Rasiermesserscharf

Siduction mit dem innovativen Desktop Razor-qt

16.07.2012
Der leichtgewichtige, wieselflinke Desktop Razor-qt basiert wie KDE auf dem Qt-Framework. Als Oberfläche des Debian-Sid-Derivats Siduction 12.1 spielt er seine Stärken voll aus.

Die beiden führenden Desktop-Umgebungen für Linux sind KDE SC und Gnome. Allerdings vergrätzten beide Projekte in den letzten Jahren durch ihre Upgrade-Politik viele Fans. Sowohl KDE SC 4 als auch Gnome 3 waren in ihrer Anfangsphase für produktive Zwecke schlicht unbenutzbar. Außerdem fallen bei beiden Desktops die Hardwareanforderungen nicht gerade bescheiden aus. Für Gnome haben sich als leichtgewichtige Alternativen XFCE und LXDE etabliert, die wie der große Bruder auf dem GTK-Framework basieren.

In Form von Razor-qt [1] hat KDE SC erst vor kurzer Zeit ebenfalls ein leichtgewichtiges Pendant bekommen. Wie Sie im Kasten "Interview mit einem Razor-qt-Entwickler" nachlesen können, war – wie so oft – Eigennutz die Triebfeder für dieses Unterfangen: KDE 3 war dem Initiator des Razor-qt-Projekts auf der vorhandenen Hardware zu langsam, die vorhandenen Alternativen erschienen ihm optisch nicht ansprechend genug. Also entwickelte er kurzerhand selbst einen Desktop auf Qt-Basis.

Was ist eigentlich Qt?

Qt, ausgesprochen wie das englische "cute" ([kju:t], dt.: niedlich, schnuckelig), ist eine C++-Klassenbibliothek für das plattformübergreifende Programmieren grafischer Benutzeroberflächen. Qt wurde ursprünglich vom norwegischen Unternehmen Trolltech entwickelt und 2008 von Nokia aufgekauft. 2011 legte Nokia das Projekt unter dem Namen Qt-Project als freie Software in die Hände der Open-Source-Community. Das prominenteste Vorzeigebeispiel für den Einsatz des Qt-Framework ist KDE, dessen bislang letzte Inkarnation KDE SC 4 auf Qt4 basiert. An einem Nachfolger auf Basis der bereits erschienen Version 5 von Qt bastelt das KDE-Projekt bereits.

Siduction-Razor-qt

Die auf Debian "Unstable" aufsetzende Distribution Siduction [2] hat auf dem LinuxTag 2012 in Berlin eine erste vollwertige Implementation von Razor-qt in einer Distribution vorgestellt [3]. Hierzu wurde, da für Debian noch keine Razor-qt-Pakete zur Verfügung stehen, ein Auszug aus dem Git-Repository von Razor-qt 0.4.1 vom 26. Mai 2012 ausgecheckt und mit Siductions Buildsystem Pyfll in ein installierbares integriert.

Da die Entwicklung von Razor-qt schnell voranschreitet, erstellten die Siduction-Entwickler für die Heft-DVD dieser Ausgabe am 20. Juni exklusiv für LinuxUser einen weiteren Snapshot und bauten damit ein Siduction-Live-Image. Seit der Veröffentlichung des Development-Releases von Siduction sind beispielsweise ein Mount- sowie ein Notification-Modul dazugekommen. Das ISO-Image auf der Heft-DVD hat eine Größe von rund 700 MByte, es handelt sich um ein Live-Image mit Installer. Support dazu bietet die Siduction-Crew in ihrem Forum oder im IRC unter #siduction-de an.

Qt-Apps im Release

Ein Desktop-Environment auf Qt-Basis verlangt natürlich auch nach Qt-basierten Programmen. Aber wer kennt schon ausreichend in Qt geschriebene Programme, um eine Distribution damit in allen Positionen auszustatten?

Klar: Es gibt VLC, Qmmp und Qt-Versionen etlicher bekannter Programme wie Transmission oder Virtualbox. Aber ein fähiger Browser, ein Brennprogramm oder ein Dateimanager mit Zwei-Fenster Ansicht? Beginnt man erst einmal, nach Qt-basierten Programmen zu recherchieren ([4]), freut man sich über die große Fülle an vorhandenen Programmen. Doch die Ernüchterung folgt gleich auf dem Fuß, da viele der Programme entweder qualitativ nicht ausgereift sind oder schon länger nicht mehr weiterentwickelt werden.

Beim Aussortieren bleiben aber doch einige echte Perlen übrig, wie etwa der Webkit-basierte Browser QupZilla [5] oder die Brennsuite Silicon Empire [6]. Das Siduction-Team fand nach längerer Recherche ausreichend Stoff, um das Razor-qt-Release mit Qt-Apps für alle wichtigen Positionen auszustatten; als Login-Manager findet LightDM Verwendung. Eine komplette Liste der Apps finden Sie in der Tabelle "Qt-Apps in Siduction Razor-Qt".

Qt-Apps in Siduction Razor-Qt

Name Funktion
BSC Der Zwei-Fenster-Dateimanager Beesoft Commander lehnt sich an den Norton Commander an und bringt vielen Eigenschaften des Urahns mit.
JuffEd Ein Texteditor, File-Browser und Terminal in einer Oberfläche, der in C++ geschrieben ist und Qt4 als grafische Oberfläche nutzt. Er lässt sich über Plugins erweitern und lässt sich vielseitig konfigurieren.
Nomacs Ein Betrachter für alle gängigen Bildformate mit verschiedenen Bearbeitungsfunktionen wie Beschneiden, Drehen und Skalieren. Er unterstützt das Öffnen mehrerer Viewer-Fenster auf einem Rechner oder im LAN und synchronisiert diese.
QasMixer Ein Desktop-Mixer für das Simple Mixer Interface von Alsa, der einen ähnlichen Funktionsumfang bietet wie Alsamixer. Er beinhaltet auch ein Tray-Icon mit grundlegenden Mixer-Funktionen.
Qlipper Ein leichtgewichtiges, plattformübergreifendes Applet für die Zwischenablage.
Qmmp Der Audio-Player basierent auf den Qt-Bibliotheken und hat eine ähnliche Nutzerschnittstelle wie Winamp oder XMMS.
Qterminal Der Multitab-Terminal-Emulator basiert auf dem QtermWidget von Qt. Er lässt sich im normalen Fenster oder als Dropdown-Terminal á la Yakuake konfigurieren.
QupZilla Der schnelle Multi-Plattform-Webbrowser nutzt als HTML-Rendering-Engine QtWebKit.
QutIM Der Multiprotokoll-Instant-Messenger unterstützt die gängigen Protokolle (ICQ, Jabber, Mail.Ru, IRC, VKontakte).
QXKB Ein simpler Tastatur-Layout-Umschalter.
Screengrab-qt Das Tool erstellt Bildschirmfotos und legt diese in der Zwischenablage ab oder lädt sie ins Internet hoch.
Silicon Empire Ein Brenn-, Kopier- und Löschprogramm für optische Medien. Es arbeitet auf CDs, DVDs und Blu-ray-Disks, zeigt alle Informationen der benutzten Medien vor dem eigentlichen Brennprozess an und beherrscht Drag & Drop. Es kann mit vielen Image-Formaten (ISO, NRG, BIN, MDF und IMG) umgehen.

Nach dem Start

Der Start von Siduction selbst geht recht flott vonstatten. Auf einem älteren Notebook, das als Testgerät diente, erschien der Login-Screen nach 28 Sekunden, von dort zum fertig aufgebauten Desktop dauerte es weitere 4 Sekunden. Auf einem Sandy-Bridge-PC mit Intel Core i7 2600K und SSD nahm – bei ausgeschaltetem Login-Manager – der Startvorgang bis zum fertigen Desktop lediglich 11 Sekunden in Anspruch.

Auf dem Desktop befinden sich neben einem Panel noch drei Icons sowie eine Analog-Uhr. Die drei Icons verlinken das Siduction-Handbuch, den Installer und den IRC-Kanal #siduction-de. Im Panel gibt es am linken Rand neben dem Startmenü noch Startknöpfe für den Browser QupZilla (Abbildung 1), Qterminal und den Texteditor JuffEd hinterlegt. Am rechten Rand beherbergt das Panel einen Ausschalter, zwei Symbole für virtuelle Desktops, das Clipboard Qlipper, den Tastatur-Layout-Umschalter sowie Screengrab für Screenshots. Insgesamt erscheint der Desktop sehr aufgeräumt.

Abbildung 1: QupZilla und Kvirc laden ins Internet ein.

Im Startmenü findet sich unter Einstellungen | Razor-qt Settings das Razor Konfigurations Center, das – angelehnt an die System-Settings von KDE SC 4 – alle wichtigen Einstellungen beherbergt (Abbildung 2). Auch Openbox selbst konfigurieren Sie dort. Autosuspend per Menü oder durch Schließen des Notebook-Deckels funktionierten ebenso wie der Mount-Button ohne weitere Nacharbeit sofort.

Abbildung 2: Das Razor Konfigurations Center fasst alle Einstellungen übersichtlich zusammen.

Insgesamt erfordert Razor-qt nicht viel Eingewöhnung, sobald man sich einmal mit den vorinstallierten Qt-Apps vertraut gemacht hat. Herausragend präsentieren sich in jedem Fall der Browser QupZilla und das Brennprogramm Silicon Empire (Abbildung 3). Angenehm benutzen lässt sich auch Qterminal, da es neben dem normalen Fenstermodus einen Dropdown-Mode á la Yakuake bietet.

Abbildung 3: Mit Silicon brennen, während Qmmp den Soundtrack liefert.

Was kann Razor-qt?

Razor-qt besteht derzeit aus den Hauptmodulen Panel, Desktop, Programmstarter, Einstellungszentrum und Sitzungsverwaltung. Neu in der derzeit aktuellen Version 0.4.1 sind ein PolicyKit-Modul zur Rechteverwaltung, ein Powermanagement- sowie ein Auto-Suspend-Modul. Als Fenstermanager dient bei Siduction der von Razor-qt standardmäßig gestartete Openbox.

Alternativ können Sie den Qt4-basierten Window-Manager Eggwm [7] sowie Metacity oder Sawfish einsetzen. Theoretisch kooperiert auch der KDE-Window-Manager KWin mit Razor-qt, dessen Einsatz aber wegen der umfangreichen Abhängigkeiten zu den Kdelibs und Plasma jedoch nur wenig Sinn macht. Das könnte sich ändern, sobald KWin einmal auf Qt5 und KDE Frameworks 5 aufbaut: Durch die weitere Aufsplittung von Funktionalitäten bei KDE SC 5 würde es dann möglich, ein KWin ohne Kdelibs- und Plasma-Funktionalität zu bauen.

Wer braucht Razor-qt?

Razor-qt ist für alle Nutzer interessant, die eine schnelle und ressourcenschonende Desktop-Umgebung bevorzugen und dabei gerne auf Qt setzen möchten. Mit einem Footprint von nur 170 MByte eignet sich Razor-qt auch für ältere Geräte, die lediglich 256 MByte Hauptspeicher mitbringen. Von der Funktionalität und Stabilität her lässt es sich für die meisten Belange bereits problemlos einsetzen – Abstürze verzeichneten wir in den Tests nicht. So wurde dieser Artikel zu 100 Prozent mit dem Siduction-Release von Razor-qt erstellt. Dazu kam zum Schreiben der Editor JuffEd zum Einsatz. Als Tool für die Zwischenablage diente Qlipper, die Bilder wurden mit Screengrab-qt erstellt. Alle Links testeten wir mit dem Browser QupZilla.

Fazit

Das vielversprechende junge Projekt Razor-qt findet bereits viel Anklang und Unterstützung im Linux-Umfeld, die Entwicklung geht stetig voran. Schaut man zwei Tage nicht ins Git-Repository, gibt es stets eine Menge neuer Code-Einträge ("Commits") nachzulesen. Es steht zu erwarten, dass Version 0.5 alle gängigen Module einer Desktop-Oberfläche liefern wird und Razor-qt weiter zu einem stabilen und schnellen Desktop-Environment reift. Das Siduction-Projekt plant, Razor-qt mit dem nächsten Release in einigen Monaten in den normalen Release-Zyklus übernehmen. 

Interview mit einem Razor-qt-Entwickler

Alexander Sokoloff, Initiator und einer der Hauptentwickler hinter Razor-qt hat uns freundlicherweise ein paar Fragen zum Projekt beantwortet.

LinuxUser: Alexander, es gibt mit KDE SC, Gnome, XFCE, LXDE und anderen eine ganze Menge an Desktop-Umgebungen auf dem Markt. Woher kam die Idee, eine weitere zu programmieren – und warum mit Qt?

Alexander Sokoloff: Ich benutzte KDE seit Version 2 und mochte es sehr. Jedoch empfand ich KDE immer als zu langsam. Vor Jahren habe ich dann einmal einen schlanken Desktop getestet (ich glaube, es war IceWM) und war fasziniert davon, wie schnell mein Computer sein konnte. Da verstand ich, dass ich eine kleine, schnelle, aber dennoch gut aussehende Desktop-Umgebung haben wollte. Als Ersatz für Gnome gibt es leichtgewichtige Alternativen mit XFCE und LXDE – für KDE gab es nichts. Das haben wir korrigiert. Die Frage, warum wir Qt benutzen, lässt sich einfach beantworten: Wir mögen C++, und Qt ist meiner Meinung nach das beste Toolkit für C++.

LU: Razor-qt 0.4.1 ist bereits erstaunlich stabil und benutzbar. Welche Features fehlen Dir am meisten, und was dürfen wir für Version 0.5 erwarten?

AS: In die nächste Version werden viele Bugfixes und Verbesserungen an bestehenden Komponenten wie dem Application Runner und dem Panel mit seinen Plug-ins einfließen. Weitere Verbesserungen gibt es an der GUI für die Razor-qt-Einstellungen. Wir arbeiten aber auch an neuen Features wie einem Notification-Daemon und einer Qt-basierten GUI für LightDM, die wir hoffentlich noch in 0.5 einbringen können. Nicht unerwähnt bleiben soll unser Übersetzer-Team: Razor-qt gibt es mittlerweile in 20 Sprachen, bis hin zu Exoten wie Esperanto.

LU: Das Interesse seitens der Linux-Szene an Razor-qt ist enorm: Es gibt Zusammenarbeit mit Suse, Gentoo und Mageia führen die Pakete in ihren jeweiligen Repositories, und zu guter Letzt hat Siduction eine Live-CD mit Razor-qt und vielen Qt-Apps veröffentlicht.

AS: Ich war selbst erstaunt über so viel Interesse. Es sieht so aus, als sei ein schlanker, eleganter Desktop auf Qt-Basis für Viele von Interesse. Natürlich schauen wir auch andere Desktops an und werden Funktionen von dort integrieren. Unser Ziel: Razor-Qt soll nach der Installation betriebsbereit sein und sich per GUI weiter individuell konfigurieren lassen. Wer keine Konsole mag, soll sie auch nicht benutzen müssen.

LU: Danke, Alexander, für Deine Ausführungen.

Das Interview mit Alexander Sokoloff führte Ferdinand Thommes und übersetzte es aus dem Englischen.

Infos

[1] Razor-qt: http://razor-qt.org

[2] Siduction: http://siduction.org

[3] Live-CDs mit Razor-qt : http://razor-qt.org/install/live.php

[4] Offizielle Qt-Apps-Seite: http://qt-apps.org

[5] Browser QupZilla: http://www.qupzilla.com

[6] Silicon Empire: http://getsilicon.org

[7] EggWM: http://code.google.com/p/eggwm/wiki/Main?tm=6

Der Autor

Ferdinand Thommes ist Entwickler bei Siduction und lebt als freier Autor und Stadtführer in Berlin.

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Kommentare
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Alex D aus F (unangemeldet), Dienstag, 07. August 2012 17:54:37
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Leider findet der Kernel etwas nicht und Live CD bleibt stehen. Die CD sind doch sonst immer gut gelaufen. Was ist los?

Alex


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Siduction 64bit Live: Snow Crash beim Start
Jens Felderhoff (unangemeldet), Dienstag, 24. Juli 2012 07:48:47
Ein/Ausklappen

Beim Booten der Live-Version von Siduction 12.1 bekomme ich einen Snow Crash. Auch Strg-Alt-F1 bringt keine Textkonsole zurück - es hilft nur Neustart in die Distro-Auswahl. Dasselbe passiert auch bei Siduction 32bit. Mein Rechner: Lenovo T400.

Diesen Beitrag schreibe ich übrigens unter Sabayon 9 Live von der selben DVD - keine Probleme damit.


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Typo
Ferdinand Thommes, Dienstag, 17. Juli 2012 13:54:49
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Bitte korregieren:
Seite 3: Fazit
Das vielversprechendes junges Projekt...
Danke


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