Gnome light
Maßgeschneiderter Desktop mit XFCE
Olivier Fourdan konnte nicht ahnen, welch dicken Stein er ins Rollen brachte, als er vor sechzehn Jahren ein Panel veröffentlichte, das damals eigentlich nur als Erweiterung für den Fenstermanager Fvwm dienen sollte. Das einstige Mini-Projekt hat sich inzwischen zur ausgewachsenen Arbeitsumgebung gemausert.
Das kürzlich in Version 4.10 erschienene XFCE [1] zählt somit zu den ältesten grafischen Umgebungen für freie Betriebssysteme überhaupt. Anfangs lehnte es sich bei Erscheinungsbild und Bedienung an das kommerzielle, mittlerweile nicht mehr weiterentwickelte CDE an. Nach einer Umstellung der Grafikbasis von XForms auf GTK+ entstand daraus ein modularer, in den Basisanwendungen vollständiger Desktop (Abbildung 1).
Underdog
Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang die Metapher des "kleinen Gnome" auf. Vom GNU-Desktop hat XFCE vor allem eines geerbt: Die Modularität, die niemandem feste Arbeitsabläufe aufzwingt, sondern weitgehende Anpassungen und den einfachen Austausch selbst der Kernkomponenten ermöglicht.
Allerdings hinkt der beliebte Vergleich neuerdings etwas, weil er sich auf das Verhalten von Gnome 2.x bezieht, während die neuesten Ausgaben des GNU-Desktops eine fest verschraubte, nur mäßig und umständlich zu konfigurierende Umgebung auf den Bildschirm legen. Zwar blieb nach der Veröffentlichung von Gnome 3.0 die von den Verfechtern der reinen Lehre prophezeite Massenflucht zu XFCE aus, aber eine leise Wanderung lässt sich dennoch spüren [2].
Installieren Sie XFCE als Metapaket der Distribution Ihrer Wahl, so landen neben einigen Bibliotheken mindestens die folgenden Anwendungspakete auf Ihrem Rechner: xfce4-panel, xfce4-session (wozu sich in XFCE 4.8 außerdem noch die xfce4-utils gesellen), xfdesktop, xfwm4 und thunar. Wegen der distributionsseitig festgelegten Paketabhängigkeiten und der mitgelieferten systemweiten Konfiguration lässt sich hier meist nichts abspecken, obwohl es mit ein wenig Aufwand gelingt, eine "nackte" Sitzung lediglich mit Xfce4-session zu starten.
Fensterschieber
XFCE setzt nach wie vor auf Xfwm4 als vorgegebenen Fensterverwalter. Das Programm entstand aus dem Code des Ur-Fvwm, Xfwm4 geht aber inzwischen völlig eigene Wege. Neben den Basisfunktionen beherrscht er mittlerweile auch Compositing. Dabei beschränken sich die Funktionen auf Transparenzen und Schattierungen für Fensterrahmen und Menüs – verspielte Animationen wie in Compiz und Kwin sieht Xfwm4 nicht vor.
Die neueste Version zeigt auch zaghafte Ansätze zu Tiling-Funktionen: Ergreifen Sie ein Fenster per Mauszeiger an der Titelleiste und schieben es an einen der Bildschirmränder, maximiert der Fenstermanager es es dort so, dass es den halben Bildschirm einnimmt. Freilich stellt das noch keine Kacheln im eigentlichen Sinn dar, doch der erste Schritt ist getan und lässt auf zukünftige Erweiterungen hoffen. Das Tiling funktioniert allerdings beim Nutzen mehrerer Bildschirme am Rechner nur eingeschränkt: Haben Sie dazu den Fensterverschub so eingestellt, dass beim Ziehen eines Fensters über den seitlichen Bildschirmrand dieses auf der daneben liegenden Arbeitsfläche landet, klappt das Platzieren in der linken oder rechten Hälfte des Bildschirms natürlich nicht mehr.
Für Umsteiger aus anderen Arbeitsumgebungen könnte interessant sein, Xfwm4 einfach auszutauschen. Beherrschen Sie die Tastenkürzel Ihres Lieblingsfenstermanagers wie im Schlaf und möchten dessen gewohnte Verhaltensweisen nicht missen, hat XFCE auch rein gar nichts dagegen. Für einen Wechsel des Windowmanagers müssen Sie noch nicht einmal in Konfigurationsdateien wühlen.



