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© James Steidl, 123RF

Auf neuem Kurs

Im Gespräch mit Jean-Manuel Croset, CEO von Mandriva SA

17.07.2012
Das mehrfach beinahe havarierte Schiff Mandriva SA hat einen neuen Kapitän. LinuxUser sprach mit dem neuen CEO Jean-Manuel Croset über dessen Pläne und Aussichten für das Unternehmen.

Mandriva SA, der französische Herausgeber der Distribution Mandriva Linux, hat ein sehr unruhiges Jahrzehnt hinter sich. Anfänglich unter dem Namen Mandrakesoft als erfolgreicher Distributor hochgelobt und von den Investoren der Dotcom-Ära begehrt, geriet das Unternehmen im Rahmen des bald folgenden Dotcom-Strudels in so ernsthafte Schwierigkeiten, dass 2003 nur noch die Inanspruchnahme des Gläubigerschutzes Mandrakesoft vor der Insolvenz rettete.

In der Folgezeit konnte sich der ab 2005 als Mandriva SA firmierende Distributor wieder aus dem Tief hervorkämpfen, litt aber immer wieder unter Finanznöten und wurde 2010 erneut nur durch das Auftauchen des Finanzinvestors Townarea Ltd. vor dem Aus bewahrt. Im Rahmen dieser Rettungsaktion musste sich Mandriva SA von seinem Geschäftsteil EdgeIT trennen, in dem die meisten Entwickler der Distribution Mandriva Linux beschäftigt waren. Dies hatte unter Anderem zur Folge, dass der Fork Mageia entstand, über dessen jüngstes Release wir erst kürzlich berichteten [1].

2012 stand Mandriva SA schon wieder vor der Insolvenz, da einer der Investoren sich gegen eine dringend benötigte Kapitalerhöhung sperrte. In dieser Situation konnte der damalige COO des Unternehmens, Jean-Manuel Croset, durch die Übernahme der Aktien dieses Investors den Weg zu der benötigten Kapitalerhöhung freimachen. Im Unterschied zu anderen Investoren übernahm Croset gleichzeitig auch als CEO das Steuer des Unternehmens und plant Mandriva SA durch einige Maßnahmen in ein ruhigeres Fahrwasser zu führen.

LinuxUser freut sich, dass Jean-Manuel Croset sich als erstes Mitglied eines Mandriva-Managements einem deutschen Fachmagazin für ein Interview zur Verfügung stellte.

Jean-Manuel Croset tritt als CEO an, um Mandriva SA wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen.

Schweizer Wurzeln

LinuxUser: Zunächst möchten wir Ihnen danken, dass Sie sich bei all Ihren Verpflichtungen die Zeit für ein ausführliches Interview nehmen. In der "Szene" weiß man bisher – außer Ihren Schweizer Wurzeln – nur wenig über die Person Jean-Manuel Croset. Wären Sie so freundlich, uns etwas über Ihren Hintergrund zu erzählen?

Jean-Manuel Croset: Vielleicht liegt es gerade an meinen Schweizer Wurzeln, dass ich die produktive Arbeit ausführlichen Statements und sensationellen Meldungen vorziehe.

Ich habe nach dem Abschluss der Höheren Handelsschule mit anschließender technischer Weiterbildung meine Karriere in verschiedenen Großunternehmen in der Schweiz und im näheren Ausland begonnen. Nach einer Weltreise verbrachte ich 10 Jahre in leitenden Positionen bei verschiedenen Projekten des Schweizer Bundesheeres (Einführung, Verkauf und Ausbildung von Telematik und IT-Systemen). 2010 gründete ich ein IT-Unternehmen in der Schweiz, das in den Bereichen Netzwerk, Hosting und Services sowie Consulting aktiv ist. In diesem Rahmen wurde ich beauftragt, bei der Umstrukturierung von Mandriva SA mitzuarbeiten.

LU: Wie wurden Sie auf Mandriva aufmerksam, und was bewog Sie letztendlich dazu, sich in diesem umfassenden Ausmaß mit dem Unternehmen zu verbinden?

JMC: Ich habe im Oktober 2011 im Rahmen eines Consulting-Auftrags als COO bei Mandriva SA begonnen. Dabei wurde mir schnell klar, dass einerseits viel Arbeit nötig sein würde, um das Unternehmen in den Fokus des Marktes zurückzubringen, dass sich aber mit dem vorhandenen riesigen Potenzial des Unternehmens auch viel erreichen ließe. Überzeugt durch die im Unternehmen vorhandenen Fähigkeiten, habe ich mich auch im Rahmen der Kapitalerhöhung zur persönlichen Beteiligung durchgerungen.

Das Unternehmen

LU: Derzeit scheint die Lage durch Ihren Einstieg und die jüngst erfolgte Kapitalspritze stabilisiert – zumindest fürs Erste. Natürlich fragt sich nun jeder Beobachter: Ist die finanzielle Lage jetzt nachhaltig stabilisiert? Wie lange reicht das frische Geld? Muss man nicht davon ausgehen, dass spätestens in zwei Jahren Mandriva wieder wackelt?

JMC: Die finanzielle Lage des Unternehmens ist sehr stabil. Wir haben jetzt die Mittel zur geplanten Restrukturierung sowie für das Einführen und Unterstützen der Produkte und Dienstleistungen, welche die Zukunft der Firma innerhalb der nächsten zwei Jahre sichern sollen. Zudem bezahlen wir die langjährigen Schulden in ein paar Monaten vollständig zurück, was in der Geschichte der Firma ein Novum darstellt.

Mandriva SA wird auch in zwei Jahren noch auf dem Markt und sogar sehr erfolgreich sein, wenn es uns gelingt, innovative und konkurrenzfähige Produkte und Dienste erfolgreich zu vermarkten. Dies setzt allerdings ein Umdenken voraus, das zurzeit auch stattfindet.

LU: Als Kapital eines Unternehmens gilt ja nicht nur das Bare, sondern insbesondere auch das sogenannte Humankapital, also die Innovationskraft und das Können der Mitarbeiter. Wie viel Personal beschäftigt Mandriva SA momentan, und bei wie vielen der Mitarbeiter handelt es sich um Entwickler? Erlaubt die finanzielle Erholung Neueinstellungen, und falls ja: Wie viele Entwickler planen Sie einzustellen?

JMC: Mandriva SA beschäftigt heute rund 40 Mitarbeiter an sechs Standorten, 80 Prozent davon sind in der Entwicklung tätig. Gleichzeitig investieren wir durch unsere Tätigkeit in Forschungsprojekten in beträchtlichem Ausmaß in die Zukunft des Unternehmens. Wir werden innerhalb der nächsten sechs Monate rund 10 Mitarbeiter einstellen.

LU: In der Vergangenheit musste Mandriva immer wieder empfindliche Rückschläge bei seinen Geschäften hinnehmen, wie etwa die spektakuläre Entscheidung der französischen Gendarmerie Nationale zugunsten von Ubuntu statt des heimischen Mandrivas auf ihren 80 000 Desktops. Auch in anderen ins Auge gefassten Märkten (beispielsweise Südamerika) hatten konkurrierende Unternehmen die größeren Erfolge. Welche Märkte will Mandriva in Zukunft mit welchen Produkten adressieren? Spielt Europa dabei noch eine wesentliche Rolle?

JMC: Europa spielt in unseren Zukunftsplänen eine wichtige Rolle. Wir betrachten diesen Markt als sehr reif und anspruchsvoll; gerade hier müssen wir durch eine konsequente Verbesserung des Angebots und eine qualitative Steigerung unserer Produktpalette überzeugen. In Brasilien sind wir bereits stark aufgestellt und möchten diesen Markt sowie andere zukunftsträchtige Märkte künftig konsequent und systematisch adressieren.

Für uns zählt aber die Übereinstimmung unserer Produkte mit den Marktbedürfnissen (jetzige und künftige) mehr als ein rein geografischer Ansatz. Wir konzentrieren uns künftig auf Unternehmen, mit Produkten und Dienstleistungen für Server und IT-Management – auch in der Cloud. Zudem wird der Bildungsbereich nach wie vor eine wichtige Rolle für uns spielen.

LU: Wie will sich Mandriva dabei gegen die dominante Konkurrenz durchsetzen? Warum sollte ein Kunde Mandriva statt Red Hat oder Canonical wählen? Und wie wollen Sie angesichts der in der Vergangenheit periodisch immer wieder bei Mandriva auftretenden Finanzkrisen Vertrauen bei Kunden im Unternehmensmarkt wecken?

JMC: Primär sollten sich die Kunden auf Grund der Qualität sowie entscheidender Vorteile für unsere Produkte entscheiden. Die klar identifizierte Herkunft unserer Lösungen wird uns zusammen mit unserer Innovationsfähigkeit dabei helfen, das Vertrauen zurückzuerobern. Dazu soll auch die klar definierte Strategie und die daraus entstehende Stabilität im Unternehmen mittel- und langfristig beitragen.

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