Rasiermesserscharf
Siduction mit dem innovativen Desktop Razor-qt
Die beiden führenden Desktop-Umgebungen für Linux sind KDE SC und Gnome. Allerdings vergrätzten beide Projekte in den letzten Jahren durch ihre Upgrade-Politik viele Fans. Sowohl KDE SC 4 als auch Gnome 3 waren in ihrer Anfangsphase für produktive Zwecke schlicht unbenutzbar. Außerdem fallen bei beiden Desktops die Hardwareanforderungen nicht gerade bescheiden aus. Für Gnome haben sich als leichtgewichtige Alternativen XFCE und LXDE etabliert, die wie der große Bruder auf dem GTK-Framework basieren.
In Form von Razor-qt [1] hat KDE SC erst vor kurzer Zeit ebenfalls ein leichtgewichtiges Pendant bekommen. Wie Sie im Kasten "Interview mit einem Razor-qt-Entwickler" nachlesen können, war – wie so oft – Eigennutz die Triebfeder für dieses Unterfangen: KDE 3 war dem Initiator des Razor-qt-Projekts auf der vorhandenen Hardware zu langsam, die vorhandenen Alternativen erschienen ihm optisch nicht ansprechend genug. Also entwickelte er kurzerhand selbst einen Desktop auf Qt-Basis.
Was ist eigentlich Qt?
Qt, ausgesprochen wie das englische "cute" ([kju:t], dt.: niedlich, schnuckelig), ist eine C++-Klassenbibliothek für das plattformübergreifende Programmieren grafischer Benutzeroberflächen. Qt wurde ursprünglich vom norwegischen Unternehmen Trolltech entwickelt und 2008 von Nokia aufgekauft. 2011 legte Nokia das Projekt unter dem Namen Qt-Project als freie Software in die Hände der Open-Source-Community. Das prominenteste Vorzeigebeispiel für den Einsatz des Qt-Framework ist KDE, dessen bislang letzte Inkarnation KDE SC 4 auf Qt4 basiert. An einem Nachfolger auf Basis der bereits erschienen Version 5 von Qt bastelt das KDE-Projekt bereits.
Siduction-Razor-qt
Die auf Debian "Unstable" aufsetzende Distribution Siduction [2] hat auf dem LinuxTag 2012 in Berlin eine erste vollwertige Implementation von Razor-qt in einer Distribution vorgestellt [3]. Hierzu wurde, da für Debian noch keine Razor-qt-Pakete zur Verfügung stehen, ein Auszug aus dem Git-Repository von Razor-qt 0.4.1 vom 26. Mai 2012 ausgecheckt und mit Siductions Buildsystem Pyfll in ein installierbares integriert.
Da die Entwicklung von Razor-qt schnell voranschreitet, erstellten die Siduction-Entwickler für die Heft-DVD dieser Ausgabe am 20. Juni exklusiv für LinuxUser einen weiteren Snapshot und bauten damit ein Siduction-Live-Image. Seit der Veröffentlichung des Development-Releases von Siduction sind beispielsweise ein Mount- sowie ein Notification-Modul dazugekommen. Das ISO-Image auf der Heft-DVD hat eine Größe von rund 700 MByte, es handelt sich um ein Live-Image mit Installer. Support dazu bietet die Siduction-Crew in ihrem Forum oder im IRC unter #siduction-de an.
Qt-Apps im Release
Ein Desktop-Environment auf Qt-Basis verlangt natürlich auch nach Qt-basierten Programmen. Aber wer kennt schon ausreichend in Qt geschriebene Programme, um eine Distribution damit in allen Positionen auszustatten?
Klar: Es gibt VLC, Qmmp und Qt-Versionen etlicher bekannter Programme wie Transmission oder Virtualbox. Aber ein fähiger Browser, ein Brennprogramm oder ein Dateimanager mit Zwei-Fenster Ansicht? Beginnt man erst einmal, nach Qt-basierten Programmen zu recherchieren ([4]), freut man sich über die große Fülle an vorhandenen Programmen. Doch die Ernüchterung folgt gleich auf dem Fuß, da viele der Programme entweder qualitativ nicht ausgereift sind oder schon länger nicht mehr weiterentwickelt werden.
Beim Aussortieren bleiben aber doch einige echte Perlen übrig, wie etwa der Webkit-basierte Browser QupZilla [5] oder die Brennsuite Silicon Empire [6]. Das Siduction-Team fand nach längerer Recherche ausreichend Stoff, um das Razor-qt-Release mit Qt-Apps für alle wichtigen Positionen auszustatten; als Login-Manager findet LightDM Verwendung. Eine komplette Liste der Apps finden Sie in der Tabelle "Qt-Apps in Siduction Razor-Qt".
Qt-Apps in Siduction Razor-Qt
| Name | Funktion |
|---|---|
| BSC | Der Zwei-Fenster-Dateimanager Beesoft Commander lehnt sich an den Norton Commander an und bringt vielen Eigenschaften des Urahns mit. |
| JuffEd | Ein Texteditor, File-Browser und Terminal in einer Oberfläche, der in C++ geschrieben ist und Qt4 als grafische Oberfläche nutzt. Er lässt sich über Plugins erweitern und lässt sich vielseitig konfigurieren. |
| Nomacs | Ein Betrachter für alle gängigen Bildformate mit verschiedenen Bearbeitungsfunktionen wie Beschneiden, Drehen und Skalieren. Er unterstützt das Öffnen mehrerer Viewer-Fenster auf einem Rechner oder im LAN und synchronisiert diese. |
| QasMixer | Ein Desktop-Mixer für das Simple Mixer Interface von Alsa, der einen ähnlichen Funktionsumfang bietet wie Alsamixer. Er beinhaltet auch ein Tray-Icon mit grundlegenden Mixer-Funktionen. |
| Qlipper | Ein leichtgewichtiges, plattformübergreifendes Applet für die Zwischenablage. |
| Qmmp | Der Audio-Player basierent auf den Qt-Bibliotheken und hat eine ähnliche Nutzerschnittstelle wie Winamp oder XMMS. |
| Qterminal | Der Multitab-Terminal-Emulator basiert auf dem QtermWidget von Qt. Er lässt sich im normalen Fenster oder als Dropdown-Terminal á la Yakuake konfigurieren. |
| QupZilla | Der schnelle Multi-Plattform-Webbrowser nutzt als HTML-Rendering-Engine QtWebKit. |
| QutIM | Der Multiprotokoll-Instant-Messenger unterstützt die gängigen Protokolle (ICQ, Jabber, Mail.Ru, IRC, VKontakte). |
| QXKB | Ein simpler Tastatur-Layout-Umschalter. |
| Screengrab-qt | Das Tool erstellt Bildschirmfotos und legt diese in der Zwischenablage ab oder lädt sie ins Internet hoch. |
| Silicon Empire | Ein Brenn-, Kopier- und Löschprogramm für optische Medien. Es arbeitet auf CDs, DVDs und Blu-ray-Disks, zeigt alle Informationen der benutzten Medien vor dem eigentlichen Brennprozess an und beherrscht Drag & Drop. Es kann mit vielen Image-Formaten (ISO, NRG, BIN, MDF und IMG) umgehen. |



