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Zweischneidig

Mandriva-Derivat ROSA Marathon 2012 EE im Test

26.06.2012
Nach dem Fork Mageia ist jetzt auch vom russischen Hauptanteilseigner ROSA Lab eine auf Mandriva basierende eigene Distribution erschienen.

Mandriva gehörte einst zur Top-Liga der Distributionen: einsteigerfreundlich, aktuell und mit ausgezeichneter Community-Basis. In den letzten Jahren machte das gleichnamige Unternehmen aber fast ausschließlich durch finanzielle Turbulenzen von sich reden. Durch die Unsicherheit über die Zukunft verkleinerte sich die Anwenderbasis währenddessen zusehends.

Weitere Rückschläge musste das Unternehmen Mandriva mit der misslungenen Neuauflage des Betriebssystems im Jahr 2011 hinnehmen, hinzu kam die Uneinigkeit der führenden Anteilseigner über den künftigen Unternehmenskurs. Doch neuerdings kommt Bewegung in das Mandriva-Universum: Neben dem 2011 eingeführten Fork Mageia (siehe Artikel in dieser Ausgabe) hat nun das russische ROSA Lab, das wie Mandriva zu den "Schäfchen" des Großinvestoren Townarea Ltd. zählt, ein eigenes Derivat mit dem Namen ROSA Desktop Marathon 2012 auf die Beine gestellt.

Zielgruppe

Anders als Mandriva 2011 und dessen Vorgänger legt ROSA Marathon den Fokus eindeutig auf Anwender im Unternehmen [1]. Der Name des Systems symbolisiert diese Entscheidung: ROSA Lab sichert den Nutzern des Marathon-Desktops einen Supportzeitraum von fünf Jahren zu. Zudem weist der Hersteller auf seiner Website explizit darauf hin, dass er die Auswahl der Software an die Bedürfnissen der Zielgruppe angepasst hat, sodass diese keine mit Gimmicks überfrachteten Menüs zu erwarten hätten [2].

Anders als Mandriva 2011 verliert der ROSA-Desktop nicht jene Anwender aus den Augen, die mit älterer Hardware arbeiten: Neben der Hauptversion mit KDE 4, wie es auch in Mandriva 2011 zum Einsatz kommt, befindet sich eine Marathon-Variante mit dem schlanken LXDE-Desktop in Arbeit. Sie soll aufgrund der geringen Ansprüche an die Hardware auch auf älteren Systeme eine ansehnliche Performance erzielen [3].

Los geht's

ROSA Marathon 2012 kommt als jeweils knapp 1,5 GByte großes ISO-Image für 32- und 64-Bit-Systeme. Beide gestatten sowohl den Live-Betrieb als auch die sofortige Installation auf der Festplatte aus dem Grub-Menü heraus. Überdies liefert das Unternehmen die Distribution in einer Free- und einer Extended-Variante aus, wobei die erweiterte Version unfreie Software enthält, wie etwa Videocodecs [4].

Wenig Freude macht die Distribution in der KDE-Variante auf untermotorisierten Systemen: Auf einem älteren Testsystem mit lediglich 512 MByte Arbeitsspeicher dauerte der Start im Live-Betrieb nahezu eine geschlagene Viertelstunde, bis der Desktop aufgebaut war. Auf einer modernen Maschine ging die Live-Variante zügig und ohne jegliche Probleme an die Arbeit.

Für Mandriva-Kundige gibt es wenig Überraschungen: Die Tools zum Lokalisieren stammen aus den früheren Versionen der französisch-brasilianischen Distribution, sodass sie keinerlei Umgewöhnen erfordern. Nach kurzer Startzeit begrüßt ROSA Marathon den Nutzer mit einem aufgeräumten KDE4-Desktop.

Bereits im Test der Live-Variante fiel auf, dass der Hersteller einige grobe Schwächen von Mandriva 2011 offensichtlich behoben hat, wie das teils fehlerhafte Ansteuern des Bildschirms oder die problematische Einstellung der Audio-Hardware. Der Desktop arbeitete selbst auf der einem unter Linux oft widerborstigen Testsystem mit ATI-HD3470-Grafikkarten unauffällig und flüssig.

Ein erster Blick in die Menüs zeigt, dass die russischen Entwickler das System deutlich entschlackt haben: Insbesondere in den Gruppen Grafik und Unterhaltungsmedien herrscht im Vergleich zu anderen KDE-basierten Distributionen geradezu gähnende Leere. Spiele finden Sie bei ROSA Marathon ebensowenig wie das von Mandriva her bekannte Menü Dokumentation mit unterschiedlichen Anleitungen.

Ansonsten gibt sich das russische Mandriva-Derivat in Sachen Aktualität keine Blöße: Unter der Haube werkelt ein Kernel 3.0.28. Die Applikationen befindet sich ebenfalls auf einem aktuellen Stand: So bringt ROSA Marathon unter anderem LibreOffice 3.4.5, Firefox und Thunderbird 10.0.2, der Bildbetrachter Gwenview 2.8.2 und den Dateimanager Dolphin 2.0 mit.

Mit der Unterstützung aktueller Technologien wie Nvidias Optimus oder Chipsätzen der neuesten Intel-Generationen sorgen die Entwickler dafür, dass die LTS-Distribution deren Möglichkeiten optimal ausnutzt. Ausgerechnet einige im Unternehmensumfeld wichtige Programme fehlen jedoch: So findet sich weder ein vollwertiges Bildbearbeitungsprogramm noch Software zum Verwalten von Projekten, und auch Terminkalender sowie Newsfeed-Programm glänzen durch Abwesenheit.

Dem Bedienkonzept von KDE folgend, präsentiert ROSA Marathon – eine entsprechend leistungsfähige Grafikkarte vorausgesetzt – selbst in der Live-Variante diverse optische Gimmicks, die beispielsweise Schatten generieren oder den Hintergrund des Desktops verdunkeln, sobald eine Applikation eine Eingabe in einem Fenster erwartet.

Allerdings sind die KDE-spezifischen Fenster in sehr unergonomischen, dunklen und wenig kontrastreichen Farben gehalten. Das erschwert das Bedienen des Systems insbesondere bei ungünstigen Lichtverhältnissen teils recht stark (Abbildung 1).

Abbildung 1: Schwarz auf schwarz: Wo befindet sich auf der rechten Seite der Balken zum Scrollen?

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