Award vergeben, einer der bedeutendsten Science-Fiction-Preise. Damit auch Fans im Internet sowie Gäste, die im Saal keinen Platz mehr gefunden haben, die Zeremonie verfolgen können, gibt es einen Live-Stream. Einer der Preisträger erhält den "Hugo" für seine Arbeit als Autor an der TV-Serie "Doctor Who", dabei ist ein kurzer Clip aus der Serie zu sehen. Dann bricht der Live-Stream ab: "Worldcon banned due to copyright infringement". [2]

4. September 2012, abends: Auf der DemConvention 2012, dem Parteitag der US-Demokraten, stellen Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden noch einmal ihre Pläne für die nächsten Jahre vor. Eine sechsstündige Aufzeichnung aller Reden erscheint kurz darauf auf der Youtube-Seite des Democratic National Congress. Kurz darauf ist sie verschwunden, stattdessen erscheint nur noch der Text: "This video contains content from WMG, SME, Associated Press (AP), UMG, Dow Jones, New York Times Digital, The Harry Fox Agency, Inc. (HFA), Warner Chappell, UMPG Publishing and EMI Music Publishing, one or more of whom have blocked it in your country on copyright grounds" [3].

Dies sind nur die drei prominentesten Fälle rund um ein Phänomen, das seuchenartig mehr um sich greift und neuhochdeutsch verharmlosend "Copywrong" heißt. In Wirklichkeit läuft hier Habgier Amok, unter dem Deckmäntelchen des Copyright. Diese Vorfälle zeigen unmissverständlich auf, wie dringend das Urheberrecht reformiert werden muss, soll es nicht zur bloßen Profitgarantie für eine lobbystarke Content-Industrie verkommen. Bezeichnend ist, dass alle drei geschilderten Vorfälle Ereignisse des öffentlichen Raums betreffen, vulgo: Nachrichten. Die selbe Selbstbedienungsmentalität legen bekanntlich auch deutsche Medienkonzerne an den Tag, die abgeschriebene Agenturmeldungen zur "Leistung" hochstilisieren, für die ein "Schutzrecht" geschaffen werden müsse.

Um die Copyright-Amokläufer zu stoppen, bevor sie die Informationsfreiheit im Netz komplett umgebracht haben, hilft offensichtlich nur noch ein finaler Rettungsschuss. Wie der aussehen könnte, zeigt beispielhaft ein Entwurf der Berliner Piraten zur Reform des deutschen Urheberrechtsgesetzes (UrhG) auf. So hebelt das Papier [4] durch die Forderung einer "Gestaltungshöhe über dem Durchschnittsschaffen" ein Leistungsschutzrecht aus und fordert eine Stärkung der Rechte-Inhaber gegenüber der Content-Industrie.

Daneben verlangt der Entwurf eine Rechte-Erschöpfung auch für die digitale Welt, sodass Anwender von ihnen erworbenen digitalen Content wie analoge Güter nutzen dürfen, etwa sie verleihen oder weiterveräußern. Hochschulen, andere Bildungseinrichtungen und Museen sollen in lokalem Rahmen Inhalte leichter nutzen dürfen. Verwerter wie die GEMA dürfen beim Liedabend im Kindergarten oder der Aufführung der Schultheatergruppe nicht mehr abkassieren. Apropos GEMA: Die soll endlich offenlegen, was sie warum an wen ausschüttet. Damit der Schöpfer eines Werks etwas von seiner Leistung hat, genügt auch eine Schutzfrist von 10 Jahren nach seinem Tod, statt der derzeit gültigen 70 Jahre, die auch noch den Ur-Ur-Enkeln des Autors das Abkassieren gestatten.

Dieses Konzept ist ambitioniert, aber nicht weltfremd, ließe sich mit minimalen Anpassungen des UrhG schnell realisieren, würde sofort die die schlimmsten Copyright-Auswüchse dämpfen, die wirklichen Urheber sogar erheblich in ihren Rechten stärken und gleichzeitig Inhalte für Kultur und Lehre öffnen. Obendrein wäre er zweifellos konsensfähig, liegt er doch nicht weit davon entfernt, was andere Parteien (wenn auch weniger deutlich) formulieren – von den unverkennbar lobbygesteuerten Christdemokraten einmal abgesehen.

Schade, dass "Spiegel Online" den gelungenen Wurf der Berliner Piraten hämisch als "weichgespültes Reförmchen" diskreditiert [5]. Noch trauriger ist allerdings, dass sich noch nicht einmal die Piratenpartei selbst hinter das durchdachte Papier stellen will [6]. Damit beweist sie einmal mehr, dass ihr Ideologie derzeit immer noch wichtiger ist als konkretes, zielorientiertes Handeln. Schade eigentlich. 

Infos

[1] "Takedown statt Touchdown": http://heise.de/-1661975

[2] "Copyright-Maschine stoppt Live-Stream": http://heise.de/-1698288

[3] "Absurde Welle": http://heise.de/-1699109

[4] Entwurf der Piratenfraktion Berlin: http://tinyurl.com/lu1012-piraten

[5] "Piraten legen Reförmchen vor": http://tinyurl.com/lu1012-spon

[6] "Entwurf nicht abgestimmt": http://heise.de/-1698994

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